Rezension: Evil? von Timothy Carter

11 Mai 2012 |

Zum Buch

Dt. Titel: Böser Engel
Verlag: flux
Format: Taschenbuch
Seiten: 264
ISBN-13: 978-0738715391
Preis: $9.99 U.S.

Gefallene Engel können auch böse sein

Stuart lebt in einer Kleinstadt, deren Glauben ans Christentum fest in der Gemeinde verankert ist. Dass es einen Jungen, der öffentlich schwul ist, natürlich nicht leicht fällt, ist dabei nicht von der Hand zu weisen. Doch seltsamerweise wurde er aufgrund seiner Neigungen noch nie diskriminiert, wenn auch nicht richtig von der Gesellschaft akzeptiert. Aber als sein Bruder ihn bei seiner Selbststimulation unter der Dusche erwischt, ändert sich alles. Von der ganzen Stadt wird er urplötzlich als „spiller“ (frei übersetzt: Verspritzer) verschrien und bekommt es von allen Seiten ab. Er darf nicht einmal in der Schule alleine aufs Klo, sondern muss von einer Lehrkraft begleitet werden und steht unter Beobachtung, damit er „die Sünde des Onan“ nicht begeht.
Bald findet Stuart aber die Wahrheit hinter dem abstrusen und übertriebenen Handeln der Stadtbewohner auf. Denn, während alle den Christentum frönen, hat er stattdessen gelernt Dämonen zu beschwören und ruft regelmäßig Fon Pyre um ihn Fragen zu stellen. Dieser Dämon erklärt ihm, dass ein gefallener Engel den Verstand der Leute beeinflusst und dieser ihm das Leben zur Hölle.
Stuart gerät mitten hinein und versucht die Stadt vor dem gefallenen Engel zu befreien, doch dieser will das mit allen Mitteln verhindern. Gott sei Dank, hat er seinen dämonischen Freund Fon Pyre dabei, auch wenn dieser ihm nur widerwillig gehorcht und hilft.

Mit „Evil?“ gelingt Timothy Carter ein Fantasyroman, der sich nicht zu den anderen des Genres einfach so einordnet. Er hebt sich ab, auf seine vielschichte Art und Weise. Denn in „Evil?“ wird der christliche Fanatismus der amerikanischen Gesellschaft humoristisch und bitterböse dargelegt. Die Stadtbewohner, die aufgrund des gefallenen Engels beeinflusst werden, zeigen klar den übertriebenen Glauben an die Bibel und die Misinterpretationen und Wort-für-Wort-Auslegung der teils fast schon fanatisch-radikalen christlichen Gesellschaft. Es wird blank offen gelegt, wie man gegen die Homosexualität ist, wie man Leute aufgrund ihres Glaubens abwertet und man alles über seinen Glauben steht. Sonntags brav in die Kirche und die Kinder schön in die Sonntagsschule geschickt. Und trotz allem, findet der Autor auch gute Worte für die christliche Gemeinde, nimmt sie in Schutz und relativiert seine Aussage so, dass man klar sagen kann, dass nicht jeder Christ so ist.
Aufbauend auf ernstzunehmenden Charakteren und einem vielschichtigen Protagonisten, der mit seiner Homosexualität und dessen Anerkennung in seinen Umfeld, sei es von der alleinerziehenden Mutter oder der Gesellschaft, und einem sarkastischen, ironischen und oft bitterbösen Schreibstil, führt er uns in eine kleinstädtische Welt zwischen Dämonen und Engeln, wobei es hier kein klares Bild von Gut und Böse gibt wie es sonst üblich ist.
Gefallene Engel sind hinterlistig, fanatisch veranlagt und haben eine Sünde, die sie besonders hassen und vom Menschen fernzuhalten versuchen. Ein weitaus getrübter Blick auf die sonst strahlenden Wesen. So verhält es sich auch mit den Dämonen, die zwar grauenhaft und fratzenhaft gezeichnet wurden, aber genauso doch Ehrfurcht, Ängste und Treue zeigen können.
Diese Aufhebung des typischen Rollenbildes von Gut und Böse macht diesen Fantasyroman zu einer kleinen Perle des Genres, welche sich vor allem durch seinen wortspielreichen Stil hervorhebt. An jeder Ecke lauert der Zynismus, die Ironie oder der Sarkasmus, der einen um die Ohren gehauen wird und auch öfter, den ein oder anderen, Lacher herausholt. Abgerundet wird dieser durch die unterschiedlichen Charaktere, die das Spektrum der amerikanischen Kleinstadt abdecken und auch die Zweifel der Jugend nicht unbeleuchtet lassen.
Nichtsdestotrotz wird oft nur an der Oberfläche gekratzt und an manchen Stellen wünscht man sich mehr Tiefgang. Manches bleibt zu undurchsichtig, obwohl sich insgesamt ein geschlossener Roman bildet, der auch zu Ende hin mit Kritik nicht spart und ungewöhnlich bleibt. Den Böses findet nur seine Wurzeln im Bösen.

Fazit

„Evil?“ ist schwarzhumorig, bitterböse und gesellschaftskritisch. Timothy Carters Spiel von umgekehrten Rollen des Guten und Bösen wie auch die Aufhebung von stereotypischen Kreaturen machen den Roman zu einer kleinen Besonderheit des Genres. Ein überzeichneter Blick auf die amerikanisch-christliche Gesellschaft und Homosexualität in einer solchen Gemeinde. Lesenswert!

★★

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen