Rezension: Feuchtgebiete von Charlotte Roche

20 Januar 2012 |

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Verlag: Dumont
Format: Paperback
Seiten: 220
ISBN-13: 978-3832180577
Preis: 14,90 €

Feuchtfröhliches Fest des Körpers

Helen landet mit ihren 18 Jahren nach einer verunglückten Rasur, bei der sie sich eine Analfissur zufügt, im Krankenhaus und muss operiert werden. Ihre Eltern sind geschieden und sie wünscht sich nur eins: Sie sollen wieder eine Familie sein und das Krankehaus bietet den geeigneten Platz, ihre Eltern wieder zusammenzubringen. Doch während ihrer Langeweile und Einsamkeit auf der proktologischen Abteilung, sinniert sie über ihr Leben, ihre Exkursionen und körperlichen Experimente mit verschiedenen Flüssigkeiten ihres Organismusen und unterhält sich mit Robin, den Krankenpfleger, an dem sie Gefallen findet.

Charlotte Roche, bekannt als Fernsehmoderatorin, hat mit „Feuchtgebiete“ ihr Debüt vorgelegt, damit eingeschlagen wie eine Bombe und Kritiker verschreckt, erstaunt oder begeistert jubilieren lassen. Doch bei „Feuchtgebiete“ fehlt es doch an einigen, um es als einen guten Roman zu bezeichnen. Helen, die Protagonistin, macht im Krankenhaus nicht viel außer ihre Zeit mit Gedanken zu vertreiben wie übertrieben Hygiene ist und erklärt uns ihre merkwürdige, widerliche und faszinierende Welt mit Detailfreude und mit einen gewissen Witz und Charme. Aufmüpfig, fast rebellisch und trotzig lehnt sie sich gegen die Hygienefanatiker der heutigen Zeit auf und beweist doch eindrucksvoll wie verklemmt man gegenüber seinen eigenen wie auch fremden Körpern ist. Deswegen sinniert sie über alle Körperflüssigkeiten, die unser Organismus so ausscheidet und überspannt leider den Bogen viel zu oft.
Als Kritik für den Hygienewahn ist „Feuchtgebiete“ nur gering geeignet. Zwar stimmt es, dass ein gewisses Maß an Dreck gut für das Abwehrsystem ist und man deswegen keinen Sauberkeitsspleen entwickeln sollte, aber trotzdem sind Monokulturen, Bakterien und Viren Gefahren, die nicht zu unterschätzen sind. Aber Helen wird von der Autorin nicht gezügelt ihre Körpersäfte überall zu verteilen, so gut wie sie kann, um ihre Umgebung möglichst keimbelastet zu machen. Einerseits wirklich kritisch gegenüber der Hygieneproblematik, andererseits bedenklich aufgrund des Verhaltens wie auch die nicht immer ganz ungefährliche und fast schon asoziale Ausbreitung, die Charlotte Roche hier darstellt.
Doch nicht nur das Verhältnis von Helen zu Bakterien ist fragwürdig, sondern hat sie auch mit ihren achtzehn Jahren ein ziemlich übertriebenes und oft schon perverses und ausschweifendes Sexualleben, was nicht nur seltsam ist und eigentlich einen Fall für den Psychologen darstellt, sondern den ganzen Charakter als Erotomanin darstellt. So kann sie nicht vollends überzeugen und wird vom Leser eher belächelt als wirklich für voll genommen. Wiederum zeigt es auch die psychische Fragilität von Helen selbst, die mit Problemen kämpfen muss, die aber nicht angesprochen werden, und fügt sich in die interssante Rahmenhandlung, denn während Helen im Krankenhaus ist, ist es ihr Ziel die Eltern wieder zusammenzubringen und wir erfahren Seite für Seite welches Trauma hinter ihrer Persönlichkeit steckt, welchen einzigen Wunsch sie heimlich in ihren Inneren hegt. Erst gegen Ende wird zwischen Gedankenspiel und Realität unterschieden und zeigt die wahre Problematik auf. Dieser Erzählstrang kann überzeugen, aber leider auch nur dieser.
Der Stil hingegen ist rotzig, unzimperlich, unverklemmt, gelöst und gerade heraus und widerspiegelt Helens Persönlichkeit. Auf diese Art und Weise ist der Roman, mit seiner charmanten und witzigen Art, eine unterhaltende personale Ich-Erzählung, die einen lebhaftes und vielschichtiges Charakterprofil schafft, auch wenn gewisse Ansichten und Verhaltensmuster, egal ob aus dem eigenen Blickwinkel ekelerregend oder nicht, in psychologisch kritischen Bahnen verläuft.
Schlussendlich bleibt aber ein Fragezeichen zurück und die eigentliche Kritik von Hygienehysterie und verkrampftes Beziehungs- wie Sexualleben, wird vom Ekel und der unnötigen Übertreibung überschattet. Angewidert ist man von den Situationen, die zwar irgendwie doch interessant sind, leider aber doch zusammenhangslos erscheinen und den Rückschluss von reiner Provokation zurücklassen.

Fazit

Guter Ansatz, überzeugende Rahmenhandlung und leider der gescheitere Versuch eine besondere Geschichte mit Sozialkritik zu schaffen. Die Thematik als Provokation und Anstoßung, die leider beim Lesen anders aneckt als sie sollte und keinen überzeugenden Gesamtroman bildet. Es hätte etwas Gutes daraus werden können.

★★☆☆☆

Kommentare:

  1. naja ich habe das buch zwar nicht gelesen, aber habe es auch in zukunft nicht vor. ist einfach miner meinung nach eklig.


    gewinne auf meinem blog einen 25e-fashion5 Gutschein

    Lady-Pa

    xoxo

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  2. Hi Sky,
    sehr aussagekräftig geschrieben, Danke :-) Ich hab mal eine Leseprobe der ersten 4 Kapitel gelesen und das hat mir ziemlich gereicht. Bin zwar wirklich nicht zimperlich, aber nee - muss nicht sein.
    LG,
    Damaris

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  3. Schau mal, ich habe ein Stöckchen für dich :-) http://inwonderlandnyc.blogspot.com/2012/01/stockchen-11-fragen.html

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  4. Es ist schon eine ganze Weile her als ich das Buch gelesen habe. Nachdem so viel über dieses Buch gesprochen wurde habe ich es dann auch gelesen aber ich fand es einfach nur schrecklich. Carlotte Roche hat noch ein Buch geschrieben oder? Aber ich glaube noch eins von ihr tue ich mir nicht an. ;)
    Lg Steffi

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    1. Nicht schrecklich... bei dem Buch ärgere ich mich wirklich über die Autorin. Aus dem Stoff HÄTTE man ein richtig gutes, kritisches Werk machen können...
      Ja, Schoßgebete. Liegt hier sogar rum und muss noch gelesen werden... eine Chance will ich Charlotte Roche noch geben.

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    2. Na dann bin ich ja mal gespannt was du zu Schoßgebete sagen wirst.
      Lg Steffi

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  5. Ich habs eigentlich auch nur gelesen weils mir so viele Freundinnen empfohlen haben und fands eigentlich nicht schlecht, ganz lustig und erfrischend!

    LG,
    Isabelle von Krankenpfleger

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  6. Eine gut durchdachte Kritik! An den Hygienewahn hab ich gar nicht gedacht. Ich fand das Buch ok, aber nicht überragend. Die Ekel-Szenen bleiben im Kopf und der gewollte Versuch Tiefe reinzubringen. ich finde aber, dass man das Buch im Film stellenweise gut umgesetzt hat, besonders den Anfang.

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