Rezension: Stimmen in der Nacht von Laura Brodie

30 Juni 2012 |

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Originaltitel: All The Truth
Verlag: dtv
Format: Klappenbroschur
Seiten: 336
ISBN-13: 978-3423249126
Preis: 14,90 €

Schuld und Schuldzuweisungen

Im Alter von fünf Jahren musste Maggie miterleben wie drei Studenten zum Haus der Professorin Emma Greene ankommen und die Aufmerksamkeit der Dozentin erregen, deren Mann in diesem Moment nicht zu Hause ist. Sie beschließt die Studenten wegzuschicken, auch weil Maggie Angst vor ihnen hat.
Doch nachdem sie nach draußen tritt, bittet die Studentin unter den Dreien die Toilette aufsuchen zu dürfen. Dabei folgt einer der Studenten, der ihr schon auf dem College aufgefallen ist, weil er ein Armband aus ihrem Büro gestohlen hat, was sie nicht beweisen konnte.
Als sie die beiden Studenten wieder zurückkommen sieht, nicht aber aus der Richtung der Toilette, und den Studenten ertappt wie er Spielzeug ihrer Tochter mitgehen hat lassen, bricht sich der Streit Bahn und endet darin, dass einer der drei Studenten am Boden liegt.
Jahre später kehrt die Vergangenheit wieder zurück, nachdem Maggie mittlerweile die Highschool besucht. Die letzten Jahre wurde sie von Albträumen heimgesucht aufgrund der Nacht, an dem die Studenten kamen. Bei ihrem Vater lebend, hat sie vor ein Problem auf der Highschool: Ihre Mathelehrerin Grace Murdock. Mrs. Murdock vermeidet jeden Augenkontakt und Maggie kann sich im Unterricht aufgrund ihrer Präsens nicht konzentrieren und schreibt schlechte Noten.
Aber der Grund, warum sie ihre Mathelehrerin nicht ausstehen kann, liegt weitaus tiefer in ihrer Vergangenheit. Denn die damalige Studentin, die in der traumatisierenden Nacht kam, ist heute ihre jetzige Mathelehrerin.

Schuld, Reue, Vergebung, Absolution und Schuldzuweisung. Begriffe tiefstem Gefühlschaos, Zustände von menschlichen Wandel und Grundprinzipien einer funktionierenden Beziehung. In „Stimmen in der Nacht“ geht es um weitaus mehr als die Wahrheit hinter der alles zu bestimmenden Nacht, deren Fühler in die Gegenwart greifen und alle Beteiligen ihr zukünftiges Leben schwer machen. Alle Beteiligten tragen ihr jeweiliges Päckchen und keiner bleibt unbeleuchtet.
Die jeweiligen Charaktere, die Laura Brodie erschafft, werfen das Bild von Opfern, Zeugen und Tätern völlig aus dem stereotypischen Konzept. Man will hinter Beweggründe blicken und findet doch vielschichte Figuren, deren Intensität und Realismus einen die ganze Schwere der Situation zum Vorschein bringen. Mit jeder Seite fällt es schwerer den Tätern und Opfern einen Stempel aufzudrücken und die Grenzen schwinden. Denn das was als der Beginn eines Thrillers beginnt, endet in einem Drama zwischen Sprachlosigkeit, Schuldzuweisungen und der inneren Last etwas falsch gemacht zu haben. Es geht vielmehr um die Reue, die Entlastung und sich der Wahrheit zu stellen anstatt der Lüge zu erliegen.
Dabei greift die Autorin auf eine bildhafte Sprache zurück, die gefühlsdurchfärbt und mit kraftvollen Bildern Charaktere und Szenarien zeichnet, die durch Wirklichkeitsnähe hervorstechen. Nichts wirkt aufgesetzt, künstlich, sondern echt und greifbar. Vor allem das Bild des amerikanischen Schulsystems, welches uns Laura Brodie, die selbst Professorin für Englisch ist, näherbringt, besticht durch die eingewobene Kritik an dem selbigen. So spricht sie klar heraus, dass sich die Rollen von Lehrern und Schülern geändert haben. Heute sind es die Schüler, vor denen sich die Lehrer fürchten müssen und nicht umgekehrt. Immer öfter werden Klassenzimmer Spielplatz von überhöhten Leistungsdruck und den immer höher werdenden Ansprüchen in der Gesellschaft, die sich im Frust, Apathie und Gefühlsexzesse entladen.
Schuld wird auf andere geladen, Menschen werden auf Abstand gehalten und wenn die eigenen Ziele nicht erreicht werden, machen wir den Anderen Vorwürfe. So ist es in der Schule und in der heutigen Gesellschaft.
Diese Beobachtungsgabe der Autorin und Tiefenpsychologie des Romans zeigt sich auch in den jeweiligen Perspektivwechseln und den Sprüngen zwischen der Vergangenheit und Gegenwart. Durch die ausführlichen Beschreibungen und das Einnehmen der verschiedenen Positionen gibt sich eine Beziehungskonstellation, deren Irrungen und Wirrungen sich erst zuletzt aufheben und mit einem Schluss aufwartet, der keine Fragen offen lässt.
Aber diese Detailfreude bringt zeitweise auch Längen mit sich, die durch Raffungen vermieden werden könnten und der Tiefe des Romans keinen Abbruch getan hätten. So hat man oft Szenen in denen die Charaktere mit viel Liebe herausgearbeitet werden, die aber schlussendlich zum gesamten Roman wenig Bezug haben und nur die jeweilige Figur unterstreichen sollen, die auch ohne manche Szenen genauso realistisch und klar gezeichnet geblieben wären.

Fazit

Mit großer Beobachtungsgabe für die kleinen Details im Leben schafft Laura Brodie mit „Stimmen in der Nacht“ ein tiefenpsychologischen Roman, der die Grenzen von Opfern und Tätern verwischen lässt und die Frage von Schuld in einen neuen Raum stellt. Ein Roman zwischen Thriller und Drama in wundervollen Bildern und noch lebensechteren Charakteren.

★★★★☆

Kommentare:

  1. Tolle Rezension und total professioneller Blog!!

    Liebe Grüße, Elle

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    1. Über solche Komplimente freut man sich doch! Vielen lieben Dank, Elle ;)

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  2. Mensch, du bist mit Abstand der Beste darin, mir Bücher auf die Wunschliste zu packen!! Naja, das ist ja eigentlich auch ein Kompliment für deine Rezis, aber andererseits solltest du jetzt Schuldgefühle haben! *versucht böse zu gucken* :D

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    1. Ich sollte Schuldgefühle haben? :D Warum sollte ich. Das Buch lohnt sich wirklich zu lesen! ;)

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  3. Ja Sky, den Kommentaren kann ich mich nur anschließen. Kann dir auch mit Freude mitteilen, dass ich deinen Blog mit in meine Blogroll aufgenommen habe, da ich sehr begeistert bin von der intellektuellen und allumfassenden Art Bücher zu analysieren und zu beschreiben.
    Auch die Berichte zu allgemeinen Dingen der Bücher find ich klasse.
    Verdient, verdient mein Lieber :)

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