Rezension: Die Zeit, die Zeit von Martin Suter

27 März 2013 |

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Verlag: Diogenes
Format: Gebunden
Seiten: 304
ISBN 978-3-257-06830-6
Preis: 21,90 €

Zeit gibt es nicht

Bei Martin Suters Werk "Die Zeit, die Zeit" dreht sich alles, wie der Titel schon sagt, um die Zeit. Und die gibt es nicht, zumindest wen es nach dem alten Knupp geht, der das tollkühne Unterfangen unternimmt, den elften Oktober 1991 zu rekonstruieren. Denn Zeit ist nur ein Gradmesser für Veränderungen und die Veränderungen, die eigentliche Zeit. Wenn wir alles zurückversetzen, diese Veränderungen zurücknehmen und die Welt in demn Zustand versetzen, in dem er zu einem Zeitpunkt war, können wir dort zurückreisen. Darum soll der Elfte wieder geschehen und damit der Tod seiner Frau verhindert werden.
Für Peter Taler wirkt das alles seltsam, verrückt, schier unmöglich. Seit dem ungeklärten Mord an seiner Frau, ist die Zeit für ihn stehen geblieben. In der gemeinsamen Wohnung versucht er die Welt von damals, so lange er noch kann, zu behalten . In seiner kleinen traurigen Welt schaut er immer wieder auf den Garten des alten Knupp und er fragt sich jedes Mal auf's Neue, was sich verändert hat. Er spürt, etwas ist anders, aber er kann es nicht Greifen. Und er glaubt, so bald er weiß, was sich verändert hat, kann er den Mörder seiner Frau finden. Aber seinen eigenen Ermittlungen sind immer wieder zum Scheitern verurteilt.
Erst mit der Hilfe von Fotos erkennt er: Knupp versucht den Garten in den immer gleichen Zustand zu bringen. Er schließt sich dem ungewöhnlichen Experiment Knupps an, obwohl er nicht so ganz daran glauben kann, ihn aber die stille Hoffnung überzeugt, dem Alten gegenüber zu helfen und damit vielleicht seine eigene Frau wieder zum Leben zu erwekcen. Egal wie viel Arbeit oder Geld es bedeutet.

Die Zeit spielt die große Hauptrolle in diesem Roman, der die Genregrenzen über Bord wirft, als eine Art Thriller beginnt, sich in ein Drama steigert und sich immer mehr in eine illusionären Traum verwandelt, dem Traum, die Zeit zurückdrehen zu können. Dabei geht es nicht nur darum, Dinge zu ihrem Urzustand zu bringen, sondern auch darum, dass manchmal die Zeit für manche Menschen stehen bleibt. Der Auslöser, warum für Taler und Knupp die Welt sich nicht mehr dreht, ist der Tod ihrer Frauen. Für die beiden gibt es keine Zeit mehr, denn sie ist unwichtig geworden.
Der philosophische Ansatz, die Zeit ist nicht messbar, sondern es gäbe nur Veränderungen, die wir mit der Hilfe von Zeit messen, hat einen tiefen und durchdachten Kern und lädt selbst zum Nachdenken über die Zeit ein. Vor allem gerade in unserer heutigen Welt, in der man immer wieder davon spricht, zu wenig Zeit zu haben, spielt "Die Zeit, die Zeit" mit dieser Problematik und macht sie zu etwas Künstlerischen.
Seine beiden kauzigen Hauptfiguren, die ein ungewöhnliches Paar bilden, sprühen dabei oft vor Energie und Ehrgeiz für das Projekt. Sie besitzen ihre Eigenarten, ihre besonderen Geschichten und warten im Laufe der Handlung mit immer mehr Facetten auf. Ihre Beziehung ist geprägt von den Informationen und Mittel die sie besitzen. Knupp kann Taler Informationen zu seiner Frau geben, die den Mord an ihr in ein neues Licht werfen, während Taler ihm Hilfe für die Arbeit an dem Projekt geben kann. Manchmal negativ, manchmal positiv, erstrahlen die Beiden immer wieder in einem Licht, überraschen einen mit ihren Taten, ernüchtern einen und bleiben dabei oftmals unberechenbar in ihrer Art. Sie entwickeln sich im Laufe der Geschichte und bleiben dadurch lebendig, obwohl man als Leser keine vollkommene Innensicht erhält und eher distanziert wird von den Figuren.
Und gerade diese Distanz, die Martin Suter erzeugt, schafft es die Eindringlichkeit des Romans zu erhöhen. Die Zeitphilsophie, die einem dargelegt wird, und die Veränderungen der Welt zu einem früheren Zeitpunkt, widerspiegeln sich in den Charakteren selbst, die immer stärker wieder zu Leben gelangen, je näher sie dem Elften kommen. Authentisch und ehrlich sieht man wie immer mehr Leben in die beiden wieder zurückkehrt. Martin Suters locker-leichter Schreibstil, der mit viel Detailfreude aufwartet und dem Leser emotionalen Spielraum lässt, vermag es uns mühelos die Bilder vor Augen zu halten und uns ein klares Bild der einzelnen Beziehungen der Akteure, wie auch der immer stetigen Veränderung der äußeren Eindrücke, zu geben  Man fliegt über die Seiten hinweg und verliert sich, das Zeitgefühl verlierend, in der Geschichte.
Doch leider kommt es auch vor, dass man sich Zeit für den Roman nehmen muss. Es treten Längen auf, Szenen, die für die Handlung weniger tragend sind und vor sich hinlaufen und das Ende immer weiter augenscheinlich hinauszögern sollen. So zieht es sich bis man endlich das Resultat des Experimentes hat, auf das man so sehnsüchtig wartet, bei dem man mit jeder Seite merkt wie die innere Erregung und Aufrregung in einem wächst, nachdem man so viel über die Zeit, ihre Funktionen, ihren Irrtürmern und ihren Theorien gelesen, aufgenommen und mit ihnen im Geiste gespielt hat.
Was man dann findet, ist ein rasanter Schluss, pointiert in zweifacher Sicht und den roten Faden stramm ziehend, sodass die anfängliche Handlung, wie Peter Taler den Mörder seiner Frau sucht, sich plötzlich mit dem Hauptpunkt der Geschichte, dem Zurückdrehen der Zeit, verbindet und dem Leser gleich zweimal trifft. Wobei mehr Zeilen den Effekt eher unterstützt hätten und es in seiner Form zu abrupt daherkommt, im Gegensatz zu den vorangegangen Seiten.

Fazit

"Die Zeit, die Zeit" ist ein ruhiges Werk, welches seine Zeit braucht, aber gleichzeitig zum Philsophieren über die Zeit einlädt. Eine tiefsinnige Handlung, einfühlsam und intensiv, mit der Sehnsucht nach dem, was einst war und der Hoffnung, die Zeit lasse sich zurückdrehen. Spannend und berührend zugleich.

★★★★☆

Kommentare:

  1. Ach, ich sollte auch mal wieder ein Buch von Martin Suter lesen . . .

    lG Favola

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  2. Zu meiner Schande, war es mein erster Suter, den ich überhaupt gelesen habe. Obwohl ich von dem Autor schon viel gehört und noch mehr empfohlen bekommen habe. Bei mir wird es nicht das letzte Werk von ihm gewesen sein!
    Also, ran an die vielen Suter-Romane!

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