Zerrissene Seiten: Die Emanzipation der Literatur

18 März 2012 |

Damals, als Männer noch tapfere Mannen im eisernen Gewand waren, es noch charismatische Denker gab, Deutschland noch Bundeskanzler hatte, war die Welt in den Händen von starken Männern. Inbrünstig, impulsiv, Haare auf der Brust, mit Selbstbewusstsein und stellvertretender Familienehre. Heroisch, von den Frauen angehimmelt und vor allem: Die Schalter und Verwalter der Welt. So auch die Verfasser der wahren Literatur, sprachliche Helden auf Tintenpferden, schreibend für die Aufklärung, für den Verstand. Studenten, Genies, Meister ihrer Zunft. Eine von Männern dominierte Welt, in der die Frau eine kleine Rolle gespielt hatte. 

Heute, im Zeitalter, wo Männer, teilweise, für die Rechte von Frauen mitgekämpft haben, Gleichstellung in beruflicher wie rechtlicher Hinsicht geglückt ist, entwickelt sich eine Bewegung in der Literatur, die Männer aufhorchen lassen sollte.
Wo sind die lesenden Männer von heute geblieben? Der Markt wird dominiert von Frauen, und nicht wie es oft herablassend gemeint ist, in der „Chick-Lit“, in der ein attraktiver Mann – egal ob sexy Werwolf, verführerischer Vampir oder Highlander auf Durchreise, die Männer einst waren, Frauen beschützen und beglücken. Nein, sie haben alle Bereiche befallen und drängen die Männlichkeit eiskalt aus der Literatur. Keine Chance für hoffnungslose(-volle) Romanciers, blutrünstige Thrillerautoren, philosophische Weltenverbesserer.
Die Frauen haben das sagen und nicht nur auf der schöpferischen Seite, auch auf der Leserseite sind wir schier verschwunden.
Wenn man ein männliches Geschöpf fragt, ob es liest, wird man unverständlich angesehen, schier entrüstet angestarrt und bekommt ein: „Lesen? NATÜRLICH NICHT!“ ins Gesicht geschleudert, als wäre es Sache der Frauen. Weibisch hat man früher dazu gesagt, dabei verhalten sich die Männer wie Zicken, die sich weigern zu ihren eigentlichen Idealen zurückzukehren.
Das Frauen einen festen Platz in der Literatur gefunden, eine ihr zugeschnittene Literaturgattung bekommen haben, sind Entwicklungen, die nur zeigen wie sehr die Emanizpation fortgeschritten ist. Etwas Positives, wo wir Männer: „Chapeau!“ statt „Oh Gott!“ sagen sollten und wir für unsere eigene Rechte genauso heldenhaft, aufklärerisch, reißerisch und kühn kämpfen sollten wie einst. Wo bleibt die Männerliteratur? Soll sie wirklich nur aus Männerkomödien bestehen bleiben? Wo bleiben die echten Dramen, die Romanciers, die tiefgründigen, weinenden und tränenvergießenden Männern. Wo bleiben die Männer, die Gefühle zeigen, ihre Probleme schildern und ehrlich zu ihrem Innenleben stehen wie es Frauen tun. Wie Schriftstellerinnen es aufs Papier bringen, klar, differenziert und mit stolz geschwellter Brust.
Ganze Literatursendungen werden von Frauen moderiert und Autorinnen vorgestellt. Sie stehen zu ihrer Sentimentalität, zu ihrer Kreativität und Finesse. Und der Mann dümpelt evolutionstechnisch immer noch in der Riege des Jägers, dessen Beute abhanden gekommen ist.
Dass der männliche Leser und Autor auszusterben scheint, ist eine Entwicklung, deren man sich stellen sollte:
Wenn man sich in Buchhandlungen umsieht, welches Geschlecht trifft man überpropotional mehr an? Wenn man sich den momentanen Buchmarkt anseht, welche Zielgruppe scheint im Vordergrund zu treten? Wenn man die Buchblogs, Buchsendungen, eigentlich alles was mit Literatur in Verbindung steht, betrachtet, welches Geschlecht ist hier hauptsächlich vertreten?
Auf alle Fragen, gibt es die selbe Antwort: Frauen.
Reihen wie "Twilight (oder Bis(s))" werden Bestseller und zur neuen Lebensphilosophie erkorren. "Vampire Diaries", eine Buchreihe, wie auch mittlerweile eine Serie, zerrt die Mädchen und ihre Mütter an die Fernseher. Die Vampire von damals werden zu den zahmen Liebhabern, die sich nach ihrer Geliebten richten. Und nicht nur die Vampire erleben ein neues Image, auch andere Kreaturen werden zu feurigen Geliebten. Romantic Fantasy wie Romantic Thrill werden Merkmal von bestimmten Verlagen. Sie bilden das Hauptprogramm. Ja, ganze Verlage haben mittlerweile fast nur Frauenliteratur im Angebot. Gerade im Fantasybereich allgemein lässt sich immer mehr feststellen, dass die Verlage sich am weiblichen Geschlecht orientieren. Jede zweite Neuerscheinung scheint sich um das Thema verzweifelte Liebe von einer Frau zu einem phantastischen Geschöpf zu drehen.

Dabei lesen sie aber weitaus mehr als nur Liebesgeschichten. Ansprüche haben sie genügend und die Autorinnen der hohen Literatur geben ihnen recht. Starke Dramen, sensibel frasiert, gekonnt zu Papier gebracht. Die Frau von heute, der belesene Akademiker von heute.

Und wo sind die Verlage für den Mann? Wo ist unser Programm, speziell auf unser Geschlecht zugeschnitten? Wo sind die gebildeten männlichen Wesen, einen Roman zwischen ihren Fingern geheftet, die sich in Zeilen verlieren?
Scheint Literatur "out" und nicht mehr "in"? Dabei dachte ich immer Frauen wären trendbewusst und jagen der Masse hinterher.

Männer haben einen neuen Stellenwert in der Literaturwelt, nämlich keinen, denn es gibt sie anscheinend nicht. Sie fehlen oder lesen, wenn nur heimlich, die Hochliteraten dieser Welt hinter verschlossener Tür. Denn öffentlicher Leser zu sein, scheint etwas bedrohliches für die männliche Natur darzustellen.
Liebe Männer, es ist ein Aufruf aus euren Reihen. Lest doch wieder! Und ganz ehrlich: Lesen macht sexy! Welche Frau hat nicht gerne einen gutaussehenden Mann, der auch etwas im Kopf hat, nicht nur dümmliches konsumiert, sondern auch Ansprüche hat. Ein Kind können Frauen adoptieren und erziehen, einen Mann müssen sie leider auswählen.
Damit kehre ich erst einmal wieder zu meinen Roman zurück, von einer Frau geschrieben, ich hoffe bald wieder männliche Autoren zu sehen, die dieselben sprachlichen Kompetenzen und Inhalte vorweisen können wie die emanzipierte Schriftstellerin von heute.

An die Frauen: Chapeau!
An die Männer: Geht, kauft einen vernünftigen Roman und lest verdammt nochmal!

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