Rezension: Wie ein leeres Blatt von Boulet und Pénélope Bagieu

27 April 2013 |

Zum Buch

Zeichnungen und Farbe: Pénelope Bagieu
Szenario: Boulet
Verlag: Carlsen
Format: Flexocover
Seiten: 208
ISBN 978-3-551-75109-6
Preis: 17,90 €

Wer ist Eloïse?

Auf einmal sitzt sie auf einer Bank. Sie weiß nicht wer sie ist, sie weiß nicht warum sie hier ist und sie weiß nicht wohin. Sie weiß nur, irgendetwas stimmt nicht und ihre Erinnerung an ihr gesamtes Leben ist fort.
Mit der Hilfe ihrer Tasche, in der sie ein paar Utensilien findet, kann sie zumindest ihren Namen und ihre Adresse zurückerlangen. Sie heißt Eloïse, doch sonst weiß sie nichts mehr. Als sie vor ihrer Wohnung steht, wirkt ihr alles fremd. Nichts kommt in ihr hoch und sie zweifelt daran, ob sie wirklich hier wohnt. Verzweifelt will sie ihr Leben rekonstruieren und gerät dabei in die grotesktesten Fantasien darüber, warum sie unter dieser Amnesie leidet. Jedes Mal, wenn sie Gegenstände in der Wohnung findet, versucht sie sie mit ihr in Verbindung zu bringen, doch nichts gelingt ihr. Als der Alltag von Eloïse sie einholt, erkennt sie bald, dass sie Buchhändlerin ist und die Dinge werden nur noch problematischer und ihre eigentliche Identität wirkt ihr umso fremder. Wer ist Eloïse?

Die Graphic Novel „Wie ein leeres Blatt“ besteht nicht aus losen, weißen Blättern voller Nichts. Es ist ein tiefgründiges Werk, mit Facettenreichtum und moralischen Anspruch, der sich mit jeder Seite entfaltet. Die Hauptfigur Eloïse, die auf der Suche nach ihrer verlorengegangen Identität ist, erstrahlt in vielschichtigen Ebenen, obwohl man, aufgrund ihrer Amnesie, nur so viel weiß, wie sie selbst über sich erfährt. Als Buchhändlerin einer großen Buchhandlungskette arbeitend, scheint sie kein besonderes Leben zu führen, so scheint es zumindest zu sein. Und so denkt es Eloïse selbst, über die Eloïse, die sie eigentlich war.
Die Geschichte lebt von ihren kleinen Details. In Paris angesiedelt, entwerfen Boulet und Bagieu eine witzige und rasante Geschichte, die mit viel Charme daherkommt. Die Suche selbst, anmutend wie ein spannender Thriller, die Gefühle der Hauptfigur, so verständlich und einfühlsam und lacht man doch gerne mal über die Situation. Speziell die abstrusen Theorien Eloïse, warum sie ihr Gedächtnis verloren hat, dass es vielleicht mit der großen Liebe zu tun hat oder doch ein Geheimdienst sie ausgeschalten hat, geben der Handlung Fülle.
Die Zeichnungen widerspiegeln dieses Phänomen. Durch einerseits spezielle Einfärbungen dieser Theorien wie auch die immer wieder fragmentarische Ansicht von Räumen oder Situationen, wirkt die Welt plastisch. Diese Techniken verleihen den doch recht einfachen Comicstil etwas eigenes, wobei gerade die Gesichtsausdrücke Eloïse mit ihrer leicht überdrehten Art viel Esprit des Werkes ausmachen. Die Freude zum Detail, lässt den Leser gerne zweimal hinschauen und man verliert sich mithilfe der Bilder in Eloïse gar nicht so blass wirkende Persönlichkeit.
Diese Freude findet man auch in den kurzen Texten, die auf den Punkt gebracht und mit Aussagekraft daherkommend, die Graphic Novel abrunden. Nicht nur, schaffen sie eine weitere Facette der Hauptfigur, sondern sie zeugen von Charakter und Einzigartigkeit.
Welches Ende einen dann plötzlich entgegenkommt, während man mit Eloïse auf die Suche ihrer Identität geht, lässt einen nachdenklich zurück. Die Graphic Novel zeigt auf ganz eigene Art, eine Nachricht, die einen anfangs gar nicht so bewusst scheint. Selbst nach dem Schließen des Werkes, zweifelt man plötzlich an seiner eigenen Identität, auf ihrer von so vielen äußeren Einflüssen bestehenden Beständigkeit. Was ist mein Leben? Und wieso ist das so? Das sind Fragen, denen man sich plötzlich selbst stellt, die Eloïse selbst beschäftigen und die die Tragweite der Handlung widerspiegeln. Es dreht sich um die eigene Persönlichkeit, wie viel gehört davon eigentlich mir? Wie viel eigentlich anderen? Die Antwort scheint jeden selbst überlassen und die Lösung der Selbstfindung so simpel wie genial.

Fazit

Boulet und Pénélope Bagieu haben eine vielschichte Graphic Novel zusammengetragen, die einerseits spannend ist, unterhält und einen Sog entwickelt, der einen nicht mehr loslässt. Abgerundet mit einer starken Hauptfigur und einer atemberaubenden Message, ist „Wie ein leeres Blatt“ ein Werk, das einen mit vielen Gedanken zurücklässt und unserer Gesellschaft, auf ganze eigene Art, einen Spiegel vorhält. Lesenswert!

★★★★★

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