Rezension: Schlafes Bruder von Robert Schneider

09 Januar 2012 |

Zum Buch

Verlag: Reclam
Format: Taschenbuch
Seiten: 204
ISBN-13: 978-3150207437
Preis: 8,95 €

"Komm, o Tod, du Schlafes Bruder"

Johannes Elias Alder (genannt Elias) wird 1803 im voralbergischen Bergdorf Eschenberg geboren, das von Inzucht geprägt ist und sich in zwei Familien aufteilen lässt, die Lamparter und die Alder. Sohn des Kurats, lebt er bei seiner Mutter und ihren Mann Seff Alder, missachtet und eingesperrt. Im Alter von fünf Jahren erlebt er eine Verschärfung seines Gehörs, während er in eine Art Trance verfällt und anfängt zu pubertieren. Aus seiner ehemaligen „Glasstimme“ wird eine „Bassstimme“ und seine grünen Augen färben sich gelb. Seit diesem Punkt, lebt er noch isolierter wie zuvor und verliebt sich dabei in seine Cousine Elsbeth, aufgrund ihres Herzschlages. Elias bringt sich im Laufe der Zeit selbst das Orgel spielen bei und fängt an die Leute in seinen Bann zu ziehen. Doch die Liebe zu Elsbeth bleibt bestehen und stürzt ihn, ungeliebt von ihr und verkannt von seiner Umgebung, ins Unglück.

Robert Schneider erzählt die Leidensgeschichte eines verkannten Genies von Geburt bis zu seinem Tod. Von Beginn an, weiß der Leser wie die Geschichte tragisch enden wird: Johannes Elias Alder wird sterben, weil er beschließt nicht mehr zu schlafen und man erfährt wie es so weit kommen konnte. In altertümlicher, mit zeitweise von Dialekt durchzogene, Sprache bringt uns dabei Robert Schneider die Welt von Elias näher und zeigt dabei die Härte, die doppelbödige Moral wie auch die Inzucht, die in einem einsamen Dorf, Anfang des 19. Jahrhunderts, herrscht, auf. Schreibt über die Grauen, den ewig herrschenden Neid und die Starrköpfigkeit der Bewohner Eschenbergs unter denen Elias aufwächst. Als Außenseiter der Dorfgemeinschaft, gefürchtet durch seine Art und missachtet von seiner Umgebung. Er wird niedriggehalten und darf die Leidenschaft für die Musik nicht ausleben. Er lernt nicht das Noten lesen und wird immer mehr zu einem Charakter, der ungeliebt, mit einen absoluten Gehör durch das Leben schreitet.
Elias Klangwelt beschreibt der Autor mit stimmungsvollen Klangbildern, mit bildhaften Steigerungen und Vergleichen. Er lässt die Musik Geschichten erzählen und damit den Leser in die musikalische Welt von Elias Orgelspiel zu entführen. Doch trotz der stimmungshaften Bilder, ist „Schlafes Bruder“ keineswegs leichte Kost. Nur schwer findet man in die alte, ungewohnte Sprache, hinein und muss sich erst darauf einstellen und konzentriert lesen. Es ist kein Roman für Zwischendurch, sondern ein Buch, welches mit Bedacht gelesen werden muss. Dabei wird der Roman von einem auktorialen Erzähler geschildert, der immer wieder betont wie traurig, tragisch und verkannt das Genie von Johannes Elias Alder ist. Er erzählt über die Liebe, die Elias für Elsbeth hat, und gleichzeitig sagt er dem Leser, „der [ihm] ein Freund geworden“, wie grausam schmerzhaft sie für Elias ist. Aber Musik ist eine Leidenschaft und ein gefühlvolles Wesen und ohne Gefühl, ohne Liebe, kann keine Musik zum Leben erwachen. Doch noch schlimmer den jegliches Gefühl, auch wenn es noch so eine Pein ist, ist die Gefühllosigkeit, Teilnahmslosigkeit gegenüber den Leben, sei es dem eigenen oder das der anderen. Den nur das Leid schafft die Leidenschaft, die uns zu Genies zu erheben scheint.
Als Leser liest man diesen Roman und baut eine Beziehung zu Elias auf, lacht mit ihm, weint mit ihm und leidet mit ihm gemeinsam sein Leben hindurch, obwohl wir distanziert von seinem Innenleben bleiben. Nur meist äußerlich wird uns geschildert wie er sich fühlt und trotzdem besitzen die Gefühle in dem Roman eine Intensität wie man sie sich öfter wünscht. Wir sehen die Sehnsucht und doch die leere Suche danach. Wir sehen die Leidenschaft, die doch leidenschaftlos zu werden scheint. Und wir sehen die Kraft, die Musik, die Liebe einer Symphonie, die sich durch Zäsuren hetzt und mündet in einem kleinen pochenden Herzen, welches leise verstummt. Der Roman ist wie ein Herzschlag, inbrünstig schlagend, wieder leise verhallend um doch wieder mit neuem lebenserwachten Pochen in die Stille zu versinken. Musik in sprachlicher Form gebannt und für den Leser greifbar gemacht durch einen Protagonisten, voller Gefühl und Wankelmütigkeit, trotzend seiner Umgebung und doch verschlungen von ihr. Ein Meisterwerk, das zurecht als solches betitelt ist.

Fazit

„Schlafes Bruder“ ist ein gefühlvoller Roman über einen genialen Außenseiter, der aufgrund seiner Umgebung und seinen Lebensumständen, nie zu dem werden könnte, was man sich als Leser für ihn wünscht: Ein bejubeltes musikalisches Genie. Berauschend schön und schmerzhaft zugleich. Zurecht ein Meisterwerk der Literatur.

★★★★★

Kommentare:

  1. Habe ich damals in der Schule gelesen und wusste es nicht zu schätzen. Mittlerweile finde ich auch, dass es ein absolut tolles Buch ist.

    AntwortenLöschen
  2. Ein wirklich tolles Buch. Darüber habe ich damals meine Deutsch mündlich Prüfung gemacht.

    LG Favola

    AntwortenLöschen
  3. Einfach genial, oder? Zu diesem Buch habe ich übrigens meine allererste Rezension geschrieben, glaube ich. :D

    Liebe Grüße,
    Nazurka

    AntwortenLöschen
  4. Interessanterweise ähneln die zwei Werke sich doch sehr innerhalb der Thematik, auch wenn es um zwei unterschiedliche Begabungen geht. Auch interessant, dass "Das Parfum" das einzige Buch ist, dass ich je abgebrochen habe und "Schlafes Bruder" einfach genial war. Unglaublich, oder?

    Wann steht die Facharbeit denn aus? :)

    Liebe Grüße,
    Nazurka

    AntwortenLöschen