Rezension: Sommerhaus, jetzt! von Oliver Geyer

06 Mai 2012 |

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Verlag: Blanvalet
Format: Klappenbroschur
Seiten: 288
ISBN-13: 978-3764504274
Preis: 12,99 €

13 Berliner Freunde zwischen Landflucht und –lust

Die 13 Freunde haben das Berliner Stadtleben satt. Sie brauchen eine Oase zur Entspannung, ein Plätzchen im Grünen, mit Landromantik, direkt am See, frei und unabhängig vom lauten Alltag der Stadt. Ein Wochenddomizil, einen Kieselstein, den man zum Diamanten schleifen kann. Und wenn die Kosten eines Hauses auf dreizehn Männer und Frauen verteilt werden, lässt sich doch der Traum leicht erfüllen. Und ein bisschen Handwerk und Zeiten zum groben künstlerischen Austoben braucht der Mensch.
Kurzerhand beschließen sie gemeinsam Kredite aufzunehmen, nachdem sie, nach ein paar Immobilienkatastrophen und Besitzeransprüchen, endlich ihren „Kieselstein“ entdeckt haben. Plötzlich stellen sie sich mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Uckermärkischer DDR-do-it-yourself-Bau trifft auf Hobbyhandwerker mit akademischer Ausbildung. Grünanlagen treffen auf hochschießendes Unkraut und Ostcharme trifft auf Splatterputz. 13 Freunde in geordneter Anarchie und dem klaren Ziel vor Augen: Tiefenentspannung bei lauen Sommerabenden mit Gegrillten und (Froh-)Natur. Aber bis dahin müssen noch einige soziale Steine gekauft, verschoben und gemauert werden.

Wenn ein Roman einen so richtig sympathisch ist, weiß man, man hat eine waschechte Sommerlektüre vor sich. Denn Charme und Esprit hat „Sommerhaus, jetzt!“ von Oliver Geyer jede Menge. Die Freunde, all ihre lustigen Helfer und die Dorfbewohner sind alle so wunderbar gezeichnet, dass man mit ihnen schwanger geht. Man schließt sie in sein Herz hinein und will sie mit all ihren Ecken und Kanten gar nicht mehr los werden. Sei es der vom Landadel stammende Ökonom, die Musikerin, die eingefleischte Sozialpädagogin oder doch der Journalist für das Grobe. Alle zusammen bilden eine abwechslungsreiche Gruppe, bei der Konfliktpotenzial nicht ausbleibt.
Vor allem nicht, wenn es um ein Großprojekt wie ein „Sommerhaus“ geht, mit Seeblick und Steg zur kollektiven Tiefenentspannung. Da bleibt die ein oder andere persönliche Differenz nicht aus und Schwund ist immer, sei es am Bier oder doch eher an Baumaterial und Werkzeug. Anarchistisch-chaotisch gehen sie voran und finden doch schlussendlich mit der Losung „Weniger Demokratie wagen“ ihren Weg. Ein bisschen was von neuartiger Kommune. Kommune re-loaded: komfortabler, gepflegter und mit weniger Bartwuchs.
Es treffen 13 Persönlichkeiten aufeinander, mit 13 verschiedenen Vorstellungen und 13 verschiedenen Ideologien. Es kommt zu Zahnbürsten-Blumensträußen, Bio-Farben, die von ihren rosa, gott sei dank, noch ins brombeerfarbende wechseln, geplatzte Abwasserröhre und den freundlichen Dorfnachbarn, die zwar wortkarg sind, aber mit ihren uckermärkischen Dialekt und handwerklichen Geschick überzeugen. Stümperhandwerker, die den Hammer höchstens von der Ferne soziologisch analysiert haben, müssen urplötzlich handwerkliches Geschick beweisen und stellen fest: So leicht wird das mit dem eigenes gezimmerten Sommerhaus nicht.
Speziell nicht, wenn man in Brandenburg sitzt und den Mauerkonflikt zwischen Wessis und Ossis am Gemäuer selbst merkt. Es wurde gebaut, wie der Schnabel gewachsen ist und sozialistische Planwirtschaft ließ keinen Spielraum für planmäßigen Hausbau. Es wurde verbaut, was zum verbauen da war. Auch wenn das Konzept, durch die neuen Materialen den Prinzip der Ruinenschatzsuche und polnischen Baumarktsortiment bestehen, weitergeführt wird.
Aber was würden die 13 Freunde nur ohne ihren Nachbarn Wolle Schörder tun, der das Dorf zusammentrommelt und kräftig unter ihre westberlinerischen Arme greift. Immer menschlich, immer direkt heraus, einfach ländlich klassisch eben.
Abgerundet wird das Spektakel durch den pointierten Schreibstil, der voller Wortwitz steckt und den ein oder anderen Lacher auch an schlechten Tagen herausholt. Man steckt mittendrin im ländlich-fundamentalen Lebenswahn und fühlt sich mit der lachenden Truppe, zum Lachen verleitetet. Sarkasmus auf den höchsten Punkt, mit einer Prise Zynismus und ganz viel Ironie, verpackt in metaphorischen Sprachbildern. Einfach lesenswert!

Fazit

„Sommerhaus, jetzt!“ ist eine wahre Sommerlektüre, für jeden Hausbaufetischisten geschrieben, für Ossis und Wessis gleichmäßig unterhaltsam und wunderbar sympathisch, dass man am liebsten selbst zu der Truppe zustoßen möchte. Ein farbenfroher Roman voller Frohnatur und menschlichen Charme. Eine Gute-Laune-Literatur, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

★★★★★

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