Rezension: Der Sohn von Jessica Durlacher

26 Februar 2012 |

Zum Buch

Originaltitel: De held
Verlag: Diogenes
Format: Gebunden
Seiten: 416
ISBN-13: 978-3257068115
Preis: 22,90 €

Die Vergangenheit bleibt untrennbar

Als ihr Vater stirbt, scheint der Schutz über der Familie Silverstein verloren gegangen zu sein. Schon von Kindheit auf hat Sara und ihre Schwester nicht so agieren dürfen wie andere Kinder, denn der Vater wollte sie schützen vor den Dingen, denen er in seiner Kindheit und Jugend als Jude im zweiten Weltkrieg, begegnet ist. Er schweigt über die Geschehnisse zu dieser grauenvollen Zeit und versucht seine Familie zu behüten. Doch seit seinem Tod scheint die Familie rund um Sara, mit ihren Mann Jacob, erfolgreicher Filmproduzent, den achtzehnjährigen Mitch, der eine enge Bindung zum Großvater hat, wie der dreizehnjährigen Tess, in Ungnade verfallen zu sein.
Sara wird bei einer Joggingtour von einem fremden Mann missbraucht, der ihre Welt zu zerstören droht. Ihr Sohn Mitch, der, obwohl sie in den Niederlanden leben, in den USA geboren worden ist, sich als Marine in der US Army ausbilden lassen will und zuletzt werden sie in ihrem eigenen Haus überfallen. Die Familie scheint zu zerbrechen und vor allem ihre Tochter Tess scheint seit dem Raub tiefste Ängste auszustehen. Worüber schweigt sie? Was ist mir ihr los?
Aber die Wahrheit scheint weitaus tiefer zu gehen, als sie glaubt. Den die Vergangenheit und die Gegenwart scheinen untrennbar zusammenzuhängen.

Mit „Der Sohn“ hat Jessica Durlacher einen Roman geschaffen, der zwischen Familientragödie und Thriller wandert. Emotional beschreibt sie die Geschichte von Sara Silverstein, wie sie in ihrer Kindheit aufgewachsen ist, wie der Vater die Schrecken des Krieges überwindet, seinen Alltag beeinflussen und wie die Geister der Vergangenheit wie ein Schatten über Familie zu hängen scheint. Sie erzählt vom zweiten Weltkrieg und vom inneren Krieg von Sara, die mit ihrer Familie der Gewalt ausgesetzt wird. Dabei ist der Roman aus der Perspektive von Sara, die die Geschichte niederschreibt, mit all ihren Gefühlen, all ihrer Nähe zum Vater und der stetigen Ohnmacht und Hilflosigkeit ein Opfer eines Krieges geworden zu sein, der sie innerlich und damit auch ihre Familie aufzufrisst. Die Ereignisse greifen tief in das früher ehemalige harmonische Familienleben ein und zerstören die zarten Bande, die zwischen den Familienmitgliedern herrschen. Dabei beweist die Autorin ein Auge fürs Detail und zeigt klar auf, wovon familiäre Strukturen abhängig sind und wie schnell sie ins Wanken gebracht werden können. Zwischenmenschliche Töne lassen sich zahlreich im Roman finden, so dass die Charaktere authentisch hervortreten und man sich auf sie einlassen kann. Man leidet mit ihnen, man leidet mit der Mutter und gleichzeitig auch Tochter Sara. Man sieht den Bruch, der sich durch die Schrecken Bahn schlägt, man spürt die plötzliche Stille, die Verzweiflung, die Hoffnung und das zerschlagen wirken innerhalb der grausamen Geschehnisse. Die Schuld, die Spirale der Gewalt schlagen sich nieder und bringt die Machtlosigkeit zum Ausdruck.
Die Gefühlswelten, die Jessica Durlacher erschafft, wirken dabei niemals aufgesetzt, sondern immer echt und ehrlich. Mit emotional geprägter gleichzeitig die Ohnmacht ausstrahlender Sprache führt uns die Autorin durch die Handlung und zeigt dabei die negativen wie positiven Gefühle ihrer Figuren auf, legt blank, was sich hinter der Fassade und der jeweiligen Rolle in der Familie verbirgt.
Dadurch entsteht eine spannende Handlung, die mit Überraschungen gespickt ist, einen zum Weinen bringt und gleichzeitig herzerwärmend zugleich erscheint. Man fühlt sich den Charakteren nahe und irgendwie verbunden. Man versteht ihre Entwicklung, kann ihre Handlungen nachvollziehen und versteht auch die Sprachlosigkeit und Fassungslosigkeit, die durch die einschneidenden Ereignissen auftreten.
Auch die Komponente mit der Nazizeit kommt niemals aufgezwungen und überladen daher. Sie schwingt leise mit, bedeutungsschwer, aber trotzdem zeitweise nicht wichtig, bis trotzdem die Vergangenheit in die Gegenwart zu greifen scheint. Der Vater, der über den Krieg mehr schweigt, davor warnt, aber nur wenig über seine Rolle erzählt, kommt nach seinem Tod zum Vorschein.
Alles zusammen mündet in ein Ende, welches vorhersehbar ist, angeschnitten wird und dann doch mit all seiner Intensität den Leser übermannt. Es legt noch einmal alles offen, den inneren und zweiten Weltkrieg mit denen die Familie im Zusammenhang steht, die Sprachlosigkeit, die Fassungslosigkeit. Ein unrundes Ende, welches den Roman perfekt abrundet. Anders und realistischer hätte es nicht sein können.

Fazit

Ein intensiver Roman, wandert zwischen Thriller und Familientragödie, mit glaubhaften Szenarien und emotional-realistischen Charakteren. Ein in sich stimmiger Roman, mit tränenfließender Sprache verfasst. Eine absolute Leseempfehlung für einen besonderen Thriller.

★★★★★

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