Rezension: Als der Regen kam von Urs Augstburger

30 Dezember 2012 |

Zum Buch

Verlag: Klett-Cotta
Format: Gebunden
Seiten: 288
ISBN-13: 978-3608939743
Preis: 19,95 €

Das Jugendfest, das alle verbindet

Das Jugendfest war von jeher der Höhepunkt eines jeden Jahres in dem kleinen schweizerischen Städtchen. Die Vorbereitungen wurden auch dieses Jahr wieder getroffen, alle werden darauf vorbereitet und auch soll es wieder der Tag werden an dem die Granatblüte gegen den Eichenzweig getauscht wird und sich die Liebenden ihre Herzen versprechen. Es ist der Tag an denen Paare zusammenfinden und es ist der Tag, der die Menschen in eine festliche Illusion hebt.
Helen hat schon viele solcher Jugendfeste hinter sich gebracht und heute fällt es ihr schwer die Erinnerungen zurückzuholen. Die Alzheimer raubt ihr immer mehr an Vergangenem, Fähigkeiten und das Gedächtnis an die Personen, die ihr nahe stehen, verblasst. So erkennt sie auch ihren eigenen Sohn Mauro nicht mehr, als dieser aus Italien zurück in das Städtchen reist. Doch auf einmal scheint eine Erinnerung bei Helen aufzuleben, als sie mit ihrem Sohn durch die Stadt streift, wo die Vorbereitungen des Jugendfestes in vollem Gange sind. Sie tanzt über das leere Parkett mit einem Unbekannten, gedankenverloren und seit langem wieder lächelnd. Aber es scheint nicht der Vater von Mauro zu sein, mit dem sie diesen Tanz getanzt hat und Mauro beschließt ihre Vergangenheit zu erforschen.
Er stößt dabei auf eine Liebe, die nicht sein durfte, einem Boot aus der Rinde eines Baumes, Schildkröten und auf eine traurige Geschichte über Herzen, die verraten wurden.

Urs Augstburger hat ein Gespür für die kleinen und doch so schwerwiegenden Dinge im Leben. Mit „Als der Regen kam“ hat er einen Roman geschaffen der Liebe, Verrat, Entwicklungen und Wertevorstellung mitunter verbindet. Seine berührende Geschichte rund um Helen entführt in eine schweizerische Idylle, deren moralische Vorstellungen nicht immer so edel und harmonisch waren wie sie optisch scheint. Im Kleinen geht es um versteckten Rassismus, verkappten Vorstellungen, der bitteren politischen Differenzierung und die Suche nach der richtigen Heimat.
Darüber thront die melancholische Liebesgeschichte, die sich dem Leser mit jedem weiteren Fragment offenbart und dann mit all ihren vergessenen Momenten, trügerischen Erscheinungen beim Lesen eigene hingebungsvolle Gefühle auslöst. Ohne Pathos und in prachtvollen Bildern bringt uns Urs Augstburger mit jeder Zeile näher zu seinen Protagnisten, die mit ihrer Menschlichkeit  und Ehrlichkeit den Leser beeindrucken. Je tiefer man hineinsinkt in die Handlung umso klarer zeichnen sich die Figuren ab und enthüllen das ganze Drama dahinter. Mit Hilfe seinem bildkräftigen Schreibstil und als auktorialer Erzähler, lässt er uns, indem er die Perspektiven der Hauptfiguren einnimmt, deren Vergangenheit, Gegegenwart und Gedankenwelt beleuchtend, um die sich das Dilemna spannt, hineinfühlen und schafft dadurch eine Dichte, die einen atemberaubend zurücklässt.
Die Authentizität findet sich auch in der Krankheit Helens wieder. Mit der poetischen Sprache und  menschlichen Feingefühl wird auf die Krankheit eingegangen und wird zudem in ein künstlerisches Licht gerückt. Ohne zu viel Dramatik daherkommend, so dass der Leser von ihr nicht geblendet wird. Er bleibt frei von der Krankheit, wird nicht von ihr eingenommen und trotz allem spielt sie die große Rolle und bleibt doch eine Art Nebenfigur.
Aus diesen Fundament baut Urs Augstburger Zusammenhänge, die sich über die 50er Jahre im schweizerischen Städtchen bis in die heutige Zeit greifen. Psychologisch ausgefeilt und mit viel Auge für die Detailfreude entsteht eine Geschichte, die den Leser nicht kalt lassen kann. Augstburger proträtiert die Entwicklung eines Städtchens und bringt die Gastarbeiterproblematik und den damit verbundenen schweizerischen Rassismus nuancenartig hervor.
Schlicht und still wandert man auf den Wegen in „Als der Regen kam“ und verliert sich aus einer Mischung aus Melodram und Heimatroman, die sich durch seine starke Tiefe und den akzentuierten Momenten auszeichnet.
So schnell man angefangen hat, desto mehr verheddert man sich, schreitet weiter durch das Städtchen, lässt sich verzaubern von alten Traditionen und verführen von der Liebe und findet im Schatten versteckt, die finsteren Moment, die Doppelbödigkeiten und die zweifelhafte Moral zwischen Einfluss und geliebten heimatlichen Tradtionen.
Und zum Abschluss findet er ein krönendes Ende, welches alle Fragen klärt und uns mit vielen Gedanken und noch mehr Gefühlen zurücklässt.

Fazit

„Als der Regen kam“ ist ein tiefgründiger Roman voller Facetten und einer kräftigen, poetischen Sprache. Urs Augstburger gelingt ein Heimatroman und gleichzeitig ein Melodram ohne Kitsch und Klischees, aber umso mehr Tiefe. Ein stiller Roman, der aufgrund seiner Ruhe umso tiefer und dichter erscheint. Wunderschön und einzigartig!

★★★★

Kommentare:

  1. toller beitrag! mein genre sind eher thriller bzw psychothriller, auch wenn ich deinen beitrag zu diesem b uch echt interessant finde

    habe gerade die letzten seiten von "der augenjäger" gelesen, vielleicht kennst du es ja? kann dir das buch auch sehr empfehlen

    Lady-Pa

    xoxo

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    1. Ich lese auch wahnsinnig gerne Thriller und "Der Augenjäger" hab ich auch schon verschlungen. ;) Ist wirklich ein geniales Buch. Aber Sebastian Fitzek gehört eh zu meinen Lieblingsautoren.

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  2. Lieber Sky,
    eine ausgezeichnete Rezension. Dieses Buch wartet demnächst auch noch auf mich und ich bin gespannt, was ich dazu schreiben werde. Ach, dein Buchgeschmack ist einfach toll. :)

    Wünsch dir auch hier nochmal einen guten Rutsch. Bis ins nächste Jahr :)
    Ganz liebe Grüße
    Petzi

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  3. Hallo Sky,

    das scheint ja mal eine tolle Bearbeitung eines sehr prisanten Themas zu sein.
    Eine Sache, die uns alle mal treffen kann...

    Einen guten Start ins Neue Jahr.

    LG..karin...

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