Rezension: Fakebook von Alexander Broicher

03 September 2012 |

Zum Buch

Verlag: Heyne
Format: Klappenbroschur
Seiten: 240
ISBN-13: 978-3453676145
Preis: 12,99 €

Leben ist ein Fake

Er hat es satt. Frieder Kurzmeier will nicht mehr der sein, auf dem alle herum trampeln. Bei „Tastemaker“, einer Firma für Food-Design, die die Welt mit Konservierungs- und Geschmacksstoffen bereichert, steht er hinten an. Von seiner Freundin Lena wurde er verlassen und ihr Neuer ist auch noch der aufgepeppte, idiotische Sohn von seinem Chef. Und was sind schon Freunde? Selbst bei Facebook ist seine Freundesliste fast leer. Er ist ein Niemand, ein Nichts, jemand den keiner wahrnimmt, den jeder meidet, weil er nicht zur Masse dazugehört.
Doch als er die Diagnose bekommt, dass er vielleicht nicht mehr viel Zeit hat ein Leben zu leben, beschließt er sich zu ändern. Er erschafft Rocco, ein reicher, gutaussehender, charismatische und beliebter Mensch, das komplette Gegenteil von Frieder, und lässt ihn auf die Facebook-Welt los. Aber Rocco bleibt nicht nur bei Facebook… er scheint in sein Leben einzutauchen und mit ihm, ändert sich auf Frieder.
Neue Friseur, neues Aussehen und Ansehen. Auf einmal ist er jemand, nicht irgendeiner… bis alles außer Kontrolle zu geraten scheint.

Facebook, die neue Singlebörse, der neue Persönlichkeitsausschlachter, das neue Kommunkationmittel. Der Erfasser vom Leben und der Erde, eine Droge, der sich keiner mehr entziehen kann. Stundelang verbringt man vor den Bildschirm, starrt in sein Smartphone und sammelt Freunde um seine Beliebtheit zu steigern.
Denn die Partygesellschaft will nur eins: Fame sein! Ein Teil des großen Ganzen zu sein, Frauen von Partys abschleppen, Nächte durchfeiern und am nächsten Morgen mit Sonnenbrille zur Arbeit rennen. So soll es sein, so wollen es alle. Ein Leben aus Lust und Leidenschaft.
Was wir wollen, ist aber nicht immer echt. Gespielte Gefühle, gespieltes Wollen oder auch einfach eine Überdosis Geschmacksverstärker für unser ganzen Leben. Die Welt verkommt zu einem Fake, etwas Vorgetäuschtes. Sei es der volle Geschmack des Essens oder der virtuelle Auffang einer fiktiven Freundschaftsansammlung.
Und genau dort setzt Alexander Broicher an und schafft eine gekonnte Satire über den Facebook-Wahn und seine Folgen. Ganz nach der Devise: Wer kein Facebook hat, gehört nicht zum Leben oder auch wer bei Facebook ist, muss existieren, schreibt er über unsere gekünstelte Gesellschaft, in der alles nur schöner, besser, schneller und genialer sein muss. Immer streben wir nach dem Höheren, immer weiter hinaus ohne auf den Boden zurückzukehren.
Dass der Autor dabei auf einen absoluten Versager zurückgreift, der durch die Macht von Facebook und der neuen Identität namens Rocco, zum erfolgreichen, beliebten Menschen wird und sich in dieser Gesellschaft verliert, bildet einen klassischen Protagonisten, der den üblichen Muster folgt. Wie in einem virtuellen Komosaufrausch befindet er sich und konsumiert nur noch und saugt förmlich alles in sich auf, spielt das Spiel der Intrigen, das Verdrängens, der Arroganz. Und stellt damit die Höhen und Tiefen da, die man in der heutigen Gesellschaft erleiden muss und findet ein Ende, welches einen zufrieden stellt.
Dekadenz steht an der Tagesordnung, der Mensch nur noch ein Triebtier, der Masse folgend. Schon der Name der Food-Design-Firma „Tastemaker“ treibt das Ganze auf die Spitze. Tastemaker bedeutet so viel wie Stilsetzer, jemand der vorgibt was der Trend, was die Linie sein soll. Der Rest der Menschheit folgt dem einfach blind, werden Follower bei Twitter, Liker bei Facebook und gröhlen fröhlich mit, weil sie doch so fashionable sind.
Und all das schafft der Autor unter einem Hut zu bringen, spannungsgeladen, in einem Stil aus Kritik, Witz und einer Prise schwarzen Humor, der dadurch satirisch die heutige Gesellschaft verhöhnt, die sich aus ihren blinden Folgen eines Trends, der nie so wirklich exisitert, irgendwann selbst verlieren.
Er verpackt es in hippe Welten, in vorgetäuschten Beziehungen, die nur dem eigenen Vorteil dienen, in dem schönen Schein des Nichts.
Schlussendlich werden wir alle gleich, laufen im Gleichschritt und behaupten dreist wir wären individuell, obwohl wir es nur augenscheinlich sind.

Fazit

„Fakebook“ ist eine Satire, die die Facebook-Kultur und dem Jagen nach dem hippen Trend, auf die Spitze treibt. Manchmal böse, immer wieder witzig und doch mit messerscharfer Gesellschaftkritik. Ein Roman voller Aktualität und bitterer Ehrlichkeit. Ein Glanzstück zeitgenössischer Literatur.

★★★★★

Kommentare:

  1. Interessiert mich sehr, das Buch!!

    LG Nina

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  2. Wow, deine Begeisterung ist dir anzumerken! :D Richtig tolle Rezension *o*

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  3. klingt wirklich sehr interessant. Alleine der Titel hat mich schon angesprochen, woran man wieder sieht ... wie Facebook die menschen doch schon im Griff hat ... naja vielleicht nicht ganz so extrem aber trotzdem. Ich glaube das Buch wandert direkt mal auf meine Wunschliste :-) sehr tolle Rezi.

    Liebe Grüß
    Ivi

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  4. Tolle rezi!
    ich sah das Cover und dachte erstmal?? das is ein Buch?
    Klingt aber sehr interessant. werd ich mir durchlesen !
    lg Gina

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  5. Wow, eine sehr schöne Rezi und ein interessantes Buch. Ja Facebook, ich kenne kaum jemanden der da nicht ist und dann zahlreiche Freundschaften "pflegt". Als mir dort Leute zum Geburtstag gratulierten, mit denen ich schon 100 Jahre nix zu tun hatte, da hatte ich genug und hab mein Account gelöscht und Hey es geht auch locker ohne. Die Story hört sich jedenfalls sehr gut und zum hinterfragen an. Ich glaub ich schlag da mal zu.
    LG

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  6. Schöne Rezi! Hört sich spannend an... :)

    Wir stehen gerade am Anfang mit unserem Blog und freuen uns riesig über neue Leser & Kommentare... :)

    Würde uns total freuen, wenn du mal vorbeischaust!

    http://buchlabyrinth.blogspot.de/

    Liebe Grüße ;)



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  7. Ich finde die Kritik etwas 'abgehoben' - es geht irgendwie mehr um Facebook als die Betrachtung dessen im Buch. Du hast einen mitreißenden, reißerischen Schreibstil, aber für mich ging das Buch etwas unter.

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    1. Hallo Evy, ich kann deine Kritik nachvollziehen, aber das ist meine Art zu besprechen... ich behaupte, mittlerweile (die Rezension ist schon ein Jahr her), habe ich auch meinen Rezensionstil etwas verändert und habe so langsam die Waage zwischen dem reißerischen und besprechenden Elementen gefunden. Aber vielen Dank für die konstruktive Kritik!

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