Rezension: Entangled von Cat Clarke

09 Mai 2013 |

Zum Buch

Dt. Titel: vergissdeinnicht
Verlag: Quercus
Format: Taschenbuch
Seiten: 372
ISBN 978-1-849-16394-1
Preis: £6.99

Eingesperrt in einem weißen Raum

Die 17-jährige Grace wacht in einem weißen Raum, eingesperrt und isoliert von der Außenwelt, und vor sich ein Stapel Papier und Stifte. Sie scheint entführt worden zu sein und bekommt regelmäßig Essen und frische Kleidung von einem Jungen namens Ethan. Er ist genauso alt wie sie, doch er redet mit ihr nicht. Den Stift in die Hand nehmend beginnt sich irgendwann zu schreiben und beschreibt ihr eigenes Leben.
Eigentlich hatte sie beschlossen mit ihren Leben abzuschließen. Mit einem Messer und Alkohol ging sie auf dem Spielplatz und wollte sich umbringen bis sie den Jungen Ethan trifft. Er saß auf einer Schaukel und sie wollte ihn verscheuchen, damit sie ihren Suizid vollziehen kann, doch stattdessen kam sie mit ihm ins Gespräch und wachte in dem weißen Raum wieder auf.
Sie weiß nicht warum sie hier ist, sie weiß nur eins... sie muss sich erinnern. Beim Schreiben kommen ihr immer mehr Erinnerungen hoch und sie erzählt die Geschichte einer guten Freundschaft, eines aus dem Fugen geratenen Lebens und der ersten wahren Liebe. Eine Geschichte eines jugendlichen Lebens, welches in einer Katastrophe endet.

"Entangled" ist ein Roman, der auf mehreren Ebenen arbeitet. Einerseits allegorisch, andererseits wahnsinnig realistisch, haben wir Grace, die ihr Leben auf Papier bannt und selbst herauszufinden, was wirklich passiert ist. Andererseits haben wir die Geschichte Graces, die uns mit jeder Zeile näher gebracht wird. Wer erleben ihre Entwicklung, ihre Veränderungen, ihre Sehnsüchte und bekommen das Bild eines vielschichten Jugendlichen, der sich im Gefühlschaos verheddert hat.
Getragen wird der Roman vor allem von seiner Hauptperson, die in der Ich-Perspektive ihr Leben beschreibt. Nachvollziehbar, einfühlsam und emotional betreibt sie ihren Seelenstriptease und führt uns in ihren Kopf hinein. Zwischen der immer schwierig werdenen besten Freundschaft mit Sal und der anscheinend wahren Liebe mit Nat, einen angehenden Studenten, wird das Drama immer größer. Was anfangs noch erscheint wie ein Entführungsthriller entwickelt sich schließlich immer mit in ein Jugendrama par excellence, welches einen gefangen nimmt und erst loslässt, wenn die letzte Seite erreicht ist.
Die Akteuere sind dabei so realistisch wie es möglichst geht. Die Persönlichkeiten und ihre Art wie sich verändern und darstellen entsprecht denen wahrer Jugendlicher. Cat Clarkes Charaktere sind plastisch fein gezeichnet, mit sehr viel Individualität ausgestattet und bedienen sich der Sprache wie sie die Jugend von heute besitzt. Manchmal herrlich übertrieben, dann wieder wahnsinnig einfühlsam wirkt der Schreibstil den Cat Clarke an den Tag legt und der die Stimme ihrer Protagonistin Grace ist. Unverkrampt, ehrlich und schlichtweg authentisch betreibt sie eine Jugendstudie, die nicht nur an der Oberfläche kratzt. Ihr Roman entwickelt einen starken Sog, dem man sich schwer wieder entziehen kann, der durch die Lebendigkeit der geschaffenen Welt und der Handlung an Farbe gewinnt. Selten ist ein Jugendroman so unglaublich nah an der Jugend wie "Entangled".
Die Handlung ist dabei so simpel und doch so schwerwiegend und belastend. Grace trägt eine tiefe Last in sich. Seit dem Tod ihres Vater von ihrer Mutter allein erzogen, fühlt sie sich oft vernachlässigt und wünscht sich Nähe und findet sie in neuen Freundschaften, die den Grundstein für ihr neues Ich legen. Sie bricht aus, aus ihren Leben und beginnt neu, lässt das Kind hinter sich und wird zur Jugendlichen, die sich die Nächte um die Ohren schlägt und selbstbewusst auftritt, obwohl es in ihrem Inneren vollkommen anders aussieht. Sie findet ihren Freund Nat und verfällt in einen Streit mit ihrer Freundin Sal. Und dazwischen liegen viele Geheimnisse, die jeder für sich behält. Alles dreht sich um Liebe, Wahrheit und Lüge, über das Schweigen, das Zerbrechen von Beziehungen und die stetige Angst vor dem Nichts zu stehen.
Der stetige Szenenwechsel zwischen Grace im weißen Raum und Graces Geschichte geben dem Ganzen eine besondere Dynamik. Nicht nur lernt man Grace dadurch näher kennen, sondern man kommt der Lösung, warum sie in diesen Raum ist, mit jeder Zeile weiter. Man will sich der Wahrheit stehen, vor der Grace so viel Angst hat. Man möchte wissen, was die Vergangenheit mit ihrer Entführung zu tun hat und zweifelt immer mehr daran, ob es überhaupt eine Entführung ist. Bis zum Schluss ist man sich unsicher und findet sich einer unvorhersehbaren Wendung wieder, die der Geschichte die Krone aufsetzt und den Leser mehr als nur einmal erstaunen lässt.
Doch gerade diese Wendung macht es dem Roman schwer sein Gerüst zu halten. Es steht oftmals wackelig auf den Details herum und wo man sehr viel Tiefe und Intensität in der einen Szene hat, wünscht man sie in der nächsten Szene doch mehr, wo sie aber plötzlich abhanden gekommen ist. Manchmal ist Graces Verhalten zwar nachvollziehbar, kommt aber oftmals zu übertrieben daher und wirkt stellenweise störend. Sie eine exzentrische Person, die mit ihrer extrovertierten Art die dunklen Flecken ihrer weißen Seele verdecken will. Ihr Verhalten rutscht zeitweise doch ins Lächerliche und nicht mehr Realistische. So bleibt ein Roman, der wahnsinnig viel Kraft besitzt, aber dem es manchmal an Feinschliff fehlt, der dem Roman noch viel mehr Plastizität verliehen hätte.

Fazit

"Entangled" ist ein wahnsinnig vielschichtiger Roman mit fein gezeichneten Charakteren und einem Schreibstil, der die Jugendlichkeit der Akteure widerspiegelt. Eindrucksvoll, berührend und unglaublich ehrlich mit einer Handlung, die keinen kalt lässt.

★★★★☆

Kommentare:

  1. Das Buch befindet sich ja sowieso auf meiner Wunschliste und nach deiner Rezi bleibt es da bestimmt auch, bis ich es mir geholt habe :)

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    1. Debbie, du musst es möglichst bald lesen! Es ist so toll! <3

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