Rezension: Mein böses Herz von Wulf Dorn

20 März 2012 |

Zum Buch

Verlag: cbt
Format: Gebunden
Seiten: 416
ISBN-13: 978-3570160954
Preis: 16,99 €

Suche nach dem wahren und wirklichen Ich

Als Doro ihren kleinen Bruder tot im Gitterbettchen auffindet, bricht für sie ein Welt zusammen und landet in der Psychiatrie. Immer wieder verfolgt sie das verzerrte Gesicht des Bruders, für dessen Tod sie sich verantwortlich fühlt. Eine Halluzination, die sie täglich heimzusuchen scheint, denn sie hatte die Verantwortung, sie hätte auf ihn aufpassen soll, kann sich aber nicht erinnern, was über Nacht passiert ist.
Vierzehn Monate nach dem Vorfall ist die Familie zerbrochen. Ihre Eltern haben sich getrennt und sie zieht mit ihrer Mutter in den Ort Ulfingen, einer Kleinstadt, in der Nähe eines Sees. Ihr neuer Therapeut wohnt gleich gegenüber und mit seinen Sohn Julian scheint sie sich von Anfang an zu verstehen. Alles scheint in Ordnung zu werden, bis Doro vom Schlagen der Gartenlaube, während eines Gewitters, geweckt wird. Sie will sie schließen und findet dabei einen kranken Jungen. Er ist real, sie kann ihn berühren, er ist keine Halluzination. Doch als Julian zustößt und sie den Notruf anrufen will, ist der Junge wieder verschwinden und auch Julian sagt, dass in der Gartenlaube kein Junge ist. War er doch nur eine Einbildung?
Doro ist davon überzeugt, dass es diesen Jungen wirklich gibt und sie erkennt ihn wieder: Es ist Kevin, der sich nur einen Tag davor das Leben genommen hat. Aber wie kann das sein?
Niemand glaubt Doro und sie selbst ist davon überzeugt, dass jemand versucht ihr die Rolle der "Verrückten" anzuhängen, damit keiner ihr Glauben schenkt und die Wahrheit ans Licht bringt. Aber Doro will alles daran setzen die Wirklichkeit zu beweisen und ihnen, und sich selbst, zu zeigen, dass sie nicht die "Verrückte ist. Dabei begegnet sie ihren psychischen Problemen, Halluzinationen suchen sie heim und die Wahrheit über den Tag, als sie auf ihren Bruder aufpassen sollte, kommen zurück und alles wird immer verworrener.

"Mein böses Herz" ist wahrhaftig ein durchtriebener Thriller, der mit der Psyche des Menschen spielt und uns in die Gedankenwelt von Doro führt. Sie erzählt selbst von ihren psychischen Abgründen, ihren Wahnvorstellungen, ihren Schuldgefühlen, Ängsten und der Wut, sie sie empfindet, weil man ihr nicht glaubt. Und natürlich, einen Jugendroman gerecht werdend, über die Liebe, wobei diese Komponente so gehalten ist, dass es auf keinen Fall kitschig oder übertrieben wird. Geradezu natürlich bringt Wulf Dorn die Jugendlichkeit in den Roman mit ein, dass man schier überrascht ist. Alle Charaktere stechen hervor, sind auf ihre Art besonders, manchmal einfach "freakig", und herrlich sympathisch. Egal ob es dabei Erwachsene sind oder Jugendliche, sie sind alle vollwertige Figuren, die zur Handlung beitragen und in einen realistischen Kontext stehen.
Eingefügt werden diese Figuren in einen Psychothriller der besonderen Art. Ohne Blut, ohne große Gewalt, schafft der Autor eine spannende Handlung, bei der man selbst nicht ganz glaubt, ob die Ich-Erzählerin Doro auch sich wirklich in der Realität befindet oder doch nur die ganze Zeit in einer schizoiden Phase steckt, ob der Junge wirklich nur eine Halluzination ist und fängt an selbst an Doro zu zweifeln. Als Leser schwebt man genauso zwischen Wahn und Wirklichkeit wie Doro selbst und muss sich selbst überwinden, dass zu glauben, was Doro einem erzählt.
So wird auch das Krankenheitsbild sehr klar und deutlich herausgehoben, mit einer Sensibilität angerührt, die faszniert. Verständlich wird Doros psychischer Zustand erfasst, begreifbar gemacht und gleichzeitig so, dass man ihr nicht böse ist, man sie nicht als geisteskrank abstempelt, sondern als eine Person, die etwas versucht zu verarbeiten, aber es nicht schafft. Tiefenpsychologisch geht Wulf Dorn auf Doro ein und bringt damit Psychologie verständlich in die Geschichte ein. Vor allem die Sprache widerspiegelt diesen Zustand wieder, die sich absolut flüssig liest und eine starke Atmosphäre erschafft, die einen nicht mehr loslässt.
Dieser Zustand lässt sich im ganzen Thriller beobachten, der mit seiner pointenreichen Handlung niemals vorhersehbar wird. Seite um Seite wartet man auf die Anhaltspunkte, die einem sagen, wo es hingehen soll um doch festzustellen, dass sie wieder verworfen werden. An der einen Ecke denkt man sich, es klar aussprechen zu können, an der anderen Ecke wird wieder alles verworfen und die Karten neu gemischt.
Die Handlung ist linear und doch fügen sich nur peu un peu die Fragmente zusammen und ergeben am Schluss ein erschreckendes Bild. Selbst am Ende, wenn man die Auflösung hat, wird noch einmal die volle Spannung nach oben getrieben und man steht fassungslos da. Es endet genauso furios wie es begonnen hat und nicht bleibt lückenlos zurück. Man bleibt schlussendlich erstaunt zurück mit der klaren Aussage: Jeder kann zum Mörder oder Opfer werden, egal aufgrund von psychologischen Faktoren, die einen Niederreißen oder weil uns die Sicherungen durchdrehen und man rot sind. In jedem steckt ein Monster, nur nicht ein jeder wird es in der Realität.

Fazit

"Mein böses Herz" ist ein Psychothriller ohne viel Blut, ohne Gewalt, mit Tiefenpsychologie und hochgeladener Spannung. Ein Thriller für Jugendliche, der nicht nur der Jugend den Atem raubt und verdeutlicht: In jedem steckt ein Monster, man muss es nur wecken. Absolut lesenswert!

★★★★★

Kommentare:

  1. Hi Sky,
    Das Buch war am WE auf der Buchmesse bei einer lieben Bloggerkollegin ständig im Gespräch und deine Rezi macht mir jetzt echt Lust darauf. Mal sehen, wann ich es lesen werde :-)
    LG,
    Damaris

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  2. Klingt echt gut, was du da schreibst. Ich mag Thriller, die mit der Psyche der Menschen spielen, sehr gern. Eine sehr aussagekräftige Rezension.

    Liebe Grüße, Diti

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  3. Hallo Sky,

    gutes Fazit, kann ich nur bestätigen so. Man sollte nie, nie sagen...

    LG..karin..

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