Zerrissene Seiten: Die weiterverwendete Kritik

11 November 2012 |


„Diesen Text wird man nie mehr vergessen!“. Ja, da kann ich zustimmen, was für eine Rezension, zu einem so großartigen Werk, einfach bewundernswert. Der Rezensent hat ganze Arbeit geleistet, einfach magnifique, einfach atemberaubend. Hätte ich der Rezensentin gar nicht zugetraut. Sprachlich einfach wundervoll, argumentarisch dicht, einfach ein Genuss von Literaturkritik!
Diese Zeilen „Die Charakteren hatten einen Freigeist, einen Emanzipationsgedanken in sich tragend“, einfach… ich kann es nicht in Worte fassen. Ich hätte es nicht besser machen kö…. Moment! MOMENT!
Plötzlich ist er da, der Gedanke, der Moment der Erkenntnis. Die Erleuchtung schleicht sich heran. Schicksal verheißend liest man seine eigene Rezension, und dann ist es klar. Die bitterkalte Wahrheit liegt auf einmal vor einem, das Kritikerherz herausgerissen, auf den Boden liegend, noch pochend, bevor es endgültig seinen Rhythmus beendet.
Der Kritiker reißt die Augen auf, ungläubig. Warum… warum ich?, denkt er in seinem Geiste und die Tränen fallen herab. Sie fließen über die Tastatur und können doch nicht die digitale Tinte vom Papier streichen, die die Worte gefangen hält. Seine Zeilen unter fremden Namen, seine Worte unter fremder Honorierung, seine Kür… die Kür plötzlich eines Fremden. Nein… nein, das kann nicht sein. Unter uns herrscht Eintracht, ein Ehrenkodex, wir würden uns nie belügen, nie bestehlen. Wir wollen doch einzigartig sein, wir wollen doch eine Gemeinschaft sein, verschieden, diskutier- und debattierfreudig. Einen Dialog führen, keinen Monolog!
Der Laptop zerschellt am Boden, die Website verschwindet, die Texte verblassen und die Elektronik verlischt bis sich der Bildschirm vollkommen in Schwarz hüllt. Es bleiben nur noch die verhauchende Schritte eines Kritikers, der seinen Kummer ertränkt… der Kritik den Rücken kehrt.

Es ist die Tragik der Geschichte, die den Leser verzaubert. Der Schreibstil etwas Eigenständiges, etwas von selbst Geschaffenes spiegelt die Persönlichkeit des Autors wieder. Sie wiederspiegelt die Gedankenwelt, seine Gedankenwelt, die Meinung zu der Situation, der Thematik, des jeweiligen Romans. Die Individuelle findet sich wieder, der Wiedererkennungswert ist da und dieser kleine Funken von Selbstständigkeit bringt den Leser dazu an den Sätzen hängen zu bleiben.

Willkommen in der Generation „Copy & Paste“, ein Klick, eine Tastenkombination und voilà fertig ist die Rezension. Ein Werk aus Fragmenten, ein bisschen kritische Gegenüberstellung des Einen, ein wenig Pathos vom Anderen, eine Prise Zynismus und Witz vom Dritten. Fertig ist das eigene Werk und raus damit in die Öffentlichkeit: Made by Plagiator.  Als eigene Kreation verkauft und vermarktet, Geld kassieren, wohl fühlen, mit fremden Lorbeeren schmücken. Ruhm! RUHM!
Und dann steht daneben der Rezensent, der seine Sätze lesen muss, in die Öffentlichkeit getragen, nicht unter seinen Namen und fremden Buchstabenfolgen herausgebracht. Er sieht die Sätze über die Bildschirme laufen und er packt den Schläger, schlägt ein, brüllt, weint, schreit, was nicht ob er sich dem Schmerz, dem Leid, der Frustration hingeben soll. Er weiß es nicht, er kann nicht mehr denken, möchte alles zerstören, determinieren, den Diebstahl zurücknehmen. Schande, denkt er sich. Was ist nur aus Ehrgefühl geworden.

