Rezension: Wir kommen von Ronja von Rönne

20 September 2016 | Kommentieren

Schöne Sätze auf dünner Handlung

Man kommt kaum an ihr nicht vorbei, dieser neuen, jungen Stimme des Feuilletons, welche mit ihren flapsigen und vor Poesie strotzenden Stil sich ihre Leserschaft erobert hat. Ein bisschen Metamädchen. Mit kleinen Texten und Debatten wurde sie schnell bekannt. Vielleicht auch ein wenig zu schnell, dass sie nicht ganz mehr Schritt halten konnte mit den Schuhen, die er gegeben wurden.
So scheint es zumindest mit "Wir kommen" zu sein. Ein Roman über die Oberflächlichkeit in einer Viererbeziehung und den Versuch Nähe zu heucheln, wo schon lange nichts mehr ist und mit Charakteren, die sich insgeheim gegenseitig ankotzen. Die ganze Misere dreht sich um Nora, die mit ihrem Besuch beim Therapeuten die Aufgabe bekommt akribisch aufzuschreiben, was ihr so den ganzen Tag passiert, um herauszufinden, was die Panik, die sie jeden Morgen verspürt, denn nur auslöst. An sich ein guter Startpunkt für eine Geschichte, die sich damit kurzerhand frei macht von allen vorgegebenen Einschränkungen. Es geht um jemanden, der Probleme hat und sie einfach trotzig auf den Punkt bringt, einerseits um zu zeigen, so schlimm ist es vielleicht doch nicht und wiederum genau das durchscheinen zu lassen. Eine Erzählerin, die sich gegenüber anderen unbewusst eben rechtfertigt, aber es irgendwie auch nicht muss, liest ja keiner außer ihr Therapeut, den darf man ja ehrlich sein.

Rezension: Morgen ist es vorbei von Kathrin Weßling

08 September 2016 | 1 Kommentar

Liebe ist ein wildes Wesen

Auf der Suche nach der Liebe fällt man, stolpert man, hustet sich die Seele aus dem Leib und schaut sehnsüchtig mit Zigarette im Winkel den schönen Momenten nach. Man haucht, man stöhnt, man schreit innerlich, man zerbricht, zerfällt und irgendwann bleibt nur noch der Wein, des Glases nicht mehr wert, und hat diesen Blick, sieht alles mit diesen heruntergeklappten Augen an. So eine komische Mischung aus Melancholie und Selbstmitleid. Nennt sich Liebeskummer, ist unschön, fühlt sich an wie kleine Explosionen im Herzen. Und niemand fängt so wundervoll diesen inneren Krieg mit sich und seinen Gefühlen besser ein, als Kathrin Weßling in ihrer Sammlung an Geschichten.

Ein deutscher Roadtrip, Mr. Holmes und ein Alien unter Menschen

04 September 2016 | Kommentieren

Tschick von Wolgang Herrndorf

Für den 14-jährigen Maik schien der Sommer nur Langeweile und Einsamkeit zu versprechen. Seine Mutter wieder einmal in der Klinik und sein Vater auf Geschäftsreise mit der sympathishen Assistentin, scheinen die Ferien eine einzige Katastrophe zu werden. Zumindest ist er allein und wird in Ruhe gelassen. Wäre da nicht Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, der aus dem Hellersdorfer Hochhäusern kommt und mit einen geklauten Lada Niva vor seiner Haustür steht. Die Gelegenheit mal aus diesen beschissenen Trott aufzuwachen. Maik bleibt fast keine andere Wahl als in das Auto zu steigen und so beginnen die Beiden einen Roadtrip durch die ostdeutsche Provinz. Dabei weiß er Maik nichts von Tschick, außer das er in die Walachei will und dort einen Onkel haben soll. Wo auch immer die Walachei liegt. Aber welche Alternative hat er schon, wenn die Mutter auf Entzug und der Vater die Assistentin flachlegt. Und das er auch noch heilos verliebt ist, treibt ihn schlussendlich endgültig weit weg aus seiner reichen Idylle.
Dass keiner weiß, was sie eigentlich tun und sie planlos durch die Gegend fahren, bringt das Gefühl von Abenteuer hervor. Wer wäre nicht gerne mal mit 14 Jahren einfach durch die Gegend gefahren, hätte sich treiben lassen und ist auf die wildesten Menschen getroffen. Zwischen fremden, faszinierenden Mädchen, eigenwilligen Männern und überperfekten Familien, entwischen sie der Polizei und versuchen dabei eigentlich selbst zu kennen. Zwei junge Poeten auf der Suche nach sich selbst.

Big Book Issues

21 August 2016 | 11 Kommentare
"Warum ist es nur so groß!" Ja, den Gedanken habe ich auch sehr, sehr oft und lege dann das Buch wieder zurück ins Regal. Ein bisschen wehmütig und traurig vielleicht, aber ich lasse es zurück, da kann es so laut jammern und weinen wie es will. Da bin ich hart! Ich gebe zu, ich habe Probleme mit dicken Büchern. Dieses "I like big books and I cannot lie" (aaahhhh, Ohrwurm!) trifft auf mich nicht zu und wird es auch nicht so schnell. Wenn ich dicke Dinger sehe, möchte ich eher schreiend davonrennen und mich verstecken. Wenn Freunde mir solche empfehlen, setze ich mein Psychopathengrinsen auf und versuche irgendwie unaufällig zu verschwinden. Gibt ja Leute, die stehen auf so richtig pralles Zeug, so kranke Existenzen halt (die man trotzdem lieb hat), aber ich gehöre da nicht dazu.

Harry Potter and the Cursed Child

18 August 2016 | 6 Kommentare
Das ist keine Rezension im üblichen Sinne, sondern eher eine Sammlung an Gedanken zum Theaterstück. Man sollte also dieses kennen. Dementsprechend gibt es jede Menge Spoiler, also wer sich das Theaterstück bzw. das Skript nicht verderben will, hört jetzt besser auf zu lesen.

Lange musste man warten und man dachte, es würde nie wahr werden. Besser gesagt, eigentlich hat man damit gar nicht gerechnet. Harry Potter hat eine Fortsetzung mit "Harry Potter and the Cursed Child": ein Theaterstück, basierend auf der Grundidee von J K Rowling und geschrieben von Jack Thorne und John Tiffany. Die Geschichte knüpft 22 Jahre nach dem Ende des 7. Bandes der Saga an. In der Hauptrolle sind diesmal nicht Harry und die üblichen Verdächtigen, sondern sein Sohn Albus und sein Freund Scorpius und ist dadurch autonom.
Die Geschichte fühlt sich ab Beginn des 1. Aktes wie ein Nach-Hause-kommen an. All die geliebten Charaktere wieder zu "sehen" lässt einen schon das Herz weich werden und doch ist man erstmal überrascht, was aus den damaligen noch Jugendlichen und jungen Erwachsenen geworden ist. Und staunt nicht schlecht. Aber fangen wir der Reihe nach an.