Rezension: Der Andere von Brian Deleeuw

30 Oktober 2012 |

Zum Buch

Originaltitel: In This Way I Was Saved
Verlag: Knaur Taschenbuch
Format: Taschenbuch
Seiten: 352
ISBN-13: 978-3426503874
Preis: 9,99 €

Mehr als nur ein imaginärer Freund

Die Scheidung seiner Eltern wirft den Luke aus der Bahn. Alleingelassen und vernachlässigt von seiner Mutter, erschafft er sich, im Alter von sechs Jahren, einen imaginären Freund namens Daniel. Er scheint der Einzige, der sich um ihn kümmert, mit ihm spielt und zuhört, wenn er versucht mit den Depressionen seiner Mutter zurechtzukommen, in denen sie sich isoliert und nur um die Arbeit im Verlag kümmert.
Doch Daniel entwickelt ein Eigenleben, welches Luke zu einer grausamen Tat treibt: Er vergiftet den Welpen, den er eigentlich bekommen hatte um seine Einsamkeit vertreiben zu können. Daniel hat ihn dazu geraten, behauptet, dass die Pillen den Hund helfen würden und hat damit seinen Tod des Hundes besiegelt.
Für Daniel bedeutete es ruhen, versteckt in Lukes Kopf und eingeschlossen durch die Medikamente, die Luke von seinem Psychiater bekommt. Aber Daniel verschwindet nicht und will nur eins: Leben.

Brian Deleeuws Geschichte ist die alte Geschichte von der imaginären Gestalt, die versucht Herr zu werden über die Person und dessen Körper, die sie erschaffen hat. Es ist die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde und eine über die Schizophrenie.
In Fall von Luke und Daniel ist das Rollenspiel klar verteilt: Luke als der gute, brave, von seiner Außenwelt missverstandene Junge, der mit seiner depressiven Mutter leben muss und Daniel als der Vertreiber der Einsamkeit, als der, dem die böse Rolle zuzuteilen ist. Und nichtsdestotrotz ist es nicht so eindeutig wie man glaubt. Oftmals findet man in Daniel Facetten, dem kein böser Gedanke entgegengestellt ist und ist doch der negativ beeinflusste Teil, dessen Projektion den Wunschgedanken von Luke hegt, genauso so zu sein wie Daniel und nicht immer nur das Opfer.
Als Leser nimmt man die ungewöhnliche Sicht von Daniel ein, als die Person, die eigentlich nur psychisch existiert, und beobachtet Luke von außen: seine Handlungen über seine Bewertungen, als Augenzeuge und nur indirekt im Kopf von Luke. Diese Sicht bringt eine gewisse Distanz gegenüber den Charakteren mit, lässt Daniel auf eine Art seltsam menschlich erscheinen und dann doch wieder nur als ein Gedankenspiel.
Und genau dort liegt das Problem: Daniel ist als Charakter schwer zu begreifen. Einmal scheint er alles berühren zu können und dann wieder gelingt es ihm nicht. Einmal steht er als Persönlichkeit außerhalb von Lukes Körpers und dann wiederum plötzlich als ein Teil von ihm, der, wenn Luke es zulässt, Luke kontrollieren kann.
Aber seine Eingrenzungen im Handeln repräsentieren Lukes Kontrolle über sich selbst. Je schwächer Luke sich fühlt, desto mehr „visuelle Kraft“ liegt in Daniel. Diese Aufschlüsselung der psychischen Störung von Luke bringt aber Schwierigkeiten mit sich: Wann hat Daniel, wann Luke richtig agiert? Wann war Luke Randfigur und wann Daniel? Diese Separation wird nicht immer ganz klar und logisch durchgezogen und springt zwischen einer Persönlichkeitsspaltung einerseits und der Schizophrenie, also der wahnhaften Vorstellung, andererseits manchmal hin und her, ohne sie klar herauszustellen. Für den Leser ist es an manchen Stellen nicht immer nachvollziehbar und so wird auch die Beziehung, ob sie sich negativ und positiv entwickelt, schlechter herausdestilliert und deren Entwicklung nicht kontinuierlich logisch durchgezogen.
Sprachlich hingegen bietet Brian Deleeuw in „Der Andere“ einiges.. Mit ruhiger, metaphorisch feiner Feder lässt er Daniel die Handlung erzählen und schafft es, dass jedem Charakter eine gewisse Persönlichkeit Teil wird. Manchmal wirkt es rauschend für den Leser, flimmernd und bringt die Problematik gekonnt hervor.
Die Sprache täuscht aber nicht über die aufkommenden Längen und vor allem dem zu kurz geratenen Ende hinweg. Im gesamten Roman hätten Stellen gekürzt werden können, und diese Kürzungen stattdessen in den Schluss einfließen sollen. Plötzlich findet man sich dem eigentlich überraschenden Ende wieder, ohne einer richtigen Linie gefolgt zu sein. Auf einmal ist es da, ohne wirkliche Vorwarnung, und muss so hingenommen werden wie es ist.

Fazit

Brian Deleeuw’s Debüt birgt viel Potenzial, welches stellenweise verschenkt wurde. Eine interessante Grundhandlung, mit individuellen Charakteren in gekonnter Schreibart, der es an manchen Stellen an Feinschliff gemangelt hat.

★★★☆☆

Kommentare:

  1. Hallo Sky,

    O.K. gespaltene Persönlichkeit, hatte ich mir bei weiteren lesen schon so gedacht. Also ich finde, diese Vorstellung echt unheimlich..

    LG..Karin..

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    1. gespaltene Persönlichkeit ist es eben nicht... es ist eigentlich Schizophrenie (was eine Abspaltung der Seele ist! Da liegt ein Unterschied.).
      Schizophrenie bedeutet, dass man Dinge sieht, die nicht existieren. Persönlichkeitsspaltung, dass man in einem Moment jemand völlig anderes ist... das ist hier nicht ganz der Fall und vermischt sich aber hin und wieder.

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  2. Hallo Sky,

    O.K. also eine Mischung von beiden, noch interessanter/unheimlich und wahrscheinlich gefährlicher für sich und seine Umwelt!

    LG und schönen Feiertag..Karin...

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