Rezension: Das Schwein unter den Fischen von Jasmin Ramadan

09 April 2012 |

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Verlag: Tropen
Format: Klappenbroschur
Seiten: 272
ISBN-13: 978-3608501209
Preis: 17,95 €

Eine furchtbar schräge Familie

Celestine (genannt Stine) wurde von ihrer Mutter schon nach der Geburt verlassen. Seitdem lebt sie bei ihren Vater Reiner, der seinem Traum vom eigenen Imbiss erfüllt hat und gerne sein angelerntes Halbwissen aus pseudowissenschaftlichen Magazinen zum Besten gibt, und ihrer alkoholliebenden Stiefmutter Ramona, die Reiner betrügt ohne Scham und Anmut. Ihre Tante Trixi, Schwester von Reiner, ist lesbisch, lebt ein frivoles Leben und wurde schon früh von Oma Senta, die keinen leiden und keiner leiden kann, rausgeworfen. Celestine selbst lebt in den Tag hinein und fristet ein tristes Leben und weiß nicht, welche Wege sie im Leben einschlagen soll. Insgesamt also eine ganz interessante und irgendwie durchgedrehte Familie voller Irrungen und Wirrungen, die sich durch alle Charaktere des Romans ziehen.

Denn eins ist bei „Das Schwein unter den Fischen“ klar: Jeder hat einen gehörig an der Waffel, leidet unter Neurosen, Psychosen oder anomal wirkenden Verhaltensmustern, die manchen Psychologen aufschreien lassen vor Angst oder Interesse. Doch so verrückt die einzelnen Figuren sind, kann sich jeder in ihnen wiederfinden. Jeder hat Wiedererkennungswert, hat seine eigenen Eigenheiten, seien sie positiv oder negativ. Erleben tut der Leser diese seltsamen Persönlichkeiten durch die Augen von Celestine, die ihr Leid oder ihr Dahinleben schildert und erzählt, oft witzig und sarkastisch, manchmal bitterböse und auch zickig und pampig, ganz ihrer Persönlichkeit entsprechend. Die Protagonistin wächst dabei einen ans Herz und kommt einen wie eine gute Freundin vor, deren Art und Weise man doch mehr hasst als liebt.
Die Handlung selbst ist dabei nicht so leicht so fassen. Einen richtigen roten Faden gibt es nicht, so wie auch Stine keinen Leitfaden für ihr Leben hat und selbst nicht weiß, was sie wirklich will. So lebt sie einfach in den Tag und nimmt das was kommt, so wie es ist. Man möchte sie anschreien, dass sie etwas aus ihrem Leben machen soll und sie tut es doch nicht so richtig. Die eigentliche Handlung besteht eher in den Begegnungen mit den verschiedenen Menschen in ihrem Umfeld, deren Vielfältigkeit und Kuriosität einen Gruselkabinett für Clowns gleicht. Sei es der schwule Schönheitschirurg mit der Leidenschaft für Rollkragenpullis mit Kunstmotiven, der pseudochristliche Chef in einer sozialen Einrichtung mit Doppelmoral oder doch ein jugendlicher Erotomane mit Drang zur Perversion und Selbstverwirklichung. Ein jeder unterhält einen, bringt Witz und Spaß in die Geschichte und sind doch die eigentliche indirekte Kritik an der Welt dort draußen.
Aber was will jetzt uns Jasmin Ramadan damit sagen? Schon bei der Einordnung des Romans wird es schwer. Es geht manchmal derb, wiederum witzig, sarkastisch, dann wieder kritisch und dann doch irgendwie Anti-Pop-like umher. Sozialphilosophie auf ihren Zenit zwischen Beziehungskriegen und fehlender Selbstreflexion wie –relativierung. Man könnte Tragikomödie sagen, aber es würde „Das Schwein unter den Fischen“ nicht gerecht werden.
Vielmehr ist der Roman an kleiner Aufruf an uns selbst, uns zu akzeptieren wie wir sind, unsere Familie so zu nehmen, wie sie nun einmal ist, denn aussuchen kann man sich sein familiäres Umfeld nicht. Ob man in der reichen, armen, intelligenten oder – so böse die Soziologie auch klingen mag – aus bildungsfernen Schichten kommt ist nicht wichtig, sondern was man aus seinen Mitteln und damit seinen Leben macht. Man ist selbst verantwortlich für das, was man tut und nicht andere. Seinen Lebensweg muss man selbst entscheiden.
So wird der Roman von Jasmin Ramadan nicht nur zu einen witzigen und unterhaltsamen Roman über das Leben selbst, sondern gleichzeitig ein vielschichtiges und überspitztes Schaubild unserer Gesellschaft, blank, roh und oftmals fucking crazy.

Fazit

„Das Schwein unter den Fischen“ ist ganz sicher kein Roman für Jedermann. Nicht jeder wird den Wahnwitz mögen und nicht jeder wird mit den Charakteren warm werden. Manche werden einfach sagen: Eine Gruppe lauter kaputter Typen ohne Sinn und Verstand. Doch hinter der Fassade verbirgt sich die Wahrheit.
Ein Roman über Menschen, die einen Weg im Leben suchen. Ein ungewöhnlicher und literarisch hochwertiger Roman über die Irrungen und Wirrungen des Lebens. Eine Anomalie und Besonderheit in der Literatur, die nicht für jeden gemacht ist, aber jeden betrifft. Eine klare Leseempfehlung für alle, die etwas Spezielles und Einzigartiges in der Literaturwelt suchen.

★★★★☆

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