Rezension: Vermächtnis des Schweigens von Heather Gudenkauf

22 August 2012 |

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Originaltitel: These Things Hidden
Format: Taschenbuch
Seiten: 320
ISBN-13: 978-3862783373
Preis: 8,99 €

Das ertrunkene Baby eines Monsters

Sie war eine perfekte Tochter: Sechzehn Jahre alt, Bestnoten in der Schule, sozial engagiert, in Sportvereinen die Trophäensammlerin. Ihre glorreiche Zukunft war gewiss, bis ein Moment ihr ganzes Leben verändert. Denn das perfekte Mädchen beging einen einzigen Fehler in ihren Leben: Sie ließ sich mit einen Jungen ein und wurde schwanger. Und dieses Baby ertrank im Fluss, starb und brachte Allison die Inhaftierung, die Missgunst ihrer Eltern und ihrer Schwester.
Ihre Schwester Brynn hatte alles mit angesehen, war Zeuge vom Kindsmord, wurde zur Außenseiterin seit diesem Vorfall und kämpft mit sich selbst und der Gesellschaft, die sie verabscheut.
Fünf Jahre später sieht die Welt anders aus: Allison wird frühzeitig entlassen, landet in einem Heim für Frauen, die wieder zurück ins Leben finden zu versuchen und bekommt eine Anstellung in einem Buchladen. Claire mit ihren fünf Jahre alten Adoptivsohn Joshua nimmt sie freudestrahlend auf und zum ersten Mal ist sie nicht mehr das Monster, nicht mehr die Kindsmörderin, auch wenn ihre Vergangenheit sie einzuholen droht.
Einer ihrer Kunden ist Charm, ein Mädchen ins Allisons Alter, die ihre Ausbildung zur Krankenschwester macht. Ihr Vater leidet an Krebs und liegt in Sterben.
All diese Menschen verbindet die Wahrheit… die Wahrheit über die Nacht, als Allison ihr Baby zur Welt brachte und es im Fluss ertrank.

