Rezension: Das Ende unserer Tage von Christian Schüle

01 Mai 2012 |

Zum Buch

Verlag: Klett-Cotta
Format: Gebunden
Seiten: 457
ISBN-13: 978-3608939620
Preis: 22,95 €

Über das Ende unserer Tage

Im Wandel der Wirtschaft wird Hamburg immer mehr von der neuen Industriemacht China aufgekauft. Chinesische Investoren verlagern die Produktionen, wo unter Billiglöhnen auf Masse produziert wird. Darunter leiden muss der Kleinste, der Fabrikarbeiter, der Angestellte, dessen Existenz zu Grunde geht. Kirchen werden umgebaut zu Eventagenturen und die neue Religion ist die Spiritualität, im Zeichen von Selbstmotivationslehren und innerer Selbstreflexion und -reinigung. Riten, die aus den asiatischen Kulturen zu uns überlaufen.
Mitten in diesen Wandel ist Charly Spengler, ehemaliger Direx der erfolgreichsten Kammfabrik Hamburgs, die mit ihren „Lady Star“ den Markt erobert hat. Mit seinem ganzen Herz hing er an der Produktion der Kämme und war für seine Mitarbeiter immer da. Jetzt, wo alles aufgekauft wurde, die Produktion verschifft, soll auf dem Gelände Neues entstehen. Von heute auf morgen stehen seine Mitarbeiter auf die Straße und für ihn ist es der Auslöser gegen die Übermacht der Großunternehmer und ihr Treiben vorzugehen.
An seiner Seite steht Jan-Philipp Hertz, der seinen Platz als Human Ressource-Fachmann, verloren hat. Er gründet eine Logistik und Consulting-Agentur, die das Bindeglied zwischen Spengler und den Großen der Wirtschaft bildet.
Beide zusammen stehen im Sturm der dekadenten Gesellschaft, die sich immer weiter in einem Kampf zwischen westlicher Industriekultur und östlicher Übernahme entwickelt, wo die Kleinen gegen die Großen stehen.

