Ich will doch nur Zeit zum Lesen

04 Dezember 2016 | 9 Kommentare
Tick-Tick-Tick. Die Zeiger drehen sich schnell. Manchmal fühl ich mich wie das weiße Kanichen, immer zu spät dran, zumindest aktuell. Wahrscheinlich hätte es sogar noch Mitleid mit mir. Ob das weiße Kanichen eigentlich irgendwann Burn-Out hatte? Vielleicht ist das wahre Problem bei Alice in Wunderland die Zeit und der Stress? Vielleicht träumt sich Alice nur in diese phantasievolle Welt, weil sie insgeheim sich zu Tode schuftet? Der Kapitalismus hat Alice in den Wahn getrieben!
Bevor  ich jetzt aber endgültig ins obskure Feld der Interpretation von Literatur gerate, kümmern wir uns eher um den richtigen Stoff. Wie schafft man sich eigentlich die Zeit beim Lesen? Ja, ich meine richtige Zeit zum Lesen. Momente in denen man ein Buch aufklappt, mit erhobenen Finger vorsichtig die Kante des Papiers streicht und dabei verführerisch auf die Lippen beißt. Zeit, in der die Hände den Buchrücken hinabgleiten und sich kraftvoll ans Lesebändchen hängen. Die zarten Worte, die einen ins Ohr flüstern und zu ganz wunderbaren Lauten werden. Ohja... das wäre geil.

Rezension: Spinner von Benedict Wells

20 Oktober 2016 | Kommentieren

Die Jagd nach seinen Träumen

Eigentlich 2008 erschienen, hat sich Benedict Wells zurück an seinen Schreibtisch gesetzt und ein jüngeres Werk überarbeitet. Damals mit 19 geschrieben, weist der "Spinner" so manche Parallele mit den Leben des Autors aus. Wie der Autor selbst ist der Protagonist nach dem Abitur in die Hauptstadt Berlin gezogen. Auf dem Weg ein großartiger Schriftsteller zu werden, sieht er sich mit Problemen konfrontiert und findet sich selbst in Ängsten und Verdrängungen wieder.

Rezension: Die Stille vor dem Tod von Cody McFadyen

12 Oktober 2016 | Kommentieren

Langes Warten für nichts?

Fünf Jahre hat man warten müssen und endlich ist er da, der neue McFadyen. Ein neuer Roman rund um Smokey Barrett, eine starke FBI-Agentin, die sich mit den grausamsten Serienkillern herumschlägt. Menschen, die sie jagen, Kreaturen, die ihre Psyche fast zum Fall bringen, doch sie steht wieder auf. Eine faszinierende Protagonistin, die mit dem Geschick des Autors zur Geltung kommt. Er beherrscht Abgründe wie kein anderer, die Psychologie des Tötens ist fast schmerzlich nachvollziehbar und nicht zu oft liegt man die Thriller zur Seite, weil man entweder die aufsteigende Panik oder den Magen erst wieder in Ordnung bringen muss.
So beginnt auch "Die Stille vor dem Tod" mit einem glanzmäßigen Auftritt. Mitten hineingeworfen in eine Wohngegend, findet die schwangere Smokey Barett und ihr Team sich in einer halben Apokalyse wieder. Verschiedenen Familien sind um ihr Leben gebracht worden, alle am gleichen Abend. Doch bevor die eigentliche Ermittlung überhaupt beginnen kann, tobt ein Krieg bei dem die Agentin bedroht wird und dass im siebten Monat ihrer Schwangerschaft. Wäre das nicht genug, knallt es noch mehr Kugeln und Smokey gerät in noch größere Gefahr. Was sie findet, überschreitet Ekel und Vorstellungskraft. Das nennt man dann voll einen Opener, der einen zum Teddybär greifen lässt. Man will schon die Fingernägel knabbern und dann passiert es: Cody McFadyen liefert nicht mehr, sondern zimmert wahllos zusammen.

Im Herbst ist man leise

09 Oktober 2016 | 2 Kommentare

Deinen Kopf gegen die Scheibe gelehnt, hoffst du doch nur eines Tages würde es sich ändern. Dass da dieses Dröhnen in deinen Hirnwindungen aufhört oder was auch immer es sonst sein mag, was sich da unter deine Schädeldecke herumtreibt. Haben ja alle, sagen sie. Ist ganz normal, meinen sie. Dabei versuchst du im Regen des Herbstes diese Melancholie zu finden, die dich doch beruhigt hat. Dieser alte gute Freund, der alles so schön schwammig macht. Schwammig wie nach einer Vollsuffnacht. So Tage, wo man sich immer so leer und und ausgehöhlt fühlt, ein Zeichen, dass du eben alles gegeben hast und wenn es auch deine Unterwäsche war.
Da fällt es dir wieder ein wie es eigentlich wirklich war. Hier war keine Nacht mit Glanz und Gloria und wir gehen unter. Die Musik war mehr so Gestammel und was von Romantik war nicht vorhanden. Nicht mal in deinem kleinen romantisierten Kopf aus Filmstreifen war Platz für ein wenig Liebelei. So ein bisschen Flattern zwischen unter den Lungenflügeln hat noch niemanden geschadet, aber du fliegst nicht. Es war mehr so dieses Geklopfte gegen Bettkanten, wo genervte Mitbewohner einen anschreien, ob man nicht leise vögeln kann. Man will pennen.

Rezension: Wir kommen von Ronja von Rönne

20 September 2016 | 1 Kommentar

Schöne Sätze auf dünner Handlung

Man kommt kaum an ihr nicht vorbei, dieser neuen, jungen Stimme des Feuilletons, welche mit ihren flapsigen und vor Poesie strotzenden Stil sich ihre Leserschaft erobert hat. Ein bisschen Metamädchen. Mit kleinen Texten und Debatten wurde sie schnell bekannt. Vielleicht auch ein wenig zu schnell, dass sie nicht ganz mehr Schritt halten konnte mit den Schuhen, die er gegeben wurden.
So scheint es zumindest mit "Wir kommen" zu sein. Ein Roman über die Oberflächlichkeit in einer Viererbeziehung und den Versuch Nähe zu heucheln, wo schon lange nichts mehr ist und mit Charakteren, die sich insgeheim gegenseitig ankotzen. Die ganze Misere dreht sich um Nora, die mit ihrem Besuch beim Therapeuten die Aufgabe bekommt akribisch aufzuschreiben, was ihr so den ganzen Tag passiert, um herauszufinden, was die Panik, die sie jeden Morgen verspürt, denn nur auslöst. An sich ein guter Startpunkt für eine Geschichte, die sich damit kurzerhand frei macht von allen vorgegebenen Einschränkungen. Es geht um jemanden, der Probleme hat und sie einfach trotzig auf den Punkt bringt, einerseits um zu zeigen, so schlimm ist es vielleicht doch nicht und wiederum genau das durchscheinen zu lassen. Eine Erzählerin, die sich gegenüber anderen unbewusst eben rechtfertigt, aber es irgendwie auch nicht muss, liest ja keiner außer ihr Therapeut, den darf man ja ehrlich sein.