Rezension: Hemmersmoor von Stefan Kiesbye

03 Juni 2012 |

Zum Buch

Verlag: Tropen
Format: Gebunden
Seiten: 208
ISBN-13: 978-3608502084
Preis: 17,95 €

Ein teuflisches Dorf im Moor

Christian betritt seit Langen wieder den Boden von Hemmersmoor. Seit Kurzem lebt ihr wieder im Dorf und wohnt einer Beerdigung bei, mit anderen Kindern Hemmersmoors, Freunde, Feinde, Menschen, die in einer Dorfgesellschaft leben, die von weitaus mehr bestimmt wird als nur Landromantik.

Stefan Kiesbye hat einen Schauerroman geschaffen, der mehr als nur ein paar Schauer beim Leser auslöst. Seine Geschichte rund um ein norddeutsches Dorf zeigt die wahren Monster: die Menschen. In einer Gemeinde in der Töchter von ihren Vätern geschwängert, Frauen und Mädchen vergewaltigt, Außenstehende angeklagt und schier hingerichtet, der Spott und Hohn Zwiespalt gesäht werden. Eine Welt, die eigenständig zu seien scheint, die den Weltethos nicht besitzt, sondern in Aberglauben verstrickt, an moralische Vorstellungen gebunden ist, die an Rückständigkeit klammert. Menschen werden schnell zum Gespräch, zum Gespött und ihr Ruf wird in kürzester Zeit zerstört, wenn sie nicht selbst zerstört werden, psychisch oder physisch.
Dargestellt und repräsentiert wird diese von Doppelmoral geprägte Dorfgemeinde, in der jegliches Grauen unter dem Teppich gekehrt wird, von den Kinder Hemmersmoors. Sie sind die Ich-Perspektiven, die fast schon ohne jegliche Emotion und distanziert über die Geschehnisse im Dorf sprechen und sich gegenseitig ergänzen. Der Autor hat dabei zeitweise eine Art altertümliche Sprache verwendet, die an die Schauergeschichten des 18. Jahrhunderts erinnert. Erst zuletzt gibt sich aus den Perspektivfragmenten ein gesamtes erschreckendes Bild, welches schon in seinen teuflischen Details den Leser anwidert und in seiner Gesamtheit noch weitaus schwerer zu schlucken ist. Speziell die Ich-Perspektive und die doch distanzierte Art des Roman, führt uns direkt ins Dorf, fast schon als Einwohner, obwohl man unbeteiligter und stiller Außenstehender und Beobachter der Szenarien ist.
Dabei erstreckt sich die Entwicklung - und damit die eigentliche Handlung - des Dorfes über mehrere Jahre und so verändern sich auch die Kinder, werden finsterer, unmoralischer, sind von ihren aufkommenden Gefühlen geprägt und gehen seltsam abgestumpft an ihre aufkommende Sexualität heran. Ungebremst und unverhemmt, weil sie selbst ihr Kindsein aufgrund der ärmlichen und drastischen Umgebung abgelegt haben, die selbst nur mit Härte zu ertragen ist.
Die grotesken Episoden voller Gewalt, Vergewaltigungen und obskuren Vorstellungen und Gedankengänge, lassen einen den Kopf schütteln und man möchte etwas dagegen tun, die Leute wachrütteln, aus ihrer Trance erwecken, damit sie nicht einfach wegsehen. Man möchte sie dazu animieren etwas zu tun, offener zu sein, gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen und sie nicht einfach zu akzeptieren und hinzunehmen. Die Grauen, die sie umgibt, nicht zu verfolgen und selbst zu bestimmen, um schlussendlich aufzugeben. Aufgeben, weil fast Jeder in Hemmersmoor schuldig ist, auf seine Art und Weise. Sei es der Neid, der sie dazu treibt, sei es die Angst oder einfach das pure Verlangen und Streben nach dem, was sie wollen oder, was noch weitaus schlimmer ist, ihr (Aber)Glaube an das Richtige. Und das Schlimmste: Sie bleiben ungesühnt, all ihre Schandtaten werden nie angeklagt, denn die Dorfgemeinde tut so, als wäre nie etwas gewesen.
Die tragende Rolle spielt dabei das Verdrängen, das Verdrängen über das, was nebenan passiert, das Verdrängen, was war und das Verdrängen, was man selbst getan hat. Und hier sitzt der Schauer, der aus dem Roman fließt. Der Schauer über die grauenhaften Taten und der Schauer darüber, dass es alltäglich ist. Das Böse in der Welt wird missachtet und verdrängt, obwohl die Erkenntnis, das eigene Einschreiten und nicht wegsehen, weitaus mehr ändern ändern könnte. Denn das Böse ist alltäglich, auch wenn wir es nicht wahr haben wollen und die Augen davor verschließen.

Fazit

„Hemmersmoor“ ist ein Schauerroman wie er im Buche. Dunkel, finster, überspitzt und grotesk. Eine Kritik an die Welt und dem größten Opfer und Täter: der Mensch, der verdrängt, wegsieht und auch die Taten begeht. Unheimlich und ungewöhnlich. Lesenswert!

★★★★☆

Kommentare:

  1. Ich habe leider noch nichts von Jay Asher gelesen, aber ich bin schon echt gespannt :) Tote Mädchen lügen nicht würde ich auch nur zu gerne lesen :DD

    AntwortenLöschen
  2. Hi Sky,
    das Buch schlummert schon eine ganze Weile auf meiner WL. DIe Inhaltsangabe hatte mich neugierig gemacht und nach Deiner Rezi rückt es jetzt ganz nach oben.
    LG Isabel

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dann bin ich auf deine Meinung gespannt!

      Löschen
  3. Klingt interessant, kommt mit auf die WL.

    LG Andrea

    AntwortenLöschen
  4. Hallo Sky,

    ein feines, kleines Buch!! Habe ich selber auch schon gesehen und mir ist besonders eine Sache in Erinnerung geblieben, sage nur Friedhof.
    Klingel es ja bei Dir??

    Es war fesseln,derb,brutal, aber auch wirklich sehr gefühlvoll und menschlich, wie der Autor Stefan Kiesbye diese..seine ..Geschichte geschrieben hat. Und nichts für zarte Gemüter.

    LG..Karin...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich glaube ich weiß was du meinst... mir ist der Schluss aber eher in die Knochen gefahren. Diese Andeutung... sehr bittere Pille.

      Es war eine spezielle Leseerfahrung ;)

      Löschen
    2. Hallo Sky,

      ja, da muss man schon hart gesotten sein und wirklich etwas für schwarzen Humor übrig haben um das Locker weg zu strecken...

      LG..Karin...

      Löschen