Rezension: Ich fürchte mich nicht von Tahereh Mafi

23 Juli 2012 |

Zum Buch

Originaltitel: Shatter Me
Verlag: Goldmann
Format: Gebunden
Seiten: 320
ISBN 978-3442313013
Preis: 16,99 €

Shatter Me-Trilogie

1. Ich fürchte mich nicht
1,5. Zestöre mich
2. Rette mich vor dir
2,5. Vernichte mich
3. Ich brenne für dich

Ihre Berührung ist der Tod

Die siebzehnjährige Juliette lebt in Isolationshaft, verstoßen von ihren Eltern und verhasst von ihrer Umgebung. Etwas Schlimmes ist in ihrer Vergangenheit passiert, was sie zum Monster für sich und die Gesellschaft macht. Denn ihre Berührung bringt den Tod. Nur durch durch leichtes Anfassen, wird Menschen ihr Leben entzogen, ohne dass Juliette es will. Und ihre Kraft scheint noch weitaus mehr zu beherbergen.
Nach 264 einsamen Leben in einer Zelle, am Wahnsinn aufgrund der Verwahrlosung und Einsamkeit kratzend, ohne Kontakt zur Außenwelt, wird auf einmal jemand zu ihr gebracht. Adam, den sie sogar wiedererkennt, aber er anscheinend nicht sie. Er ist ein Junge aus ihrer Vergangenheit, als sie noch zur Schule ging und sie nicht eingesperrt wurde. Sie antwortet ihm nicht, gibt ihn nur spärlich Antwort auf seine Fragen und misstraut ihn, obwohl sie sich zu ihm hingezogen fühlt und er sie aufzutauen scheint.
Doch plötzlich ändert sich ihre Lage vollkommen. Adam verschwindet wieder und kehrt zurück um sie mit anderen Soldaten abzuholen. Warner, Anführer der Truppe, lässt sie zu sich bringen und sie muss selbst feststellen, dass Adam ein Soldat ist. Und Warner hat etwas ganz spezielles mit ihr vor... er möchte Juliette an seiner Seite, als Waffe, als Foltermittel für das Reestablishment.
Aber Juliette weigert sich und findet in Adam, den einzigen Menschen, der sie zum ersten Mal liebt.

