Rezension: Drift von Michel Bozikovic

03 November 2011 |

Zum Buch

Verlag: Tropen
Format: Gebunden
Seiten: 320
ISBN-13: 978-3608502114
Preis: 19,95 €

Von inneren und äußeren Konflikten

Die Geschichte ist in zwei Erzählstränge untergliedert. Der Eine handelt von dem 19-jährigen Julien, den es von der Heimat in der Schweiz, mit dem Auto der Eltern in den Krieg während des Zerfalls von Jugoslawien zieht, um für sein Heimatland Kroatien zu kämpfen, obwohl er dort selbst nicht geboren wurde und nur seine familiären Wurzeln mit diesem Land verbunden ist. Sich das Leben nehmen und mit ein wenig Sinn zu sterben, dies scheint der einzige Grund, der ihn vorantreibt in diesem Wahnsinn.
Der zweite Handlungsstrang dreht sich um Martin, der in seinem Leben nichts auf die Reihe zu bringen scheint und dem die Ordnung fehlt. Im Rausch aus Drogen und Alkohol und seiner Liebe zu Helena scheint er immer mehr in eine Todesspirale zu gelangen aus der er nicht mehr herauszukommen scheint. Von einem Exzess zum Nächsten stürzt er durch sein Leben, verliert die Liebe seins Lebens und alles was ihn an sein Leben geklammert hielt.
Verbunden werden diese beiden Personen durch ein Manuskript, das von Martin verfasst wurde und Juliens Geschichte beinhaltet.

Drift ist ein Buch über den Verfall und dem inneren und äußeren Krieg des Lebens. Zwischen Halluzinationen und Beruhigungsmittel auf Basis chemischer Stoffe geht es um die Liebe, wie unser Herz so grausam uns zum Leiden bringt, um Depressionen, die uns niederdrücken zu scheinen, um Verzweiflung um die Sache für die man eigentlich kämpft und doch den Kampf schon längst verloren hat, um Tod, Bitterkeit und grausame Ästhetik des Krieges. Wahn und Wirklichkeit verlieren schlierend ihre Grenze im Sumpf des Drogenkonsums, unabhängig ob legaler oder illegaler Natur und vermischen sich zu einer neuen Designerdroge von besonderer Kraft.
Dabei führt der Autor den Leser durch diese Trümmerwelt mit den zwei Geschichten von Julien und Martin. Während Martin in personaler Perspektive verfasst ist, ist die von Julien in einer anderen Erzählform geschrieben. Michel Bozikovic benutzt ein unpersönliches „man“ statt eines Personalpronomens und es fehlen auch die Possessivpronomen. Diese leserliche Distanz hat gleichzeitig den Effekt, dass man sich noch näher am Geschehen fühlt als es ein „ich“ schaffen könnte. Im Französischen wird „on (dt. man)“ in der Umgangsspräche als „wir“ benutzt und dies lässt sich hier genauso feststellen. Man fühlt sich schrecklich verbunden mit Julien und fühlt sich oft als wäre man er selbst, der durch die gräuliche Fratze des Krieges streift. Sehr nahe ist man plötzlich am Geschehen ohne Möglichkeit Distanz zu gewinnen. Andererseits hat diese Erzählform einen Nachteil: Sie ist ungewöhnlich und auf sie muss man sich einstellen. Erst nach einer Eigewöhnungsphase kann man das Buch richtig genießen, obwohl es nicht leichter wird zum Lesen: Die Ereignisse aus Martins Leben folgen keiner chronologischen Reihenfolge und oft wird zeitlich hin und her gesprungen, so dass man diesen Roman konzentriert und mit Bedacht schmökern muss.
Die Charaktere des Buches sind gezeichnet wie aus dem Leben gegriffen. Abgewrackte Persönlichkeiten, die immer mehr in ihre eigene Verdammnis zu rennen scheinen, bewusst und oftmals unbewusst in welche finstere Richtung sie steuern. Eine gewisse Sympathie stellt sich gegenüber diesen zerbrochenen Männern ein und man möchte ihnen helfen, anschreien, etwas unternehmen und muss doch hilflos zusehen wie sie immer weiter davondriften, davontrieben im Meer des Exzesses.
Der Schreibstil widerspiegelt dies teils mit harter Linie, oft mit bitterbösen Bizarrität und dann wieder oft so philosophisch und melodramatisch, dass einem das Herz in der Brust zum Schwellen beginnt. Immer mit dem Fokus am Leben und doch mit der Feder tief in der Schwärze des Todes, aber absurd und realistisch zugleich.
Drift treibt einen am Rande von Dingen vor denen wir oftmals wegsehen wollen und die wir nicht in unsere Wahrnehmung aufnehmen. Schnell wird einen klar wie sich das Leben in kurzer Zeit doch verändern kann, dass Scheitern schnell und erbarmlos sein kann und doch manchmal quälend langsam und dahinsiedend. Einen ewigen Krieg führen wir zwischen Existenz und Aufgeben und das alles beschreibt der Autor in seinem Werk und hinterlässt damit einen Eindruck nach dem Lesen und stimmt nachdenklich.
Das Ende des Romans kommt hervorsehbar und gleichzeitig überraschend daher. Man ahnt es schon die ganze Zeit und doch kann man es schlussendlich nicht fassen und begreifen, obwohl es doch so ersichtlich schien. Wie so viele Dinge im Leben.

Fazit

Mit Drift gelingt Michel Bozikovic ein Roman über den inneren und äußeren Krieg des Lebens und dessen Existenzen und bringt uns, durch seine besondere Erzählstruktur, so nahe heran, dass es fast schon schmerzt. Eine Leseempfehlung für alle, die schon einmal die Ästhetik des Verfalls zwischen Wahn und Wirklichkeit wörtlich betrachten wollten.

★★★★★

Kommentare:

  1. Deine Rezension spricht mir wirklich aus dem Herzen! Schön, dass dir das Buch auch gefallen hat. :-)

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  2. oh -> wirklich schöne rezension. detailreich erklärt und schafft eine gute idee, was das buch zu geben hat....

    lieben gruß

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