Rezension: Fast genial von Benedict Wells

19 November 2011 |

Zum Buch

Verlag: Diogenes
Format: Gebunden
Seiten: 336
ISBN-13: 978-3257067897
Preis: 19,90 €

Auf der Suche nach dem Vater

Francis Dean lebt in einem Trailerpark in New Jersey, von Vater ist keine Spur, wie auch weiß er nur: Es war eine Affäre von weit weg. Seine Mutter ist depressiv und versucht ihr Glück mit Männern in ihrem Bett zu erreichen und landet schlussendlich doch wieder nur in der Klinik um mit Medikamenten wieder eingestellt zu werden. Im heruntergekommenen Trailer lebt Francis deswegen zum Großteil allein und verliert immer mehr den Halt im Leben. In der Schule ist er als Versager beschrien und seine Noten widerspiegeln die Aussagen nur so tragischer, dabei war das nicht immer so. Schuld an allem gibt er seinen Stiefvater Ryan, der nachdem die Depressionen der Mutter größer geworden ist, mit Nicky, den Halbbruder von Francis, gegangen ist und die Familien nur noch finanziell unterstützt. Früher wurde er von seiner Mutter als „kleines Genie“ betitelt, glänzte mit Leistungen im Unterricht und hatte auch gute Chancen beim anderen Geschlecht. Heute mit seinen 17 Jahren bleibt ihm nur noch eine Handvoll Menschen. Unter ihnen ist auch sein bester Freund Grover, ein Nerd wie er im Buche steht, genial, aber zugleich einfach nur seltsam und anders wie es die Norm verlangt wie auch Anne-May, ein Mädchen in das er sich verliebt hat wie auch instabile und nicht kalkulierbare Persönlichkeit, seitdem er das erste Mal sie in der Klinik gesehen hat.
Als seine Mutter einen Suizidversuch in der Klinik begeht, erfährt er in ihrem Abschiedsbrief, dass er eine Züchtung einer Reproduktionsklinik ist, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine genetische Elite zu bilden. Für Francis ändert sich alles und die Welt steht Kopf. Er macht sich auf die Suche nach der Persönlichkeit, die Wissenschaftler, elitär und gleichzeitig sein Erzeuger ist. Vielleicht ist er gar nicht so ein Loser. Vielleicht ist er genial und wurde nur nie richtig gefördert!
Mit Anne-May und Grover begeht er einen Roadtrip in Richtung Westküste, auf der Suche nach einer Perspektive, nach einem Neuanfang, einer Chance aus seinem Leben auszubrechen.

Benedict Wells besitzt einen locker leichten Schreibstil, mit dem er einen problemlos durch die Geschichte führt. Er ist flüssig ohne zu schmucklos zu sein, wie auch hält er sich nicht mit zu vielen Details auf und lässt das Geschehen einfach geschehen wie es ist. Der Protagonist Francis Dean hat Identifikationswert für alle Personen, die mit derselben Perspektivlosigkeit und relativen Armut zu kämpfen haben, in den Plattenbauten und Trailerparks dieser Welt wohnen, ohne dabei zu klischeehaft zu sein. Er ist kein Gangster, hört aber Eminem, lässt sich aber mit ihm nicht vergleichen. Das ganze Milieu zeichnet Wells unbeschreiblich realistisch und zeigt damit auf, dass nicht nur hoffnungslose Gestalten dort leben, sondern dass sie einfach nur aus dem teuflischen Kreislauf aus Hoffnungslosigkeit nicht hinauskommen können, weil ihnen keine Chance dazu geboten wird. Die weiteren Charaktere sind dabei genauso wirklichkeitsnah abgelichtet und haben alle ihre ganz eigene Art, ihre eigenen Probleme mit denen sie kämpfen, ihre Lebensbahnen ziehen.
Die Thematik mit der Züchtung einer Elite, wie auch die Suche von Retortenkinder nach ihrem Vätern wird dabei so in die Geschichte verwoben, ohne zu wissenschaftlich oder aufdringlich zu sein. Sie kommt ganz nebenbei daher, obwohl sie der Kernpunkt des Geschehens ist und ist niemals zu subjektiv, damit sich der Leser eine eigene Meinung dazu bilden kann. Dabei erzählt Wells alles mit einem lachenden und weinenden Augen, erzählt über Freundschaft und Liebe, über Hoffnung und Zweifel, über das Bewusstsein etwas Besonderes zu sein und es nicht gewusst zu haben, über das Scheitern und wieder Aufstehen, über dem Lebenskampf und seine Konsequenzen.
Mit rasantem Tempo wird man vorangetrieben, hat aber trotzdem genug Zeit sich die einzelnen Psychogramme in Ruhe zu betrachten, wie auch die einzelnen Beziehungen der Personen klar machen zu können. Jugendlich frisch, stürmisch und impulsiv wie gleichzeitig auf den Weg des Heranreifens macht sich das Dreiergespann auf die Reise. Einen Pfad zwischen ein bisschen Glück und wahrer Liebe, wie Eifersucht gehen diese Drei und enden schließlich in Wegen, die keiner ahnt. Auf der Suche nach dem eigenen Ziel und der Selbstverwirklichung, der Zukunft und dem Leben selbst.
Abgerundet wird das Ganze mit einem Ende, bei dem der Leser mitten im Geschehen des Protagonisten zwischen Schwarz und Weiß entscheiden kann und einen überrascht, zugleich aber zum Nachdenken bringt.

Fazit

„Fast genial“ ist ein jugendlicher Roman, der nicht nur für die Jugend ist, mit spannendem Ensemble in einem rasant-ruhigen Tempo erzählt, der lesenswert ist. Ein Muss für alle Fans von zeitgenössischer Literatur.

★★★★★

1 Kommentar:

  1. Ich fand den Anfang etwas öde, mit steigender Seitenzahl wirkte das Buch anziehender. Leider habe ich es dann verlorgen :-(

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