Seine Sätze haben eine Aussagekraft, die sich nicht einordnen lässt. Die Emotionalität, die Zerbrechlichkeit seiner Handlung findet sich im Text wieder. Es ist fast unmöglich zu bestimmen, ob der Autor selbst noch spricht oder die zerrissene Figur. Sie bilden einen fließenden Übergang von schnellen, kurzen und prägnanten Sätzen und ausschweifenden gedankenschweren Formulierungen.

Es bleiben nur noch die Tränen, der Verlust seiner Identität. Verschwunden in der Koexistenz von Wirklichkeit und Irrealität. Was ist Original, was ist Kopie? Was zeichnet mich noch aus, was von dieser Kritik ist Anteil von ihm, von jemanden anderen, was von mir. Habe ich selbst schon abgespickt, selbst schon Zeilen übernehmen, Phrasen, die nicht mehr mein eigen sind? Ich hab sie schon so oft gelesen, so oft gehört… sie sind nicht mehr mein.

Der Identitätsverlust ist dem Autor ohne Mühe gelungen. Dieser treffende Verlust seiner selbst, durch die Verbreitung und Verteilung seiner Texte, lassen den Schmerz und die Leere des eigenen Kritikers so hervorheben, dass es für einen jeden nachvollziehbar und spürbar wird.

Der Kritiker anfangs noch so motiviert und voller Kraft, hat sich verloren in einem Netz aus Vernichtung seiner eigenen Existenz. Die Laute sind stumm, stumme Schreie seiner Kinder als er sie löscht, eines nach dem anderen. Seine Sätze: genommen. Seine Meinung: zerrissen. Seine Identiät: verteilt. Es bleibt ihm nur noch eins… verschwinden, ein neues Ich finden. Ein neuer Mensch werden.
Mit leisen Schritten verlässt er sein Refugium, betritt es nie wieder und schreitet einen neuen Weg. Einen Weg, ohne sein altes Ich. Einen Weg, auf der Suche nach sich selbst.
Weiterverwendet, wie eine Kritik, die zu oft verwendet wurde, verschwindet er im Treiben und gleicht sich dem Gleichklang an. Verschwunden im Meer der Zerteilten.

Das Ende lässt einen zurück mit Wehmut und bringt einen das nahe, was einem die ganze Zeit schon klar ist: Eine Kritik gehört zu einem selbst, muss selbst verfasst sein und ist ein Stück Identität. Es ist nichts was man einen einfach nehmen kann, kein Text darf jemals einfach genommen werden, sonst verliert sich der Charakter des Autors. In „Die wiederverwendete Kritik“ macht Skys Buchrezensionen deutlich wie schwer es sein kann, seine Kinder zu erschaffen, sie zu hegen und zu behalten und stellt heraus: Kritik kann man nicht kopieren, sie kann man nur aus eigenen Händen erschaffen.

Fazit
Skys Buchrezensionen’s „Die weiterverwendete Kritik“ schafft einen Entwurf eines zwiespältigen Rezensenten, der sich dessen beraubt fühlt, was ihm am Meisten am Herzen liegt: seine Texte. Der emotionale Grundton gibt sich mit kritischer Stimme die Hand und lässt das Leid des Protagonisten auf eine Ebene setzen, die einen weitaus mehr berührt als andere Werke mit gleicher Thematik. Diesen Text wird man nie mehr vergessen!

Kommentare:

  1. Also die "Zerrissenen Seiten" sind sowieso immer genial. Aber heute passt das Thema wirklich besonders gut. Auch wenn ich mich jetzt wiederhole: genialer Beitrag. :)

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  2. Hm, sehr schön geschriebener Text, aber die Gründe für Plagiate in der Bloggerwelt würde ich persönlich nicht nur auf "Ruhmvermehrung" beschränken bzw. mehr differenzieren.
    Ich finde, dieses Thema ist nicht leicht, sondern birgt nur Verlierer. Die Personen, denen ihre Worte genommen werden und die, die nicht mehr an ihre eigenen Worte glauben.

