Zerrissene Seiten: Der Fall des Kreuzworträtselmords

17 Februar 2013 |

Es gibt Romane, deren Inhalt nicht nur aus Fiktion bestehen, sondern sie sind verflochten mit dem, was Wirklichkeit ist. Realität und Schein bilden eine Linie, die den Leser erschüttern lässt. Es ist nicht die Machart des Romans, nicht die Schwere in der Sprache, nicht das Gefühl, welches der Autor transportiert mit seinen Wort. Es sind vielmehr die Szenen, die tatsächlich geschehen sind, die den Atem stocken lassen. Man kennt die Bilder, die Wirklichkeit, nur stakkatohaft anhand von einzelnen Fragmenten, aufgelesen von Zeitungen, Bildschirmen, Kollegen und Freunden. Doch wenn die Stimme spricht, sich von der Seele schreibt, was sie tatsächlich erlebt hat, braucht es keine speziellen Worte, keine Techniken, keinen künstlerischen Feinschliff. Der Schauder kommt allein durch die bitterkalte Wirklichkeit, die einen entgegenschlägt.

Zu einen solchen Roman zählt "Der Kreuzworträstelmord. Eine wahre Geschichte" von Kerstin Apel. In ihrem Buch hat sie, laut ihrer Aussage, versucht ihre eigene Geschichte zu verarbeiten und hat einen Skandal in den Medien ausgelöst.

Die Handlung, erzählt aus der Sicht der Berliner Journalistin Shiva, beginnt mit Shivas Skiurlaub in Oberhof, wo sie auf einer Piste auf Susanna stoßt. Zu Beginn wirkt Susanna sehr schüchtern und zurückhaltend, fast schon ängstlich. Während ihres Gesprächs, bei einem warmen Getränkt, kommt es zu einer kleinen Eskalation. Sie flieht, als Shiva das Wort "Kreuzworträtsel" aus ihrem Mund kommt. Perplex bleibt dabei Shiva und versucht wieder mit Susanna an einem späteren Punkt ins Gespräch zu kommen, wobei sie das Wort vermeidet.
Als ihr Chefredakteur Shiva zurück nach Berlin zitiert, weiß sie noch gar nicht warum sie ihren Urlaub beenden soll. Die Umsatzzahlen der Zeitung sinken und sie steckt in einer Krise. Die Idee des Chefredakteurs klingt dabei so banal, dass sie nicht funktionieren kann. Sie sollen alte Kriminalfälle neu aufarbeiten, die in den Medien großen Aufsehen erregt haben, und neue Aspekte finden. Shiva bekommt den "Kreuzworträtselmord" zugestellt, der lückenlos aufgeklärt wurde. Ein siebenjähriger Junge wurde in einen Koffer, der voller ausgefüllter Kreuzworträtsel war, tot aufgefunden. Die DDR ließ eine Schriftprobe durchführen und konnte mit Hilfe dieser den Mörder stellen. Aber bald muss Shiva festellen, hinter diesen Fall steckt noch mehr. Und Suanna, die sie in Oberhof kennengelernt hat, scheint direkt damit in Verbindung zu stehen.

Dieser Auftakt, dieser lange Prolog bis Susanna oder besser gesagt, Kerstin Apel beginnt zu sprechen, ist eher langatmig, nichts besonders hervorstechend aus der Masse von Büchern. Er ist eher durchschnittlich und vorhersehbar, doch was folgt, die Realität, lässt einen Zittern.
Susanne (Kerstin Apel) erzählt die Geschichte um den Mord des siebenjährigen Jungen wie sie ihn gefunden hat, wie sie ohnmächtig war vor Angst, vor Grauen, als sie Zuhause angekommen ist und das Blut sah, welches ihr damaliger Freund hinterlassen hat. Der Junge lag verletzt, aber noch lebend, in der Badewanne.
Für Frau Apel war es eine Therapie, mit dieser eingebetteten Fiktion eine Möglichkeit, sich von dem zu Lösen, was sie jahrelang beschäftigt hat. Das sie dabei mehr enthüllt als sie früher in ihren Aussagen gesagt hatte, löst den Skandal aus, der ihre Verarbeitung auf Schlimmste straft.
Denn urplötzlich kommen die Moralapostel hervorgekrochen, beschimpfen sie als widerwärtig, geldgierig, sensationsgeil. Sie sei perfit eine solche Geschichte zu veröffentlichen und der Verlag geschmacklos, sich an solch einen wahren Fall sich eine goldene Nase zu verdienen.
Doch alle sehen sie für mich nur die eine Seite.
"Es kommt wieder Angst auf!", sagen die einen und sehen sich tagtäglich schlimmeres in den Medien an, die über Vergewaltigungen, Morde und sonstigen Delikten berichten, die grässlicher nicht sein könnten.
"Wer denkt an die Eltern!" Natürlich sind auch die Eltern Opfer dieses Dramas, sie litten unter den Verlust und für sie kommt es noch einmal hoch. So etwas ist schwer zu lesen, nicht nur für die, die in diesem Fall direkt beteiligt waren.
"Kerstin Apel ist zu verabscheuen!" Wer den Roman liest und sieht wie sie es erlebt hat, sollte nicht sie abstrafen, sondern auch Mitleid mit ihr haben. Wer von uns kann behaupten, dass er anders gehandelt hätte? Wer von uns hätte alles enthüllt, wenn er Angst hatte, dass der Tod an der Tür klopft. Ich glaub, es kann sich keiner rausnehmen zu behaupten, er hätte richtig gehandelt. Denn diese Extremsituation können wir nicht einschätzen ohne sie einmal erlebt zu haben. Es ist leichter zu sagen: "Ich hätte den Jungen gerettet", als einzugestehen: "Ich hätte genauso viel Angst gehabt wie sie..."