Wenn ein Roman, eine solche Last beim Lesen hervorruft, dass einem das Herz schwer wird, weiß man, man hat es mit schwierigen Themen zu tun, mit bedrückenden Gefühlen und gleichzeitig mit einer Geschichte, die das Tiefste in einem berührt. „Vermächtnis des Schweigens“ gelingt dies ohne Probleme und hinterlässt einen tiefsitzenden Eindruck gesellschaftlicher wie emotionaler Natur, der einen auch nach dem Ende noch bewegt.
Denn die Handlung ist so real, als könnte sie überall passieren. Dabei steht nicht wie üblich, die Spannung im Vordergrund, sondern vielmehr das große Ganze, was sich aus Fragmenten langsam aus den Seiten erhebt. Seite um Seite wird mehr über die Nacht geschildert und die einzelnen Versatzstücke aus Gegenwart und Vergangenheit werden zu einem Kunstwerk, welches einem auf allen Ebenen trifft und wie ein Stein auf den Herzen liegt.
Die Autorin nimmt sich die Zeit ihre Charaktere zu entwickeln, sie einzeln vorzustellen und einzuführen und nutzt dabei wechselnde Perspektiven, die in unterschiedlichen Erzählstilen geschrieben sind. Allison und Brynn sind personale Ich-Erzähler, die oft den Leser fast ansprechen, als wäre man mit ihnen in einen Gespräch.
Monologe reihen sich an Gedanken und bringen die Beziehung der beiden deutlich hervor, wie sie einst war und wie sie nach der Nacht sich verändert hat. Die Perspektiven Charm und Claire sind in dritter Person und bringen eine gewisse Distanz zu den beiden hervor, obwohl die beiden Charaktere den Leser genauso intensiv berühren.
Dabei schafft es die Autorin speziell auch die Zeitsprünge so einzubinden, dass sich Gegenwartsmomente mit denen aus Vergangenheit verschmelzen und passt den Schreibstil auch dem Alter ihrer Charaktere an. Zu dem Zeitpunkt, wo sie noch Kinder oder Jugendliche sind, agieren sie auch als solche und auch der Sohn Joshua strahlt authentische Kleinkindhaftigikeit aus, die es oft bei anderen Romanen fehlt.
Durch den emotionalen Schreibstil entstehen so realistische Figuren wie aus dem Leben gegriffen, die aber die Handlung für den Leser umso schwerer machen. Nicht nur durch die Vielfältigkeit, sondern auch, durch die Konstellation zueinander.
Im Vordergrund steht nämlich nicht der Kindsmord, sondern vielmehr das Problem der Vernachlässigung. Die perfekte Tochter wird nur gelobt und geliebt für ihre erbrachten Leistungen, nicht aber für ihre eigene Person. Die Schwester muss im Schatten stehen, weil sie nicht so erfolgreich ist und bekommt keine Anerkennung. Eine andere Tocher bekommt keine Beachtung, weil der Mutter ihre Männerbekanntschaften mehr bedeuten.
Durch eine solche Vernachlässigung, einem Fehlen von familärer oder auch allgemeiner Geborgenheit, entstehen Beziehungsproblem und ein fehlendes Gefühl von Zugehörigkeit. Speziell die Sehnsucht nach Liebe und Zuwendung, ist ein ewiges Thema für vernachlässigte Kinder oder auch später Erwachsene, die nur schwerlich diese Gefühle wieder erlernen.
Im Gegensatz dazu hat man die liebevollen Eltern, die Kinder wollen, aber nicht kriegen konnten und sich die größte Mühe bei ihrem Adoptivsohn geben. Es ist dieses verschobene Bild, was man immer wieder antrifft. Eltern, die keine sein wollen und ihre Kinder vernachlässigen und Paare, die so gerne Elternschaft erleben wollen, aber es nicht können. Ein Gesellschaftsphänomen, dessen Opfer oft die Kinder sind.
Diese Problematik steht im Zentrum und macht die Handlung umso authentischer, weil sie greifbar, fühlbar und lebendig ist. Genau so wie sie geschrieben ist, könnte sie überall in der Welt sein.
Schlussendlich findet die Vernachlässigung auch einen Höhepunkt, der einen den Mund offen stehen lässt, mit gewaltiger Kraft kommt und den Leser fassungslos stehen lässt. Man rechnet mit allen möglichen Szenarien, wenn alle Wahrheiten enthüllt werden und findet sich doch in einem Schluss, der einen Kampf mit den Tränen auslöst.

Fazit

Heather Gudenkauf hat mit „Vermächtnis des Schweigens“ einen Roman vorgelegt, der einen langsam stetig steigenden Sog entwickelt und durch seinen Realismus einen endgültig in die bitterkalte Wirklichkeit hineinwirft. Glaubwürdig, herzergreifend, schmerzlich real und furchterregend greifbar. Absolut lesenswert.

★★★★★

Kommentare:

  1. Das Buch hat es auf meine Wunschliste geschafft .. *versucht böse zu gucken* Der Inhalt hört sich in deiner Rezi schon bedrückend an, aber Joshua (ich liebe diesen Namen *-*) allein hat es mir schon so angetan, ich will jetzt die anderen kennenlernen. Aber das Cover gefällt mir überhaupt nicht :s Nein, das ist nicht mein Geschmack xD Aber der Inhalt hört sich gut an! :)Aber Morde.. Hmm, bei solchen Büchern bin ich immer skeptisch xD Ach, egal. Kostet relativ wenig, kann also nicht allzu schlimm werden^^ Danke für die Rezi! ;D

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  2. Tolle Rezension! :)
    Ich erhalte das Buch demnächst auch von MIRA *freu*

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    1. Freu dich darauf, es ist wirklich super. Bin auf deine Rezension gespannt.

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  3. Werde ich mir auf jeden Fall merken - falls das Buch mir mal über den Weg "läuft"! Und die Rezension ist ja richtig super geworden. Und genau mein Beuteschema getroffen - aber man muss mitunter ganz schön schwer schlucken - naja, das hat dieses Genre eben so an sich!

    LG,
    Heidi, die Cappuccino-Mama

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    1. Freut mich, dass sie dir gefällt ;)
      Leichte Kost nicht, aber wirklich sehr gute. War positiv überrascht!

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