Rezension: Tote Dichter lügen nicht von Georges Flipo

31 Juli 2012 |

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Originaltitel: La commissaire n'aime point les vers
Verlag: Blanvalet
Format: Taschenbuch
Seiten: 320
ISBN-13: 978-3442378821
Preis: 9,99 €


La Commissaire im Kampf gegen die Lyrik

Viviane Lancier, la Commissaire der 3. Pariser Abteilung, kämpft nicht nur gegen das Verbrechen, sondern auch gegen die Pfunde. Eine Diät jagt die Nächste und zwischendrin muss doch der Schokoriegel zur Beruhigung und Frustbewältigung herhalten. Besonders seit sie ihren neuen unfähigen Assistenten Augustin Monot hat, ein ehemaliger Literaturstudent, der mit Schönheit glotzt.
Und zu allem Überdruss ist Monot Schuld, dass sie überhaupt diesen verhassten Fall hat. Ein Penner wurde tot aufgefunden, ein Victor-Hugo-Fanatiker, der sehr viel Ähnlichkeit mit dem Dichter besaß und sich sogar selbst als Lyriker versucht hat. Zwischen den Seiten seiner Lieblingslektüre steckte ein Brief an die Académie française, der ein Sonett enthielt. Und dieses Sonett scheint von einem der größten Dichter Frankreichs: Charles Baudelaires. Aber wie kommt der Tode an ein so wertvolles Gedicht? Ist es überhaupt echt? Und warum scheinen alle zu sterben, die mit dem Sonett in Berührung kommen? Dieser Fall hat alles, was Viviane Lancier gar nicht mag: Literatur, seltsame Gestalten und keine ermittlungstechnischen Ansätze. Dieser literarische Fall ist einfach eine Nummer so hoch für sie, für Viviane, der eingefleischeten Krimileserin. Ihr Assistent scheint da nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein.

Tote, Literatur und ganz viel französischer Humor, gepaart mit skurrilen Einfällen und einer Prise Tragik. Das Rezept für den ungewöhnlichen Krimi aus der Feder von Georges Flipo und ein Konzept, das aufgeht.
Mit der Kommissarin Viviane Lancier wurde eine vielschichtige Protagonistin geschaffen, die voller menschlicher Ecken und Kanten, eine sympathische Persönlichkeit bildet. Auf einer Seite eine toughe Chefin, die allein unter Männer arbeitet und ihre Mitarbeiter als „Ihre Männer“ bezeichnet, die gleichzeitig mit viel Ironie und Zynismus an ihre Umgebung herangeht, Kaltschnäuzigkeit beweist und trotz alledem Frau ist. Aufgrund ihres unzufriedenen Verhältnisses mit ihrer Figur, probiert sie eine Diät nach der anderen, obwohl sie besonders unter Stress zu Fressanfällen neigt und durchaus den einen oder anderen Schokoriegel, als Ersatz für die Beruhigungszigarette, verschlingt. Und wie soll es schon sein: Die Liebe spielt auch noch eine Rolle und mit ihr, die Eifersucht. Sie möchte schließlich auch geliebt werden, am besten von ihrem Monot. All diese Facetten sind gepresst in diese Mitte 30 Jahre alte Kommissarin, so dass sie einen ans Herz wächst und trotzdem schlichtweg französisch ist. Zynisch und melancholisch und voller Drang nach der Liebe.
Wer glaubt, sie sei die einzige Figur, die so ehrlich erscheint, wird von den anderen teilweise skurrilen Charakteren überrascht, die alle mit plastischer Authentizität überzeugen, so dass man ein klares Bild von ihnen vor Augen hat. Keiner ist farblos oder eindimensional, sondern voller Schwächen und Stärken und Abgründen, die durch ihre Beziehungen zueinander auftreten. Was man anfangs scheint, ist nur gespielt und umgekehrt und hat weitaus andere tiefe Beweggründe.
Entsprechend ist auch der Schreibstil des Autors. Pointiert, wortgewandt und voller Sprachwitz, mit spitzer Feder und aussagekräftiger Bildgewalt. Dabei bleibt der Witz nie auf der Strecke. Durch die Bank muss man oft das schallende Lachen unterdrücken, weil die Situationen allzu menschlisch sind. Oft fühlt man mit la Commissaire mit und möchte sie trösten. Denn wie stark sie auch ist, ist sie auch innerlich verletzlich, besonders bei diesem verzwickten Fall.
Denn Literatur und Krimi verschmelzen hier auf eine ganz besondere Form, mitunter auch, weil die Kommissarin keine Ahnung von der Materie hat, dafür ihr Assistent umso mehr. Teilweise findet man sich in einer Art Parodie auf die Bibliophilen wieder und auch die Presse bekommt ihr Fett weg.
Dass hinter all der Ironie sich ein ernster Fall befindet, macht aus diesem Roman ein kleines Meisterwerk. Die Gratwanderung zwischen Humor und französischen Kriminalroman wird so gut gefunden, dass auch durchgehend Spannung herrscht und der Roman nicht mehr aus der Hand zu legen ist. Voller Überraschungen und Wendepunkte gespickt, versucht man mit Ahnungslosigkeit hinter dem Fall zu kommen und scheitert, so sehr man es auch versucht, hinter den Irrungen und Wirrungen der Poeten und Gestalten zu kommen. Auch zuletzt, wenn man glaubt den Schlüssel gefunden zu haben, wird man noch einmal vollkommen desillusioniert, so dass man einfach vor dem absolut logischen Ende erstaunt stehen bleibt. Nicht nur, weil es unvorhersehbar ist, sondern auch, weil es mit Ernsthaftigkeit daherkommt und einen Abschluss findet, der einen Sprung aus Menschlichkeit, klassisch kriminologischer Auflösung und Tiefe findet, der manchen Krimis fehlt. Und der Humor findet darin auch noch Platz.

Fazit

Georges Flipo gelingt mit „Tote Dichter lügen nicht“ ein Krimi voller Sympathie und Menschlichkeit. Ein ungewöhnliches Werk, das Literatur und Kriminologie zusammenführt. Manchmal ernst, manchmal tragisch, manchmal komödiantisch, manchmal melancholisch und dabei très française. Unbedingt lesen!

★★★★★

Kommentare:

  1. Hallo Sky,

    ja diese Franzosen und ihre Krimis und ihre Helden/innen , eine Klasse für sich!!

    LG..Karin...

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    1. *bestätigendes Nicken*
      Die Franzosen sind wirklich ein schrilles Volk :)

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