„Ich fürchte mich nicht“ ist Liebesgeschichte, Dystopie und Fantasyroman in einem und darüber hinaus noch eine gefühlvolle Gesichte über die Einsamkeit und dem Leben als Außenseiter. Denn durch ihre Fähigkeit, ist sie ein Monster für ihre Außenwelt und wurde gebrandmarkt als ein Psycho, als jemanden, den man meidet. Dabei sehnt sie sich wie jeder Andere nach Nähe. Liebe von ihren Eltern, Liebe von Freunden, wahre Liebe. Sehnt sich nach Berührungen auf ihrer Haut, die sie nicht zulassen kann, aus Angst, dass ihr Gegenüber sterben könnte.
Dieses Problem treibt sie in den Wahnsinn, in einen Zwiespalt zwischen Menschlichkeit und Monstrosität, als die sie abgestempelt wird. Die Gefühle, die dabei aufkommen, bringt Tahereh Mafi mit sprachgewaltiger Feder zu Papier und bedient sich ganz eigenen Mitteln um ihrer Ich-Erzählerin Facettenreichtum zu geben.
Denn die Autorin arbeitet mit durchgestrichenen Sätzen, einzigartiger Metaphorik und Zahlen um den Charakter der Protagonistin zu durchleuchten. Gesprächsfetzen, die sie sagen will, aber für sich behält, Gedanken, die sie denkt, aber verdrängt, oder aber auch zwiegespaltene Momente werden dadurch deutlich und machen aus Juliette eine vielschichtige Figur, die sich vor ihre eigenen Fähigkeiten hasst, weil ihr der Hass und das Gedankengut ein Monster zu sein, aufgezwungen wurden.
Die Metaphorik, die Tahereh Mafi an den Tag legt, ist ein Porträt für sich. Mal eindringlich, abstrakt und farbenfroh, dann mal wieder hart und klar, schafft sie kraftvolle Bilder, die einen verzaubern und gleichzeitig das ganze Grauen und die Bitterkeit der Protagonistin nahe bringen. Liebe beherrscht die Autorin genauso, wie die Beschreibung von Schmerz, ohne in überladene sprachlichen Bildkonstrukte, in philosophischen und dichten Auswüchsen, zu verfangen und beweist sprachliche Eleganz. Die Zahlen benutzt sie dabei punktiert, als eine Art Schnappsuche und doch als Anker für die Protagonistin selbst.
Diese Sprachgewalt findet sich auch in der Handlung wieder, die von der Schwere der Gefühle lebt und nicht rein von der Handlung selbst. Die Grundhandlung, als Außenseiter mit außergewöhnlichen Kräften der Gesellschaft als Waffe für die Regierung zu dienen, ist nicht neu, wird aber durch die verschiedenen Charaktere einzigartig und schafft durch die Protagonistin selbst neue Elemente.
Denn der Feind Warner findet in Juliette nicht nur eine potenzielle Waffe, sondern auch eine Liebe, der er sich nicht entziehen kann, mit der auch Juliette zu hadern hat, weil sie die Vernachlässigung des Feindes verstehen kann, nicht aber seine Brutalität. Juliette entwickelt sich dabei immer weiter hinein und man findet wieder neue Eigenschaften an der Figur, die zerbrochen scheint und doch lebendig ist und Widerstand zeigt.
Und diese Vielschichtigkeit und Individualität in der Charakterstruktur findet sich in allen Figuren wieder, dass man ein reales und klares Bild von ihnen hat und doch eine gewisse Argwohn gegen den ein oder anderen besitzt.
Der Konflikt spielt dabei immer wieder die zentrale Rolle und wird zum Hauptthema des spannungsgeladenen Roman, der gegen Ende in eine Richtung geht, die an andere Werke erinnern lässt. Fängt der Roman noch so stark an, ist das Ende des ersten Teils der Trilogie vorhersehbar und überrascht einen nicht und lässt Handlungsstränge erahnen, die den Roman Einzigartigkeit kostet.
Auch der Entwurf der dystopischen Welt und des Staates ist zu unklar um sich darunter etwas vorstellen zu können. Vieles liegt im Schatten und der Leser kann sich die neue Maschinerie und Ordnung der von Tod geprägten Gesellschaft nicht klar vor Augen führen. Menschen werden umgebracht, die Ressourcen sind knapp, doch welche Gründ dahinterstecken, werden nur angerissen. Es fehlt an Details zum neuen Staat, was teilweise beabsichtigt ist. Zu Beginn ist der Leser komplett abgeschottet, wie die Protagonistin selbst, und wird erst Stück für Stück über Juliette und auch über den Rest aufgeklärt, wobei so manche Aufklärung zu fehlen scheint.

Fazit

„Ich fürchte mich nicht“ ist ein starker Auftakt einer Trilogie, die sich über Genregrenzen hinausbewegt. Mit bildgewaltiger Sprache, ungewöhnlichen stilistischen Elementen und detailreichen und vielschichten Charakteren hat Tahereh Mafi einen spannend Roman hingelegt, der viele Fragen offen lässt und großes Potenzial für die Folgebände übrig hat.

★★★★☆

Kommentare:

  1. Hey, wiedermal ne tolle Rezi :)
    Mal sehen, ob ichs mir auch zulege...

    Wir starten auch gerade einen Bücherblog und freuen uns sehr über Kommentare & Leser ;)

    http://buchlabyrinth.blogspot.de/

    LG

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  2. Hallo Sky,

    bei Deiner Rezi habe ich mich die ganze Zeit gefragt in welcher Zeit spielt die Geschichte..Zukunft??

    Oder ist Dystopie ein etwas moderner Begriff für die gute alte Science-Fiction-Literatur kommt mir persönlich manchmal so vor.

    LG..karin...

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    1. Eigentlich spielt es in der Zukunft, aber direkt, wann und wie ist nicht wirklich klar. Deswegen habe ich es dezent weggelassen ;)

      Dystopie ist nur der Begriff für eine fiktive, die sich negativ entwickelt, Gesellschaftsordnung, die so nicht existiert. Genau so wie die Utopie. Nur ist diese positiv ;) Also zumindest verwende ich es so! Und ein moderner Begriff ist es sicher nicht... vielleicht verwende manche Dystopie falsch ;)

      Aber ja. Science Fiction und Dystopie geht meistens Hand in Hand.

