Rezension: Jemand anders von Franz Kabelka

25 September 2011 |

Zum Buch

Verlag: Haymon
Format: Gebunden
Seiten: 232
ISBN-13: 978-3852186948
Preis: 19,90 €

Ein Krimi, der keiner ist

In dem Fitnessstudio „New Life“ gibt es binnen kurzer Zeit zwei Tote. Der Eine kippt vom Fahrrad und ist tot, der Andere ist von einer 100 Kilo Hantel erschlagen worden. Und das auch noch in dem Zeitraum an dem sich Edgar, Chef des Fitnesscenters „New Life“ und ehemaliger Franziskanerpater, nicht erinnern kann. Aufgrund eines Unfalls, bei dem sein Kopf auf einen Felsen gelandet ist, hat er eine retrograde Amnesie und kann sich an nichts mehr erinnern, was nach dem 28. Januar (Jänner) passiert ist. Er begibt sich auf die Suche seines Gedächtnisses und erfährt so einige Dinge, von denen er nie gedacht hat, dass er sie getan hat und Wahrheiten, die er eventuell lieber nicht wiedergewonnen hätte. Neben Edgar wird die Geschichte eines 15-jährigens Mädchens erzählt, die von ihrem Lehrer, weil sie ihn beim Betrachten von kinderpornographischen Inhalten beobachtet hat, aus der Schule heraus drängt.
Warum dieses Buch als Kriminalroman betitelt wird, leuchtet mir nicht ein. Hier wird nicht ermittelt und die zwei Toten, die eventuell einen Mord zum Opfer gefallen sind, treten ziemlich im Hintergrund. Es ist nur eine Nebenhandlung für die eigentliche Geschichte. Stattdessen haben wir eher ein Drama rund um die Thematik: Hilflosigkeit und Ohnmacht durch die Manipulation und Macht Anderer. Als solch ein Drama konnte mich die Geschichte wiederum überzeugen. Die Erzählstruktur ist sehr gut gewählt. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird hin und her gesprungen und damit der Wahrheit von Edgar immer näher geführt. Man erfährt mehr über sein Leben als Franziskanerpater und seine dadurch entstandenen Probleme und lässt sich in diese religiöse Welt hineinziehen. Und dort ist nicht jeder so heilig, wie man zu Beginn glauben mag. Die verschiedenen Perspektiven, die Franz Kabelka gewählt hat, machen die Sache zudem spannend und authentisch. Wobei mir das 15-jährige Mädchen viel zu erwachsen wirkte. Sie war nicht realitätsnah gezeichnet und ihre Gedankengänge entsprachen nicht einer pubertierenden 15-Jährigen. Der Wortschatz ist viel zu groß für ein solches Alter gewählt. Sprachlich hingegen ist Herr Kabelka ein wahres Chamäleon der Sprache. Auf hohen Niveau erzählt er gekonnt die Geschichte rund um die Hilflosigkeit des Mädchens und den ehemaligen Franziskanerpater, der so manche Last mit sich herumtragen muss. Das Ende fand ich auf einer Seite gut und wiederum enttäuschend. Ich hätte es mir anders gewünscht, manches war nicht auf Anhieb ganz verständlich, aber es löst sich am Ende alles auf und auch die zwei Morde und ihre Mörder werden bekannt gegeben und man ist überrascht und wird mit einen bitteren Nachgeschmack zurückgelassen. Trotzdem blieb manches zu kurz, andere Sachen waren zu oberflächlich angeschnitten und hätten vertieft werden müssen, vor allem da dieser Roman mit viel Tiefgang und Intelligenz aufgebaut worden ist.

Fazit

An sich ist „Jemand anders“ ein gutes Buch, aber es ist auf keinen Fall ein Krimi, sondern eher ein Drama, wenn nicht sogar eine Tragödie. Sprachlich gut erzählt mit einer interessanten Geschichte, die zwar Mankos hat, aber trotzdem nicht schlecht ist.

★★★☆☆

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