„Das Ende unserer Tage“ zeichnet ein Hamburg, wo der Osten - und damit die Industriemacht China -, die westliche Welt aufzukaufen droht. Ein schrecklich reales Szenario, welches seine Wurzeln schon jetzt in der heutigen Zeit trägt. Zwischen Sozialphilosophie und Spiritualität steuern die Leute immer weiter auf den Untergang der Welt, im wirtschaftlichen Sinne, zu. Großunternehmer treffen sich in Salons und frönen einem dekadenten Leben, während die Kleinen zusehen müssen. Dabei gibt der Autor einen bunten Querschnitt der Gesellschaft. Sei es die depressive Künstlerin, die ihr Leben über den Tod definiert, die Frau eines krebskranken Unternehmers, die einen „Spürsalon“ eröffnet um der Spiritualität und dem Leben selbst auf den Grund zu gehen oder doch die kleinen Fabrikarbeiter, die als Gastarbeiter einst gekommen sind, und heute ihr Geld nicht mehr verdienen können, weil die Raffinerien, in denen sie einst gearbeitet haben, nicht mehr existieren. Jede Personengruppe wird eingeschlossen und gibt einen umfassenden Blick auf das Dystopische in diesen Roman.
In diesen Schmelztiegel geht es vor allem um die Suche nach dem eigenen Sein, das heute in der schnellen und immer effizienter werdenden Welt auf der Strecke bleibt. Religion wird durch Spiritualität überlagert, von Motivationsformeln angetrieben, die man aus Amerika zu Genüge kennt, mit einen Glauben und Gleichgewichtsbewusstsein aus der asiatischen Kultur. Ein ausgeglichener Körper, ein reiner Körper, bringt die Kraft, dass zu ermöglichen, was man immer wollte. Alles Dinge, denen man heute schon begegnet. Sei es das Feng Shui oder doch das im Kollektiv betriebene Yoga, die Akupunktur beim Heilpraktiker oder die speziellen Massagetechniken zur Tiefenentspannung.
Im Laufe des Prozesses nach dem Sterben nach den schneller, höher, weiter, suchen wir unsere eigene Existenz, die doch bedroht ist, durch den wirtschaftlichen Umschwung. Die Großen, die Geldverdiener regieren die Welt und machen die Kleinen unter sich platt ohne Reue, ohne Moral. Die Kleinen wehren sich, suchen sich ihre Anführer und schreien nach Revolution, wollen beachtet und nicht immer vertröstet werden.
Und dabei fällt immer wieder eins bei diesem Roman auf: Das große Ganze ist genauso wichtig, wie das Kleine. Der Teufel steckt im Detail, im undurchschaubaren Netz der heutigen Wirtschaft.
„Das Ende unserer Tage“ besticht durch seinen absoluten Realismus. Die Fundamente für eine solche Entwicklung wie sie Christian Schüle beschreibt sind längst gelegt und dadurch wird „Das Ende unserer Tage“ zu einem Leseerlebnis.
Der Roman lebt durch seine Fülle, seinen kleinen Zusammenhänge der einzelnen Figuren, die einen oberflächlich erschienen, aber auf die Oberflächigkeit dieser Welt aufmerksam machen und doch so viel Tiefgang besitzen, dass man ein Bild von ihnen hat. Man ist ihnen fern und doch nah und hat einen distanzierten Blick auf die dunkle, alles verschlingende Maschinerie der Wirtschaft.
Die Dekadenz des neuen Lebens tritt sogar in die Welt der Fernsehmedien ein, so dass man Leuten auf ihren letzten Wegen begleiten kann, Leuten beim seelischer Selbstausschabung zusehen kann und gebannt vor der dem LCD-Bildschirm die für den Zuschauer wirklichfremde, fiktive Screening-Welt betrachtet. Eine Kritik an die heutige Medienwelt, die ihre Niveaulosigkeit und Persönlichkeitsausschlachtung jeden Tag auf Neue unter Beweis stellt und uns serviert.
Doch auch wenn der Inhalt stimmig ist, die reale Angst erschreckend greifbar gemacht wird, die Suche nach dem Selbst, den Individualisten im Gesamtkonstrukt der Welt, des globalen Netzes, in dem man immer kleiner wird, klar herausgestellt wird, ist es gerade die Sprache, die einem das Lesen schwer macht.
Christian Schüle schreibt wunderbar philisophisch, atmosphärisch, poetisch und metaphorisch. Bildgewaltiger und stilmittellastiger kann ein Schreibstil fast nicht sein. Es ist ein Genuss die Sprachkonstrukte zu lesen und ihnen zu folgen. Aber es bleibt das Problem, dass diese Detailverliebtheit, die Konzentration und den Lesevorgang massiv hemmt. Oft hat man Mühe beim Lesen zu Erfassen, was der Autor von einem will, ist gezwungen Passagen öfters zu lesen, weil die Gedanken ins Nirwana verschwinden.
Außerdem fehlt es bei diesem Roman an einer gewissen Linie, der ständige Perspektivwechsel und gleichzeitige Wechsel zu verschiedenen Macharten der Literatur, lassen manches unstimmig erscheinen. Manchmal ist man als Leser sich nicht sicher, was der Autor erreichen will, soll es eine Wirtschafssatire sein, eine Sozialkritik, eine Dystopie oder doch etwas völlig anderes. Eine ganze Fülle von Eindrücken rieselt auf einen hinab und verschwimmt den klaren Blick auf die Geschichte, aufgrund seiner vielen äußeren Einflüssen und Unstimmigkeiten. Teilweise zu überspitzt kommen bestimmte Geschehnisse und trüben den eigentlich hervorragend ausgearbeiteten Realismus der Geschichte.

Fazit

„Das Ende unserer Tage“ ist Satire, Sozialkritik und –dystopie zugleich und hebt sich vor allem durch sein erschreckend realistisches Szenario hervor, die den Leser erzittern lässt. Einziges Manko ist die Machart des Romans, bei der Christian Schlüte oftmals den Bogen sprachlich wie inhaltlich zu sehr überspannt hat.

★★★☆☆

1 Kommentar:

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