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  3. Hallo Sky,

    O.K., jetzt weiß ich bescheid! Kann sein, dass da auch eine bestimmte Markttaktik der Verlage da hintersteckt und vieles einfach bei Dystopie jetzt mitein und untergebracht wird...

    Bei Goldmann gibt es dazu noch eine nett ausgemachten Buchtrailer dazu.

    LG..Karin...

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  4. Tolle Rezension!
    Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen :)

    Liebe Grüße

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  5. Hallo Christian,

    nachdem ich gerade ein Fantasy-eBook, das vielversprechend gestartet hat, aufgrund seines immer schlechter werdenden Schreibstils abgebrochen habe, kam ich auf die geniale Idee, mir deine Rezensionen anzuschauen. Du weißt, ich vertraue deinem Urteil. :) Jetzt habe ich mir dieses Buch als eBook gekauft. Ich bin gespannt, aber die Leseprobe liest sich schon mal sehr gut. Ich halte dich auf dem Laufenden.

    Lieben Gruß,

    Miriam

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    1. Hey Miriam,

      also beim Schreibstil wird es sicher nicht scheitern, weil der ist wirklich einfach nur einzigartig! Sowas hatte ich bisher nicht gesehen, allein deswegen lohnt es sich.

      Lass mich dann dein Urteil wissen ;) Würde mich wirklich interessieren.

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    2. Hallo Christian,

      also: Der Schreibstil ist in der Tat grandios! Mir fallen jede Menge Superlative dazu ein. Ganz großes Kino und ein Ausnahmetalent. Wow! Eine Herausforderung für jeden Autoren, seinen Stil noch weiter zu optimieren. Zumindest geht es mir so. Den Inhalt betreffend muss ich sagen, dass die dystopische Welt in ihrer Beschreibung recht rudimentär war. Das hat mich nicht so sehr gestört. Viel mehr gestört hat mich die Liebe zu Adam. Zu Beginn ist ihre Reaktion noch nachvollziehbar, schließlich war sie isoliert und ihr erstes Treffen mit Adam wird für sie zum sinnlichen Feuerwerk. Von der Autorin wunderbar beschrieben. Dann aber wird es einfach zu viel des Guten. Die tolle Idee verkümmert zu einer langweiligen Romanze, die auch Warner nicht retten kann. Dennoch ist es aufgrund der Sprache ein absolutes Highlight!

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    3. Meinen Schreibstil will ich eigentlich nicht mehr so optimieren. Mit dem bin ich sehr zufrieden. Aber was die Autorin hier hinlegt, ist wirklich einfach nur neu und wunderbar unkonventionell!
      Die Liebesgeschichte fand ich eigentlich nicht zu schlimm. An manchen Stellen etwas arg über das Ziel, aber dennoch für mich zum Großteil nachvollziehbar.
      Also die Nachfolger werde ich trotz allem holen. Ich möchte einfach wissen wie es weitergeht und wenn's (hoffentlich nicht) der Sprache Willen ist!

      Danke für die Meinung.

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    4. Hallo Christian,

      du brauchst deinen Stil wirklich nicht zu optimieren. Du weißt, wie sehr ich deinen Blog schätze. Hätte dich sonst nicht in meiner Blogroll. ;) Als Romanautorin probiere ich halt gern neue Dinge aus und experimentiere mit der Sprache. Das macht einen Riesenspaß!

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  6. Hallo Sky,
    ich habe deinen Blog gerade zufällig entdeckt und bin gleich Leserin geworden :)

    Mir hat das Buch auch sehr gut gefallen, der Schreibstil war so herrlich bildlich - ich hatte ständig einen Film vor Augen, konnte mir die Schauplätze und Charaktere richtig gut vorstellen. Ich habe es vor ein paar Tagen gelesen und freue mich schon auf den zweiten Teil :)

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    1. Hey :)

      Schön, dass du hierher gefunden hast. Hoffentlich gefällt es dir hier bei mir.

      Der Schreibstil ist auch einfach wahnsinnig gut!

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  7. Hey :)

    Super Rezension. Siehst es genauso, wie ich. :)

    Liebe Grüße

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