Zerrissene Seiten: Size does matter?

10 Juni 2012 |

Läuft man in die Buchhandlung, will stöbern nach neuer, jungfräulicher Literatur, erblickt etwas ausgestellt, ins rechte Licht gerückt, ist euphorisch, die Hände Zittern vor Erregung, man wird von Cover magisch angezogen, nimmt das Buch in die Hand und liest den Titel. Es verspricht viel, es wird es halten. Ja, dieses Buch, es wird mir Freude spenden. Ein Buch, eine Geschichte mit Anfang, Höhepunkt, Schluss. Klassisch in seiner Form, interessant in seiner Art. Es wird ein Manifest des Lesens. Man glaubt, es kann nur gut sein, es kann nur der perfekte Lesestoff werden, man streicht über den Deckel, öffnet das Buch und  muss feststellen: Band 1.

Wie? Band 1 der Trilogie, Quadrologie, Hexalogie... (Grundkurs Chemie hilft weiter)? Warum denn schon wieder ein Mehrteiler? Einzelbücher wären so viel schöner, abgeschlossen, rund, beendet. Kein Warten auf den nächsten Band, kein Bangen auf die Fortsetzung, keine fiesen Cliffhanger und vor allem: keine Wartezeit bis es endlich weitergeht.
Wenn wir ehrlich sind... Das Gedächtnis kann nicht ewig alles abspeichern. Wichtiges geht verloren und so findet man sich wieder schwer im Nachfolger zurecht. Es ist lückenhaft und man muss hoffen, falls es nicht zeitnah erscheint, nicht vollends alles vergessen zu haben. 
Wollen wir mal merhteilige Reihen nicht schlecht machen, sie haben durchaus ihre Berichtung, brauchen ihren Zeit- und Entstehungsrahmen und sind allemal so spannend wie ihre einteiligen Geschwister. Doch während die Modeindustrie erkannt hat, dass man auch Monokinis braucht und nicht nur Bikinis, scheint die Literaturwelt immer mehr Flickenmode zu produzieren, anstatt eine Geschichte in einem einzelnen gebunden Werk zu erzählen. Ein Designerstück kann auch zusammenhängend sind und muss nicht immer nur aus den letzten Fetzen bestehen, die man zusammengefügt hat.
Bei manchen Literaturgattung leuchtet es ja noch ein. Die Fantasy, epische Erzählungen über herorische Helden, fremde Völker und fremden Welt, brauchen ihren erzählerischen Spielraum um überhaupt die Welt, Ländereien oder Völker zu erläutern und erklären ohne eines zurückzulassen. Ein Epos der sich über Jahre zieht, Vergangenheit und Gegenwart verbindet und Welten à la Mittelerde und der Scheibenwelt erschafft. Vielseitig wie die Welt selbst. Ein eigenes Universum in einen einzelnen Roman zu erschaffen ist schon schier eine Kunst und so darf es ruhig länger sein und ganze Reihen geben.
Aber bei dystopischen Trümmerwelten, bei denen es eigentlich nicht viel zu erläutern gibt und deren literarischen Vorbilder „Brave New World“ (dt. Titel: Schöne neue Welt) oder „1984“ es gelungen ist ganze Systeme in einem Buch zu verpacken, welches rund 400 Seiten erfasste, reichen diese schlichtweg nicht mehr aus. Warum?, stellt sich der geneigte Leser wohl die Frage. Warum gibt es auch Trilogien, deren ingesamte Seitenanzahl gerade die eines durschnittlichen Romanes erreicht? Warum? Und diese Frage muss unbeantwortet bleiben. Ist es der verhasste Kapitalismus, die Geldgier der Autoren, der Verlagen und Publizisten oder einfach die Unfähigkeit sich kurz zu fassen. Der Schluss ist eindeutig, wenn Mehrteiler geschaffen werden, bei denen die einzelnen Bände je gerade einmal die dreihundert Seiten Marke ankratzen.
Es wird eine Mischung aus allem sein und trotz allem müssen wir sagen: Manchmal will man gar nicht das Bücher enden. Manchmal will man einfach weiterlesen, obwohl die Geschichte schon erzählt ist und manchmal möchte man so viel mehr von seinen neuen Freunden wissen, als es hinter und vor den Zeilen steht.
Vielleicht brauchen wir auch die vielen Wörtern um diesen Figuren gerecht geworden zu sein, sich verlieben zu können und auch wieder zu entlieben, loslassen zu können, Abschied zu nehmen. Man möchte sie umarmen, weinen und dann mit einen Winken in den Zug steigen und "Au Revoir!" schreien! Laut, ganz laut! Und hofft auf ein Wiedersehen.
Da ist man traurig, dass es vorbei ist, es kein Wiedersehen mehr gibt und dann... dann kommt die Fortsetzung und das Herz pocht vor Freude, weil man sie wieder hat, seine Freunde, sie wieder zurück sind, neue Abenteuer mit einen Bestreiten. Ja, vielleicht brauchen wir doch mehr Mehrteiler.
Vielschichte Komponenten, mit vielseitigen Charakteren, mit einem großen Ensemble im weitreichenden Raum. Ja, wir brauchen es um Menschen Menschen werden zu lassen oder Wesen zu Wesen zu erschaffen um alles und wirklich alles zu beleuchten, was es zu betrachten gibt. Wie sonst sollen wir dem Leser und deren fiktiven Freunde gerecht werden?
So könnte man argumentieren, wenn man einen Mehrteiler lesen und schreiben möchte.
Nichtsdestotrotz... muss aus jeder Geschichte eine mehrbändige Handlung gequetscht werden? Nein und nicht alles eignet sich als weitererzählte Geschichte, was auf den Buchmarkt rumschwimmt. Manche Ideen werden schlicht nur verlängert und durch Szenen ergänzt, die keinen Beitrag zum gesamten Werk leisten. Und ein einzelnes abgeschlossenes Buch hat seinen Charme, weil es eben nicht aus vielen Komponenten besteht, sondern nur aus ausgewählten Momenten. Manchmal muss und darf es eben nur eine Momentaufnahme des Lebens sein. So, wie uns oft auch, trotz der vielen Seiten, nur die schönen Momente im Gedächtnis bleiben.

Kommentare:

  1. Sieht auch angepasst echt gut aus :)
    Ich hoffe auch, dass mich die Schafe wieder verzaubern werden!
    Oh und ich liebe es wie du schreibst. Und du sprichst mir aus der Seele :D
    Das Thema Einzelband vs. Trilogie beschäftigt mich sehr. Und übrigens hast du dir sehr viel Mühe gegeben: Erörterung 1+ setzen :DDD
    Besonders der Vergleich Monokinis vs. Bikinis fand ich passend xD

    LG Plumblossoms ♥

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    1. Schön, dass dir mein Beitrag gefallen hat ;)

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  2. Sehr guter Beitrag zum Thema Einzelband vs. Reihen/Trilogien...
    Ich kann dir in allen Überlegungen zustimmen. Deswegen ist es eben auch immer sehr schwer zu sagen, ob man nun Einzelband oder Reihe bevorzugt. Es kommt immer auf das Buch an!

    LG Anni

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  3. Schöner Beitrag, ich bin vollends deiner Meinung. Mir wird auch oft übel wenn ich ein tolles, interessantes Buch sehe, aber dann bemerke, dass es eine Reihe/Trilogie wird. Dann muss mich das Buch aber schon SEHR ansprechen, damit ich es wirklich lese.

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