Rezension: Weil ich euch liebte von Linwood Barclay

06 Februar 2012 |

Zum Buch

Originaltitel: The Accident
Format: Taschenbuch
Seiten: 528
ISBN-13: 978-3426510520
Preis: 9,99 €

Wenn das Geld knapp wird

Sheila verunglückt bei einem Autounfall aufgrund von Trunkenheit. Sie ist mitten auf der Straße eingeschlafen und ein anderes Fahrzeug hat sie gerammt. Zurück bleiben die achtjährige Kelly und ihr Vater Glen, die die Mutter und Ehefrau verloren haben und ihre Trauer bewältigen müssen. Doch etwas stimmt nicht mit dem Tod von Sheila. Sie war keine Alkoholikerin und vor allem hätte sie nie eine Trunkenheitsfahrt gemacht, besonders nicht vollgepumpt mit Wodka, den sie überhaupt nicht mochte.
Aber nicht nur der Unfall hat Unstimmigkeiten. Als Kelly bei ihrer Freundin Emily übernachtet und heimlich ein Telefonat von Ann Slocum mithört, die Mutter von Emily wie Freundin von Sheila, regt sie sich darüber übertrieben auf. Hat sie etwas zu verbergen? Warum zwingt sie Kelly darum absolut stillschweigend mit dem Gespräch umzugehen? Doch Glen erfährt von Kelly, die das Telefonat mit ihrem Handy aufgenommen hat, was gesagt wurde und kann sich keinen Reim darauf machen.
Kurz darauf wird sie tot aufgefunden und es bleiben nur noch mehr Fragen zurück, auf die Glen Antworten sucht. Manchmal ist die Wahrheit aber erdrückender als man glaubt. Die Geheimnisse von Sheilas Freundinnen sind schlimmer als angenommen und immer wieder dreht sich es um einen Umschlag mit 62000 Dollar, der im Wagen von Sheila gewesen sein musste, aber spurlos verschwunden ist. Denn der Empfänger des Geldkuverts will nicht mehr länger warten.

Linwood Barclay schreibt immer wieder Romane, die zwischen Thriller und Familiendrama liegen. Familien gehen aufgrund schrecklicher Ereignisse zu Bruch und das Vertrauen im familiären Kreis wird erschüttert. So verhält es sich auch in „Weil ich euch liebte“ und der Autor geht dabei auch noch weiter hinaus.
Im Roman wird zwischen Nachbarn, Bekannten und Freunden intrigiert, die Schuld umgeschichtet, gedroht, bedroht und immer wieder geht es ums Geld. Denn unter den Zeichen der Wirtschaftskrise müssen die Personen im Thriller ums Überleben und der eigenen Existenz kämpfen und kreuzen, aus Verzweiflung, Wege mit zwielichtigen Gestalten. Sie wandeln auf den Wegen der Schattenwirtschaft um so ihr Bankkonto nicht noch tiefer ins Minus sinken zu lassen. Beeindruckend beschreibt Barclay, die Ausweglosigkeit der unter der Rezession leidenden Charaktere, die auf dem dunklen Pfad, blind geworden sind gegenüber der Wirklichkeit. Mal steht der Autor die kritische Lage dar, als würden die Betroffenen der Realität nicht ins Auge blicken wollen und steigern ihren Konsum, wobei sie dadurch nur tiefer ins Schuldenmeer gezogen werden. Mal geht die gesamte Existenz verloren und andere Rudern noch tapfer an der Meeresoberfläche dem Sturm entgegen.
Dabei sind die Charaktere, die in der Schuldkrise ihr Leben fristen, authentisch, emotional und lebensnah gezeichnet. Die Dialoge, die Realismus und Alltäglichkeit ausstrahlen, runden das Bild der Figuren perfekt ab und lässt sie wahrlich zum Leben erwecken. Es verlieren sich oft die am Anfang dargestellten Fronten und fließen ineinander, so dass man sich als Leser nicht sicher ist, ob der jeweilige Charakter nun als böse oder gut eingestuft werden muss. Realitätsnah und intensiv, Personen wie aus dem Leben gegriffen und ein Querschnitt der amerikanischen Gesellschaft und dass mit einem flüssigen Stil, der sich angenehm und absolut spannend liest und durch gelegentliche Perspektivwechsel durchzogen, obwohl wohl der Schwerpunkt hier auf Glen liegt, der aus der Ich-Form die Geschehnisse schildert.
Doch auch wenn die Thematik aktuell und durchaus nachvollziehbar dargestellt ist, hat die Handlung Schwächen. Bis zum Ende lässt das Buch die Spannung steigen und enttäuscht mit einer unrealistischen Auflösung. Zu viele Zufälle schlagen dem Leser entgegen und die Konstellationen der einzelnen Figuren ist durchaus strukturiert, wirkt aber im Gesamtzusammenhang lauter auch weit zu konstruiert und rutscht damit ins Irreale. Die einzelnen Handlungsstränge laufen ineinander über und überlappen sich doch an Stellen, die schiere Willkür zu besitzen scheinen und für den Leser eher befremdlich oder abstrus wirken. Vor allem die Auflösung des Thrillers lässt zu wünschen übrig und scheint schier hanebüchen, trotz der Unvorhersehbarkeit der eigentlichen Wahrheit hinter Sheilas Unfall und dem gesamten schattenwirtschaftlichen Konstrukt, welches sich rund um Sheila und ihre Freundinnen aufgebaut hat. So ist man am Ende von der bisherigen Spannung betrübt, fühlt sich betrogen und schließt enttäuscht den Thriller, dessen Ende einfach zu unwürdig für die vorangegangenen Seiten ist.

Fazit

Ein spannender Thriller, mit aktuellen Bezug zur Weltwirtschaftkrise im Bereich der Familie, in einem lesenswerten Schreibstil, mit enttäuschendem Ende. Ein solider Thriller von Linwood Barclay, der durchaus das Zeug zu einem seiner Besten zu werden, gehabt hätte.

★★★☆☆

Kommentare:

  1. Hach, schade! Ich mag es auch nicht, wenn ein Ende allzu abstrus und unglaubwürdig ist - jetzt habe ich schon fast "Angst" vor dem Buch. Ich hoffe, es gefällt mir tatsächlich besser ;)
    Schöne Rezension!

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  2. Wie schade,dass das Buch nicht besser abgeschnitten hat,der Titel und das Cover haben mich sehr neugierig gemacht :)
    Liebe Grüße

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  3. Ich wollte das Buch eig. lesen (mit betonung auf WOLLTE) denn irgendwie hab ich Angst vor dem Cover... ist so tot.
    Und natürlich wegen deiner Rezension. Obwohl die Leseprobe echt gut ist. Aber Geschichten denen die Logik auf dauer fehlt sind für mich ermüdend und ich überanstrenge mich.
    Einen guten Gruß Annik
    Les Bookmoiselles

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