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    1. Mir geht es nicht um die Gründe... die Gründe sind verschieden und auf die wollte ich gar nicht eingehen. Ich hab mehr Wert auf den Leidtragenden gelegt, für den es einfach am Schwersten ist, nicht auf den, der sich seiner bereichert hat, warum auch immer. Aber Ruhm ist doch einer der Hauptgründe: Ruhm, weil er Rezensionsexemplare erhalten will. Ruhm, weil er Lob von anderen haben will. Ruhm, weil damit seine Seite wächst... Zentral gesehen ist es eigentlich die Ehrung von denen die restlichen Gründe abgeleitet sind.

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    2. Nach meiner Lebenserfahrung würde ich sagen, dass man eher zum Täter wird, wenn man selber (möglicherweise in einem völlig anderen Zusammenhang) schon "Opfer" war, bzw. sich als Opfer gefühlt hat.
      Ich kann mir vorstellen, dass Ruhm, Followeranzahl, Rezensionsexemplare etc. Anlässe sind, aber die Gründe liegen meist nicht ganz so offensichtlich dar.
      Jeder Blogger kann schreiben. Aber nicht jeder Blogger vertraut seinen Schreibkünsten. Vielleicht zieht jemand sein Selbstwert sogar aus der Followeranzahl, weil er vielleicht sonst nie Aufmerksamkeit bekommt, oder was weiß ich. Man kann in die Menschen nicht hineingucken und deshalb finde ich die einseitige Meinung: Die sind doch alle auf Ruhm aus! gefährlich.
      Genauso wenig wie niemand sagen kann, wer jetzt mehr leidet, der dem die Rezensionen geklaut werden, oder der der Hassmails bekommt und Gründe hat, um überhaupt so etwas zu tun.

      Ich meine damit nicht, dass ich nicht deine Meinung respektiere oder nicht verstehe, aber ich persönlich komme damit nicht klar, dass jemand, der so wunderbar poetisch schreibt, den man so für dieses Talent beneiden kann, für meine Begriffe schwarz und weiß zu hart trennt.

      Das kommt mir vor, wie Harry Potter ohne Snape und Narzissa Malfoy. ;)

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    3. Und genau diesen Konflikt wollte ich eigentlich aus dem Weg gehen. Die Betrachtungsweise von Ruhm, im psychologischen Sinne, und Ruhm im wirtschaftlichen Sinne. Deswegen sollte es auch nur diese eine Wort bleiben ohne jegliche Argumentation und nur subjektiv betrachtet aus der Sicht des Verletzten sein. Natürlich ist ein Opfer, später oft Täter. Jemand der zu oft geschlagen worden ist, schlägt irgendwann zurück. Das weiß ich... und das wollte ich aus meinen Text vollkommen raushalten.

      Meine persönliche Meinung zu Rezensionsklau ist folgendes:
      Ich finde es nicht schön, wenn man jemanden seine Werke nimmt, überhaupt nicht, es gehört sich einfach nicht, Eigentum zu nehmen, was einem anderen gehört. Dazu zählen für mich Texte.
      Und diese Meinung meine ich unabhängig davon, warum jemand sich am Werk anderer bereichert... natürlich kann es auch sein, dass er damit gelobt werden will und Ausgleich sucht zu den Verletzungen, die ihn sonst wiederfahren. Aber da stellt sich die Frage: In wie weit hält sich dieser "gewohne Ruhm", diese Wertschätzung des Fremden an? Ich glaube nicht so lange, dass man es konsequent auf Dauer durchzieht und umschwingt. Solche Gruppen kommt oft selbst zum Umdenken.

      Was du hier ansprichst geht darüber hinaus... über die Beweggründe, außerhalb vom Sachverhalt. Die Beweggründe können natürlich auch Verzweiflung sein, die Anerkennung vom außen, weil sonst niemand da ist, der sagt: "Du bist gut." Ihm Feedback gibt, ihm sein Vertrauen aufbaut. Natürlich, diese Gründe gibt es auch, aber trotz allem behaupte ich, dass die Masse nicht diese Personen sind, sondern die, die auf Profit zählen.

