Rezension: A Monster Calls von Patrick Ness

20 Mai 2012 |

Zum Buch

Dt. Titel: Sieben Minuten nach Mitternacht
von einer Originalidee von Siobhan Dowd
Illustrationen von Jim Kay
Verlag: Walker Books
Format: Gebunden
Seiten: 216
ISBN-13: 978-1406311525
Preis: £12,99 UK

Sieben Minuten nach Mitternacht

Sieben Minuten nach Mitternacht wacht Conor auf, wenn ihn wieder der Albtraum heimgesucht hat. Ein Albtraum voller Schwärze, der ihm aus dem Schlaf reißt. Doch neben diesen Albtraum besucht ihm seit Kurzen ein Monster, eine Eibe, das ihm drei Geschichten erzählen will. Drei Geschichten, die Conor helfen sollen zu verstehen, denn er hat es gerufen, auch wenn Conor nicht weiß warum.
Denn Conors Mutter leidet unter Krebs und er kapselt sich immer mehr von der Welt ab. Jeder bemitleidet ihn, er wird in der Schule drangsaliert und ihm wird alles zu viel, denn er will sie nicht verlieren, er will das Unaussprechliche nicht aussprechen. Nur das Monster scheint ihm helfen zu können.

Wenn man den Buchdeckel schließt und es innerlich in einem nachhallt, weiß man, dass das die gelesenen Worte, mehr als nur Reihungen von Sätzen sind. Dann weiß man, man hat eine Geschichte gelesen, die einen umklammert hält und nicht mehr so schnell verlässt. Dann weiß man, man hat ein Stück Literatur gelesen, welches bedeutungsschwer, verändernd und nachdenklich stimmend ist. Einen Roman, den man in so einer Form nur selten lesen kann und wird.
Denn eins ist „A Monster Calls“ auf jeden Fall. Ein atemberaubender Roman über das Leben, die Trauer und die Hoffnung, die der Mensch im Laufe seines Lebens mit sich trägt. Mit Conor als Protagonist ist eine Figur geschaffen worden, deren Vielschichtigkeit weit über normale Charaktere hinausgeht. Durch das Monster, was ihm nahe steht, bei dem er nicht weiß ob es wirklich da ist oder doch nur in seiner Phantasie, versucht er das zu verarbeiten, was Erwachsenen schon schwer fällt und für Kinder und Jugendliche noch grausamer ist. Einen geliebten Menschen zu verlieren, speziell die Person, die ihnen Leben eingehaucht hat, bringt die Brust zu bersten und lässt ein Kinderherz verkümmern, wenn es nicht Abschied nehmen kann, sich nicht davon distanziert, es verarbeitet. Man hört seine Verzweiflung, seine Tränen, seine Wut, seine innere Leere, sein gesamtes Gefühlspektrum anhand von den geschriebenen Worten, so dass ein Mensch entsteht, mit dem man sympathisiert und dem man helfen will. Man möchte Conor in die Arme nehmen, ihn über den Kopf streichen, flüstern: "Es wird alles gut" und man weiß genauso gut, dass er einen Wegstoßen wird und es nicht annehmen will.
Dabei wird immer wieder klar, wie schmal der Grad zwischen Aggression, Verzweiflung, aufkeimender Hoffnung und Kontrollverlust ist. Conor versinkt in einem Gefühlschaos, er füllt sich in der Schule unsichtbar, mit seinen Schmerz allein gelassen, möchte aber keine Hilfe, wehrt alles ab und will kein Mitleid. Er will bestraft werden wie die anderen, bestraft für die Schuld, die er in sich trägt. Eine Schuld, die er nicht (er-)tragen kann, die ihm nicht einmal gehört. Denn die Krankheit seiner Mutter, die nie wörtlich erwähnt wird, aber als Krebs erkennbar ist, kann man bekämpfen, besiegen genauso aber auch den Kampf verlieren und sich aufgeben. Aber die Schuld der Entstehung trägt keiner.
In poetischen Wörtern, düsteren Bildern, flackernden Lichtern und nervenaufreibenden Momenten verpackt Patrick Ness die Geschichte eines Jungen, der versucht zu akzeptieren, was unausweichlich scheint. Eine traurige Geschichte für die der Autor die passenden Worte und Formulierungen findet ohne zu klischeehaft, zu düster und hoffnungslos zu klingen. Er schafft es ein geistiges Porträt einzufangen, gefühlvoll, nah und schmerzlich real, so dass man oft selbst mit den Tränen kämpft, wenn man über die Zeilen mit den Augen schweift. Alles wirkt wirklich, nie aufgesetzt und aus einem Guss ohne Ecke und Kanten, obwohl die Handlung selbst emotional aneckt.
Doch nicht nur die Sprache von Patrick Ness machen aus der Geschichte, deren Idee von der an Krebs verstorbenen Autorin Siobhan Dowd stammt, ein wahrliches Bilderrausch, sondern auch die Illustrationen von Jim Kay, die die Bilder dieser Geschichte exakt einfangen, einen klar herausstellen und zeigen wie schwarz es in Conor aussieht, schaffen die Atmosphäre für den Roman. Atemberaubte Illustrationen, die sich ins Gesamtgefüge eingliedern und auch optisch den Roman zu einer Perle der Literatur machen.
Das Ende des Romans schafft etwas, was man nach all den Seiten vorher nicht mehr erhofft. Es spendet Hoffnung, lässt einen Lichtblick in der Finsternis übrig und schließt alles ab in seiner Vollendung und lässt die Emotionen spriesen ohne Aufdringlichkeit zu beweisen und fesselt noch lange, nachdem der Schlag des Buchdeckels verhallt ist. Man bleibt intensiv berührt, wischt die letzten Tränen aus dem Gesicht und versinkt in Gedanken, in Gedanken an das Leben, die Vergänglichkeit, den Kummer, das Leid und die Hoffnung, die irgendwo immer zu seien scheint.

Fazit

„A Monster Calls“ ist weitaus mehr als nur ein Roman. Es ist eine Gefühlsoffenbarung eines Jungen, der seine Mutter zu verlieren droht, ein phantasievoller Roman, voller Poesie, voller Leben und voller Schmerz und epische Erzählkunst wie sie sein sollte. Aufrüttelnd, nachdenklich stimmend, sprachlich hochwertig und auch nach Ende der Lektüre nachklingend. Eine Pflichtlektüre für alle ohne Ausnahme.
★★★★★

Um einen Eindruck zu den Illustrationen des Buches zu bekommen, ist hier der Trailer, der mit den Bildern aus dem Roman arbeitet. 


Kommentare:

  1. Ich habe die deutsche Ausgabe gelesen und ich fand das Buch so traurig, dass ich noch lange nachdem ich es beendet habe darüber nachdenken musste.

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  2. Eine sehr treffende Rezension. Ich habe das Buch auch gelesen - wenn auch auf Deutsch - und fand es sehr ähnlich wie du. Ich muss immernoch das ein oder andere Mal an das Buch denken.

    Liebe Grüße, Diti

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  3. Man was für ein tolles Buch/Thema!!
    Aber wer möchte sowas wirklich lesen ohne schlaflose Nächte zubekommen?

    LG..karin..

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