Rezension: Anständig essen von Karen Duve

07 April 2013 |

Zum Buch

Verlag: Goldmann
Format:Taschenbuch
Seiten: 336
ISBN 978-3-442-47647-3
Preis: 9,99 €

Wie isst man anständig?

Diese Frage hat sich auch Karen Duve gestellt. Wie isst man ohne das Tiere gequält werden? Sie schildert in ihren Buch ein selbst auferlegtes Experiment. Für jeweils zwei Monate isst sie unterschiedlich, macht die Vor- und Nachteile der jeweiligen Ernährungsform klar und versucht für sich selbst den besten Weg zu finden. Einen Weg ohne Massentierhaltung, ohne gequälte Tiere. Ohne Angst zu haben, dass man das, was man auf den Teller vor sich hat, nicht unter den schlimmsten Bedingungen gelebt hat.
Urteilsfrei und frei von der Leber weg, geht sie dabei ans Werk und schlägt mich klaren Fakten um sich. Sie gibt einen ungeschönten Einblick in die Fleischindustrie, lässt uns hineinsehen in das Leben einer Legehenne und macht klar, dass "Freilandhaltung" wenig mit Freiheit zu tun hat. Die jeweiligen Ernährungsformen (zuerst Bio, dann vegetarisch, dann vegan, dann frutarisch), die sie sich auferlegt, sind für sie nicht gerade immer einfach. Mit trocknen Humor und bitterer Zunge geht sie immer wieder auf ihre eigenen Probleme mit der Ernährung ein und man muss selbst oft feststellen, dass man wahrscheinlich die gleichen Problematiken gegenüber stehen würde. Es geht um teure Bio-Lebensmittel, die Schwierigkeiten der veganen Ernärhung und um den Frutarismus, der so gut wie unbekannt ist. Und das vegan sein auch heißt, auch in anderen Bereichen zurückstecken zu müssen.

Persönlich und mit treffsicheren Schreibstil schafft sie es den Leser an sich zu ziehen und aufzuklären. Oftmals ist man schier erstaunt über die Zahlen, die Wechselwirkungen, der Einfluss der Fleischproduktion auf das Klima und die Bedingungen, die man oft versucht zu verdrängen, obwohl wir mit ihnen regelmäßig medial konfrontiert werden. Irgendwann kommt man an einen Punkt, da kann man nicht mehr verdrängen. Man hat zu viel erfahren und man zweifelt an seiner eigenen Ernährung. Die Kritik, die Duve an sich selbst übt, schwabbt auf den Leser über und trotz allem hat man nicht das Gefühl, man wird moralisch malträtiert.
Ohne uns eine Meinung aufzuzwingen, ohne die Moralpeitsche zu schwingen, erklärt sie, was sie persönlich für richtig hält und gibt uns nicht vor, was wir für richtig erachten sollen. Der Spielraum, den der Leser bei diesen Selbstversuch, das Zwiegespräch der Autorin mit dem Leser, hat keinen Beigeschmack von Weltveränderung, sondern vielmehr Aufklärung, dem Ausräumen von Missständen auf einer ganz persönlichen, unverkrampften Ebene.
Für uns bleibt da immer wieder ein Schmunzeln, während man die täglichen Tragödien in den Ställen in Deutschland auf die Schliche kommt. Veganische Ernährung wirkt auf einmal nicht mehr unmöglich und Frutarismus klingt nicht mehr nach einer Sekte, sondern vielmehr nach einen durchaus durchdachten Konzept, dass in allen Dingen Leben sieht.
Zwischendrin treffen einen dann wieder die Fakten, knallhart und doch wertfrei. Als Zwischenspiel, immer wieder die Klimakatastrophen dieser Welt, die blanke Realität und dann wird es wieder sehr persönlich. Diese Mischung macht "Anständig Essen" aus und macht es nicht zu einer Bibel, die vorschreibt, was zu tun und zu lassen ist, sondern klar die Tatsachen aufschlüsselt, herausarbeitet, was Ernährungsumstellung bedeuten kann, für sich selbst oder für die ganze Welt.
Ein eingefleischter Vegetarier, Veganer oder Frutarier wird wahrscheinlich hier weniger neue Erkenntnisse gewinnen. Jemand, der sich wenig damit befasst, kann mit "Anständig Essen" lernen und seinen eigenen Weg suchen und finden. Lehrreich für Jedermann und gleichzeitig aufrüttelnd. Nach der Lektüre ändert sich der Blick auf den eigenen Teller um einiges und der eigene Konsum wird schnell in Frage stellt, ohne dass jemand es einen vorschreibt. Und sagt trotzdem klar aus: Man muss das tun, was man für richtig hält und das, was einem zuzumuten und zu zuzutrauen ist. Nicht in jedem steckt ein Frutarier.

Das schlussendliche Wahl, die Karen Duve schließlich selbst trifft, überrascht einen ein wenig und gleichzeitig ist es ehrlicher, als das was andere Bücher, die sich mit dem Qualen des Tieres, damit es auf unseren Speiseplan ist, beschäftigt. Damit beweist die Autorin Stärke und zeigt, dass sie zu ihren Aussagen steht und welche Bedenken sie hat. So sollte ein persönliches Sachbuch sein und nicht anders.

Fazit

"Anständig Essen" ist ein aufrüttelndes Buch mit moralischen und kritischen Anspruch. Mit trocknen Humor, harten Fakten und der Ehrlichkeit Duves wird daraus ein aufklärerisches Buch, welches einen die eigene Blindheit gegenüber seinen Essen vor Augen führt. Ganz ohne Moralkeule und doch tief das eigene Gewissen treffend. Für alle, die hinter die Entstehung ihrer Nahrung sehen wollen und über den Tellerrand hinaus sehen wollen, eine Pflichtlektüre.

★★★★


Kommentare:

  1. Hallo Sky,

    ein schwieriges Thema erst einmal und jeder muss sehen, wie er damit zu Rande kommt.

    LG..Karin...

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  2. Hallo Sky,

    am 15.06. geht meine Rezension zu diesem Buch auf meinem Blog online. Ich habe dich dort mit deiner Rezension verlinkt. Wenn das nicht gewünscht ist, sag einfach Bescheid! :)

    Herzige Grüße
    Jane

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