Zerrissene Seiten: Der ausgebeutete Leser

05 Mai 2013 |

Er ist da! Er ist da! Endlich! Gott wie lange hat man warten müssen auf die Fortsetzung der Reihe. Wie lange man leiden musste unter den Cliffhanger, sich geärgert hat und wie ein Groupie vor dem Verlagsgebäude gecampt hat um es als erster in den Händen halten zu können! Minimalste Verschiebungen der Veröffentlichung kamen Weltuntergängen gleich, die mit einem dramatischen "Nein!" und vielen Tränen sich für immer auflösten. Das ganze Leid, es hat sich gelohnt, das ganze Warten, es wird sich bezahlt haben. Es...

...ist aufgeteilt in zwei Bände, die unterschiedlich erscheinen. Moment... das englische Original war doch nur ein Roman, woher kommen jetzt die beiden Teile? Hat der deutsche Leser einmal einen Vorteil gegenüber der amerikanischen Großmacht? Bekommen wir einen Teil zu sehen, der speziell für uns ist? Haben wir etwa eine Extrageschichte, bisher unveröffentlicht, auftauchend? Zusatzmaterial? Exklusives Material?
Den Kollaps nahe, hyperventilieren wir und können unser Glück kaum fassen, als wir die bittere Realität der niemals lügenden Seitenzahlen sehen. Sie haben es geteilt, zerissen in zwei Hälften. Sie erscheinen auch noch verzörgert... noch einmal warten, noch einmal leiden und mehr Geld ausgeben als gedacht. Warum nur? Verdammt, warum nur?
Die Antwort ist so banal und amerikanisch wie sie es sein kann. Kapitalismus hat das Ziel der Gewinnmaximierung. Da ist einem jedes Mittel recht und sei es das Zerfleischen von literarischen Werken, das unter Schmerzen zerschnittene Buch, welches auf einmal in zwei Teilen ist. Was einst eins war, ist nun für immer entzweit und prangt hinter unterschiedlichen Wänden.
Die Teilung von Romanen ist ein Phänomen des deutschen Literaturmarktes, deren Gründe fadenscheiniger nicht sein können. Was Verlage als Argumente liefern, wieso es nötig ist aus einem Buch, zwei Romane zu machen, lässt einen den Kopf schütteln und erzürnt das sonst ruhige Buchgemüt.
"Die Aufteilung auf zwei Romane war für den deutschen Markt günstiger." Wenn man den Blickwinkel betrachtet, stimmt das aus der Sicht der Verlage sehr wohl. Zwei Romane, für den gleichen Preis angeboten, die doppelte Einnahmen bedeuten, bei Kosten, die in ihrer Masse (aufgrund der doppelten produzierten Menge) auf das einzelne hergestellte Buch günstiger ist. Mehr Bücher, bedeutet größerer Rabatt, bedeutet verteilte Kosten, bedeutet unter dem Strich billigere Bücher, als wenn man es in einem Einzelnen herausbringt. Bei der Bindung kann gleich nochmals gespart werden! Dünne Bücher lassen sich kostengünstig zusammenpressen.
So verkehrt liegt also der Verlag gar nicht. Doppelte Einnahmen bei Reduzierung der Kosten? Ein wirtschaftlicher Traum! Ach, was freut sich der Ökonom über solche Mechanismen der Wirtschaft. Nur freut sich allein der, der oben an der Spitze steht. Der Einzelne, der Leser selbst, darf die Maschinere mit seinen Geldschein ausgleichen, bei gleichen Einnahmen und höheren Kosten. Irgendjemand muss schließlich die Differenz ausgleichen.
Wer jetzt denkt, ach, so etwas passiert so selten. Das ist doch nicht nennenswert! Ist es das? Öfter werden 800 Seiten Wälzer übersetzt und auf den deutschen Markt in Teile zersägt. Allen voran die beliebte "Black Dagger"-Reihe von J. R. Ward, die es im Deutschen auf stattliche 20 Bände und darüber hinaus geschafft hat, hat im amerikanischen Original die Hälfte. Wer mit Gegenargumenten ankommt, der darf gerne mal den Taschenrechner zücken und mitrechnen. Bücher mit den Seitenvolumen von 800 Seiten erscheinen für rund 10 €, Bücher mit gerademal 400 Seiten, exakt der Hälfte, meisten für den gleichen Preis, minimal einen einsamen, statistisch nicht relevanten Euro. Bei 20 Bänden macht das 200 € (20 mal 10 €) für die Reihe, die auch für 100 € (ursprünglich 10 mal 10 €) gekauft hätte werden können. Für den gleichen Inhalt. Ein Vorteil für den Nachfrager? Fehlanzeige. Ein Vorteil für den Anbieter? Aber ja doch!
Noch interessanter wird dieser Prozess im Jugendromanbereich. Hier reden wir nicht mehr von Taschenbüchern, die alle mit Klebebindung sind, sondern um gebundene Romane, die meistens nicht mal mehr gebunden sind, sondern Pappdeckel haben, die sich mit Klebstoff um die Seiten schmiegen. Der einzige Unterschied liegt dann nur noch in der Grammzahl der Seiten, und selbst das ist nicht garantiert. Und weil es doch so wundervoll "gebunden" ist, so ganz ohne zusätzliche Fäden, die die Lebensdauer und das Auseinanderflättern der Seiten verhindern könnten, wird der Preis einfach mal nach oben getrieben. Sagen wir mal 20 €, rein für das Auge, weil 19,99€ mir doch zu viel nach 19€ aussieht (willkommen in der psychologischen Preisführung). Ganz schön teuer für ein wenig Klebstoff und Papier, oder? Und die liebe Preisbindung schafft die Unvollkommenheit des Marktes, die es für einen solchen kapitalistischen Krieg braucht, dem Krieg auf den auf der einen Seite die Masse steht und auf der anderen Seite das Individuum. Ein Ungleichgewicht bei dem der Sieger schon bestimmt werden kann ohne je einen Tropfen Blut vergossen zu haben.
Die Jugend hat das Geld, sie sind ja die kaufstärkste Gruppe, sagt man, glaubt man, schreit die Werbeindustrie und spart sich Investionen ins Marketing. Wenn man dann noch spezielle Cover erwartet, für jeden einzelnen Band der Reihe individuell, kann weiter träumen gehen und sich wünschen, dass es so kommen wird. Im Gegenteil, meistens strahlt einem dasselbe Gesicht an, aus der selben Fotografie, mit Photoshop gepimpt und schnell mal umgefärbt. Sie müssen sich ja zumindest irgendwie unterscheiden! Und wenn's nur die Farbe ist, aber immerhin. Wie, dass ist unmöglich? Lauft mal das Regal ab, bleibt bei Veronica Rossi, Caragh O'Brien, Ilsa J. Bick und Carolin Liepins stehen. Gleiches Gesicht, anders gespiegelt, in einer anderen Position und doch so verdammt ähnlich. Könnte daran legen, dass sie einfach nach gleichen Prinzipien arbeiten! Gleichheit innerhalb der Reihe schafft Zugehörigkeit, aber ein bisschen mehr Kreativät (hier geht es um Literatur, um Kunst!) hat noch keinem Coverdesign geschadet. Meistens das Gegenteil, eher noch profitiert davon! Gemeinsame Akzente, Verbundenheit und Bindung innerhalb eines Zykluses schaffen? Sowas funktioniert, ohne die Kopie von der Kopie von der Kopie zu machen.