Aber, wie weit darf die Literatur gehen? Wo hört Verarbeitung auf und beginnt das Grauen für den Leser? Wie weit soll öffentlich enthüllt werden und wie weit nur im Geheimen? Was sollen die Medien sagen, was man selbst?
Schreiben ist ein Mittel der Verarbeitung, sich etwas von der Seele zu schreiben ohne darüber sprechen zu müssen, erspart die Scham, die man beim Reden hat. Man hat nur ein Papier vor sich und keinen Menschen der es bewertet. Einen stummen Zuhörer, der die Last in den Seiten bannt.
Sobald es aber in die Öffentlichkeit geht, kommt die Bewertung hinzu. Und diese Bewertung macht es für Autorin wie Opfer des Kreuzworträtselmord nicht einfacher.
Denn eigentlich besteht die Möglichkeit es nicht in den Medien breit zu treten, man könnte es einfach so stehen lassen wie es ist. Man könnte wegsehen und statt sich auf den Roman zu stürzen. Man könnte ihn nicht abstrafen, man könnte ihn einfach so nehmen wie er ist.
Doch keiner tut es, denn der Mensch will Sensation, will Dramatik, will Tragik und etwas, worüber er sich entsetzen, aufregen und brüskieren kann.
Vielleicht wollte sie sich so enthüllen und hat selbst mit der Furore nicht gerechnet. Vielleicht wollte sie einfach, jetzt wo es fertig ist, ihr Schweigen brechen und es öffentlich tun. Was Kerstin Apel wirklich wollte, weiß keiner und trotzdem sieht jeder nur den negativen Seiteneffekt.
Wenn wir jeden abwatschen, der über seine Geschichte schreibt, erfahren wir bald nichts mehr. Dann darf kein Politiker über seine Skandale reden, darf kein Opfer über seine Ängste reden, darf keiner sich mehr dem entledigen, was in ihm steckt. Schweigen muss gebrochen werden. Denn verteiltes Leid ist aufgeteiltes Leid, welches die Last für den Autor und Biographen leichter macht und manches mal, die Menschen warnt, es nicht so zu tun.
Was man nicht sehen will, will man nicht sehen. Opfer wird es immer geben, selbst bei fiktiven Werken kann das geschehen. Irgendwo steckt immer die Wahrheit zwischen den Zeilen. Auch, wenn viele es sich nicht eingestehen wollen.

Wie weit darf also ein Roman gehen? Wie viel Wahrheit darf er in sich tragen? Die Entscheidung liegt nicht beim Leser, sondern beim Autor. Literatur wird nicht geboren durch das, was der Leser bestimmt, sondern dass was der Autor erzählt.
Und würde man alle Emotionen weg lassen, etwas neutraler betrachten, konnte man auch erkennen, dass vielleicht Kerstin Apel nicht die Täterin ihrer eigenen Schrift ist, sondern ein Opfer, dem das geheim halten etwas Unausgesprochenen aufgefressen hat und sie sich einfach öffnen musste. Wie viel Profitgier dahinter steckt, sei jedem selbst belassen zu entscheiden. Aber jede Buchseite hat zwei Interpretationsmöglichkeiten und beide haben ihre Berechtigung existent zu sein.

Kommentare:

  1. Ich finde ehrlich gesagt, dass es in der Welt der Bücher keine wirklichen Grenzen gibt. Wenn einem ein Thema nicht gefällt, muss man das Buch ja nicht lesen. :)

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    1. Damit machst du dir das aber ein bisschen sehr einfach.

      Stelle dir mal vor, ein Angehöriger von dir würde ermordet und ein Autor würde dies in einem Krimi verarbeiten. Wie fändest du das?

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  2. Hallo Sky,

    nun auch Du nimmt Dir jetzt eine aktuelle Krimisache an. Mich würde interessieren wie weit die Autorin selber in die Geschichte verwickelt ist?

    Denn es liest sich alles sehe, sehr nah an!

    LG..Karin...

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  3. Vielen Dank für diese ausgewogene und erfreulich distanzierte Beschreibung. Die hysterischen Kommentare z.B. auf amazon's Seiten sind sehr unangemessen und haben mich abgestoßen.
    Ich vermute, dass viele der meinungsstarken SchreiberInnen gern und eifrig detaillierte Beschreibungen bluttriefender Massaker in der Zeitung verfolgen. Auch das sind echte Ereignisse, auch dort leiden Verwandte und werden indirekt selbst zum Opfer. Aber das ist ja bloß Zeitung... Diese Veröffentlichungen dienen nicht dem Voyeurismus sondern edlen Motiven und auch nicht der Gewinnmaximierung. Da kann man ruhig weiter lesen.
    LG Biscuitty

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    1. Vielen Dank für den Kommentar. Das war eigentlich der Grund für den Post, dass es eben so viele Stimmen gab, die meiten es sich einfach herausnehmen zu können darüber vollkommen zu urteilen... Ich fand das lächerlich!
      Freut mich zu hören, dass jemand den Sinn hinter den Beitrag hier sieht.

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