Rezension: Die letzte Delikatesse von Muriel Barbery

14 Juni 2012 |

Zum Buch

Originaltitel: Une gourmadise
Verlag: dtv
Format: Taschenbuch
Seiten: 160
ISBN-13: 978-3423137591
Preis: 8,90 €

Essenspsychologie und -philosophie

Pierre Arthens liebt ihm sterben. Ein Restaurantkritiker, der seine Frau Kinder nicht geliebt, seine Frau nur zweckmäßig und seinem Leben nur einer Sache gewidmet hat: Das Essen. Doch auf seinem Sterbebett sucht er ihn, den absoluten Geschmack, dass Gericht, welches unter all den Speisen, das Göttliche in sich trägt. Dabei lässt er seine kulinarischen Reisen Revue passieren, von seinen Beginn bis zu dem sprachlichen Kritikgenie, was er schlussendlich war. Die Reise eines Gourments beginnt von Küchen, Alkohol, Gerüchen und Geschmäckern, in deren Höhepunkt die Speise seines Lebens steht.

In diesem Roman bekommt man Lust, die Lust am Essen. Denn das Essen ist wie ein sexueller Akt und gilt jede Sekunde mit derselben Raffinesse und der Leidenschaft genossen zu werden bis zum kulinarischen Höhepunkt in dem alles im Kopf zu explodieren scheint. So macht es uns der Roman fast schon auf eine erotische Art deutlich und lässt Essen zu einem Genussakt werden.
Mit einer bildgewaltigen Sprache, einen Feinsinn für Wortwahl und Schachtelsätze, versucht Muriel Barbery das Essen zu huldigen: geruch-, gefühls-, essenstechnisch, gar psychologisch und philosophisch. Auf allen Ebenen macht man eine Reise zwischen Buffets und Häppchen, Haute Cuisine und Landfrauenküche, zwischen der Patisserie und der Bäckereien, bei der einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Zwischen einfachen Gerichten bis ganzen Gewürzstürmen und geschmacklicher Grenzenlosigkeit. Essen war noch nie so lebendig wie in diesem Buch. Eine Poesie des Essens, in psychologische und physischer Sicht.
Von verschiedenen Perspektiven wird Pierre Arthens beleuchtet, mal geliebt, mal gehasst, mal neutral und dann wieder ehrwürdig. Alle sprechen sie über den Kritiker, nebst der gedanklichen Suche von Pierre selbst, auf seiner Suche nach dem perfekten Geschmack. Diese äußere und innere Sicht lässt den Kritiker auferstehen, mit all seinen Facetten, Macken und Unstimmigkeiten.
Doch dort hört das Positive auf und beginnt das Negative, die Miskomposition des Gerichts, was auf einer ganz eigenen Ebene neutral ist. Auf jeder Persönlichkeitsschicht auf der man sich Butter, Schokocreme oder gar Exotisches wünscht, wird nur Einheitsbrei geboten, der sich weder sprachlich noch vom inneren Charakter unterscheidet. Allein über die Überschriften wird klar, welche Person gerade über den Kritiker spricht und nie wird der Stil angepasst, weder ob jemand Altes, Erfahrenes oder Junges spricht oder gar woher die Personen kommen. Durchgehend haben alle die literarische Stimme, die auch Pierre anstimmt. So kann man zu keiner der anderen Charaktere eine Bindung aufbauen oder überhaupt begreifen, wieso sie ihn so empfanden wie sie ihn empfanden. Man ist auf Distanz, aber so weit entfernt, dass man es nicht begreifen kann und will.
Diese Problematik wirkt sich auch auf die eigentliche Handlung wieder, die des Restaurantkritiker auf der Suche nach dem Gericht, was er am meisten geliebt hat. Durch diese Blässe, ohne jegliche Raffinesse und individueller Kruste, wirkt auch der Kritiker seltsam eindimensional und eintönig. Es entwickelt sich kein vielschichtiger Charakter, sondern nur ein Genießer des Essens in all seinen Formen. Es ist eine Obsession, an der er sich opulent ergötzt und die ihn nur zu kümmern scheint. Aber dieser Effekt und die Erkenntnis lebt allein durch die Sprache, nicht aber durch das Aufleben einer wirklichen Persönlichkeit.
Die einzige Überraschung bietet das Ende, denn das, was er in seinen Gedanken, in seiner olfaktorischen und kulinarischen Welt zum Abgang haben möchte, bevor er stirbt, ist wahrlich ungewöhnlich und verblüfft.

Fazit

Ein sprachliches Meisterwerk und eine Hommage an das Essen, bei der der Appetit mit jeder Zeile wächst, dessen Würze aber an seinen geschmacklosen Charakteren leidet.

★★☆☆☆

Kommentare:

  1. Schöne Rezi geworden! :) Ich würde das Buch allerdings schon aus Prinzip nicht lesen. Ich will doch nicht zunehmen o.O Denn vermutlich würde ich ununterbrochen essen, wenn ich das Buch lesen würde :D Nee, lieber nicht^^ Hast du denn durch das Buch zugenommen? ;D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. *meinen nicht schlanken Buch betrachte* dicker bin ich wohl nicht geworden... nochmal Glück gehabt. Aber ich hab das Buch eh auf dem Hometrainer gelesen :D

      Löschen
  2. Wie ich dir schon mal geschrieben habe, musste ich das Buch leider abbrechen. Zwar konnte mich Barbery's Spracheleganz wieder umwerfen, doch gegenüber den inhaltlichen Mängeln sich nicht rausreden ..
    "Allein über die Überschriften wird klar, welche Person gerade über den Kritiker spricht und nie wird der Stil angepasst, weder ob jemand Altes, Erfahrenes oder Junges spricht oder gar woher die Personen kommen."
    Ich stimme dir zu 100% zu! Besonders diese Details fielen mir bereits zu Beginn schon sehr unangenehm auf. Dabei war das Schreiben aus verschiedenen Perspektiven für die Madame kein neues Land. Denn in "Die Eleganz des Igels" konnte sie sehr gut die einzelnen Charaktere durch gekonnte stilistische Griffe sprachlich auseinander halten, sodass auch dem Leser bewusst war: hier erzählt uns jemand anders seine Sicht der Geschehnisse ..
    Top Rezension! Danke dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast!

    Liebe Grüße,
    Jimmy

    AntwortenLöschen