      Ich sehe nicht schwarz und weiß... das will ich abstreiten. Nur wo, wie ich es aufarbeiten wollte, wollte ich eben die bewusste Qual haben und Beweggründ heraushalten. Im Zentrum steht hier nur der Schmerz für den Betroffenen. Mit dem Thema bewegt man sich eh in ein Minenfeld.

      Aber mich freut trotz allem, dass du so denkst :) Dann kommen meine Texte wenigstens so an, dass jemand darüber hinaus denkt. Und sowas macht mich persönlich glücklich.

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    4. Also wirklich ... Konflikten aus dem Weg gehen.^^ Mit mir geht das nicht, was glaubst du, was mein Freund schon aus unserer Beziehung alles über sich gelernt hat.^^

      An sich kann man Konflikten nicht aus dem Weg gehen, aber das wäre ein anderes Thema.

      Ganz nüchtern gesehen ist Rezensionsklau falsch. Dummerweise sind Menschen aber nicht nur vernunftbegabte sondern auch gefühlsgeleitete Wesen. ;)

      Ganz sachlich gesehen, habe ich deine poetischen Ergüsse für deine persönliche vollständige Meinung gehalten und lag damit falsch. Deine ausführliche Meinung dagegen hat mich sehr beruhigt (Verstandesebene und Gefühlsebene) und obwohl ich dich als Schwarzdenker abstemple (^^) habe ich jetzt wieder eine hohe Meinung von dir.
      Danke für diese Unterhaltung, ich bin jetzt auch wieder ein wenig schlauer und zufriedener mit der Welt.

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  3. Wunderschöner Artikel! <3 Wie immer herausragend <3

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  4. WOW *.* Also du kannst richtig gut schreiben!

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  5. Ich schreibe meine Rezensionen mit Herzblut und benötige daher oft viel Zeit bis ich sie dann veröffentliche, da wird gestrichen, verändert und eingefügt. Wenn diese Rezensionen dann kopiert werden, dann hört für mich der Spass wirklich auf! Jedenfalls hast Du die Situation treffend geschildert!

    LG,
    Heidi, die Cappuccino-Mama

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  6. Hallo Sky,

    O.K. hier hat es schon viele Meinungen gegeben und ich persönlich finde es, gemein und unanständig anderen einfach so ihre Arbeit wegzunehmen, damit man möglicherweise selber gut da steht, aber leider gibt es viele Beispiele und wenn dann jemand erwischt wird, kennt ja jeder zu Genüge diese Ausredengetue!

    Schade für jeden dem sowas passiert..

    LG..Karin..

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  7. Hallo Sky,

    in dieser Woche kommt, glaube ich Harry Rowohlt nach Weißenburg, wenn ich das richtig in der Zeitung gelesen habe..Kameliterkloster,22.11.2012.

    Ist das was für Dich??

    LG..Karin...

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    1. Hey, danke für den Tipp, aber ich geh da wohl nicht hin. Habe es aber noch gar nicht mitbekommen, wundert mich eigentlich. :) Aber bei den ganzen Autoren, die hier regelmäßig vorbeischneien, habe ich eh schon den Überblick verloren!

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  8. Hallo Sky,

    ja, dass stimmt, aber seit ich selber mal in deiner Stadt war,kinomäßig , fällt einem das vielleicht einfach eher ein/auf, hi, hi..

    LG..Karin..

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  9. phu was für ein Text... und die Ausage darin berührt.
    Ich habe auch angefangen meine Lieblingsbücher vorzustellen, schreibe aber keine Rezis, das können andere viel besser als ich. Mir fehlt einfach das Know How für eine packende Rezension. Ich selber lese nähmlich nur Rezensionen die mich fesseln, bei denen ich sofort in den buchladen laufen will um mir das angepriesene Meisterwerk zu kaufen. Ich finde Leute die nicht selber schreiben können, sollten es sein lassen und nicht das Gedankengut anderer klauen! Nicht jeder Buchblog braucht Rezensionen.

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