Rezension: Memory. Stadt der Träume von Christoph Marzi

03 August 2012 |

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Verlag: Arena
Format: Gebunden
Seiten: 328
ISBN-13: 978-3401066226
Preis: 14,99 €


Der herzerwärmende Geist eines Mädchens

Jude ist ein Außenseiter auf seiner Schule. Ein mausgrauer Junge, der weder gehasst, noch wirklich gemocht, sondern vielmehr  gemieden wird.  Sein Vater ist ständig unterwegs und erforscht Gewässer, seine Mutter kennt er nicht und er weiß nichts über sie. So ist er die halbe Zeit allein, spielt in einer Band und fühlt sich missverstanden. Mitunter auch, weil er einen Einblick in die Welt, der keinem anderen möglich zu seien schient.
Bei einem Unfall hatte er zum ersten Mal einen Geist gesehen. Er machte sich Sorgen um ihn, doch niemand anderen nahm ihn wahr und auch die Sanitäter konnten niemanden ausmachen. Als der Verletzte auch noch verschwand und sich als der Mann, der den Unfall gehabt hatte herausstellt, glaubt er sich selbst nicht. Er hat den Geist des Unfallsopfers gesehen, obwohl er an einer anderen Stelle lag. Doch Miss Rathbone, eine Füchsin, die die Geister ebenfalls sehen kann. Seitdem treibt sich Jude auf dem Highgate Cementry um, spricht mit Geistern und feiert die ein oder andere Party mit ihnen. Aber eines Abends trifft er ein schlafendes Mädchen auf einer Bank des Friedhofsgeländes. Sie scheint ein Geist zu sein, doch sie fühlt sich warm an, als würde ihr Herz noch schlagen. Außerdem hat sie ihre Erinnerung verloren, sie kennt nicht einmal mehr ihren Namen, was unüblich für Geister ist. Was ist sie? Was ist mit ihr passiert?
Das Mädchen scheint kurz vor dem Sterben zu sein...  darum ist ihr Geist noch warm. Jude hilft ihr ihren Körper wieder zu finden und findet sich in der Finsternis der Londoner Friedhöfer wieder.


London ist einer der Lieblingsschauplätze von Christoph Marzi, so spielt auch „Memory. Stadt der Träume“ in der Stadt der Friedhöfe und Geister und versprüht den Charme britischer Schauermärchen, die auf moderne Elemente treffen.
Denn die Handlung rund um die Geister Londons wirkt auf den ersten Moment abgegriffen und entwickelt sich doch zu einer phantasievollen und einfallsreichen Geschichte, voller ungewöhnlicher Gestalten. Man trifft auf Gesichtslose, wankelmütige wie gut gelaunte Geister, gefährliche Steinengel und die Seltsamkeit in einer lebendigen Stadt, mit toten Menschen zu reden, die keiner sehen kann. Durch diese ungewöhnlichen Einfälle wird Marzis Roman erst zu einem Werk, welches sich nicht an alten Klischees bedienen muss. Dabei fängt der Autor die Stimmung Londons so ein, dass man die Stadt fast atmen hört. Man findet sich plötzlich in düsteren Bildern der Stadt wieder, in alten und majestätischen Friedhöfe und sieht schier den Nebel zwischen den Grabsteinen aufkommen, während man versucht mit Jude hinter das Geheimnis des Mädchens zu kommen und sie retten will. Dabei sind die beiden lebendig und liebevoll gezeichnet, dass man sie sich als zwei Jugendliche vorstellen kann.
Die Charaktere bringen alle eine gewisse Persönlichkeit hervor, die eine exzentrischer, die andere ruhiger, und sind dabei menschlich auf ihre Art und Weise. Speziell der Protagonist stellt ein klares Sinnbild da, wenn man mit nur einem Elternteil aufwäscht und bei einem alleinerziehenden Vater leben muss, der viel unterwegs ist. Sie sind nicht einfarbig, sondern bunt und farbenfroh und strahlen eine Sympathie aus, dass man sie schnell ins Herz schließt. Sie haben Tiefe und büßen ihre Jugendlichkeit nicht ein, durch die Taten, die sie vollbringen und auch an ihren Handeln zweifeln.
Der poetische Schreibstil macht viel daran aus, dass man Zugang zu den Charakteren findet. Mit schönen, aber auch düsteren, Bildern und einer kräftigen Sprache lebt die Geschichte auf und wird in außergewöhnlicher Wortwahl gekleidet, so dass die Magie den Leser berührt und seinen Abschluss in einem vorhersehbaren Ende.
Wer nämlich große Überraschungen oder  umreisende Wendepunkte erwartet, wird enttäuscht werden. Die lineare Geschichte zieht sich bis Ende hindurch, ohne von ihrem Kern abzuweichen und ausufernde Wege zu gehen. Sie läuft einfach gerade hinunter bis zum Schluss, den man genauso erwartet.
So lebt die Geschichte nicht durch ihre Handlung, sondern durch ihre Ideen und Authentizität, die den Leser den Nebel der Londoner Friedhöfe näher bringt.

Fazit

„Memory. Stadt der Träume“ ist ein Fantasyroman voller einfallsreichen Ideen, der britisches Schauermärchen mit modernen Elementen aufpeppt. Ein sprachlicher Genuss, der mit liebevollen Charakteren aufwartet und ein düsteres London voller Magie zaubert.

★★★★☆

Kommentare:

  1. Hallo Sky,

    interessante Geschichte und ein gutes Beispiel das die Grenze zwischen Jugendbuch/Erwachsenenbuch sehr fließend sind.

    Für Jugendliche ab welchen Alter würdest Du es empfehlen, deiner Meinung nach?

    LG..Karin..

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    1. Naja, für mich war es doch eher Jugendbuch als Erwachsenenbuch :)

      Ich würde so grob ab 14 sagen. Da können sich Jugendliche am besten schon mit denen identifizieren und begreifen, was sie tun und warum sie es tun...

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  2. Ich hab das letztens von meiner Wunschliste geschmissen, weil ich mal ausmisten musste, jetzt mache ich es wieder drauf, haha! :D

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    1. Bin ich daran Schuld? Ich hoffe nicht :D

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  3. Das hört sich wirklich gut an :) Muss ich mir merken :)

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  4. Habe von Christoph Marzi bisher nur die Uralte Metropole-Reihe gelesen. Von der war ich aber auch schon begeistert. Und das hier hört sich auch richtig gut an. Mag an deiner Rezension, dass sie nicht zu viel vorwegnimmt und man gespannt auf das Lesen sein kann. Vielen Dank dafür! Finde auch, dass Marzi so eine ganz spezielle Art hat, mit eigentlich gängigen (Fantasy-)Motiven umzugehen und sie dadurch zu etwas Besonderem macht. Grüße!

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