Als passionierter Fan bleibt man dann nur noch weinend stehen. Zerschnittene Werke, zerrumpfte Hoffnungen, die in den Tränen auf der Drückerschwärze enden, weil man vertröstet wird. Manchmal ist man nicht Leser, sondern Opfer und wie viel Mitsprache der Autor noch hat? Wer weiß das noch zu sagen. Er unterzeichnet einen Vertrag, liefert mit Herzblut und muss sich doch den Gesetzen des niederknieenden Marktes unterwerfen.
Was bleibt sind Enttäuschung und der Zwang weiter zu konsumieren. Das Ende scheint so nah und doch immer weiter entfernt, mit jedem dazwischengeschobenen Band, der nichts verlängert, sondern nur nach hinten schiebt. Wie ein Süchtling, der auf seine Zigarette nicht verzichten kann, kann der Leser nicht aufhören zu lesen bis er den Abschluss erreicht. Er rennt, die Seiten hinter sich herfliegend durch die Zeilen und kommt doch nie zum Ziel.
Egal wie hoch der Preis ist und wie leer die Geldbörse des Einzelnen. Kunst war schon immer gut und teuer, nur darf sie nicht zum Gut werden und dadurch teuer erkauft sein. Dann hört man auch öfter das Lesers Herz wieder schlagen statt zerspringen in seine Teile wie die Seiten, die aus dem Buchrücken zu Boden fallen, ungebunden, zerteilt, zerrissen und zerfleischt, untergegangen im Kapitalimus, der die Kunst verspeist hat.

Kommentare:

  1. Deine Kolumne gefällt mir richtig gut und ich lese sie immer wieder gerne!

    Bei Filmen hört man es ja öfters, dass besonders der letzte Teil einer Reihe aufgeteilt wird, einfach wegen des Profites. Bei Büchern ist mir das persönlich noch nicht unter gekommen.

    Worauf ich noch gar nicht so geachtet habe, ist das die Verlage ja wirklich bei sehr vielen Reihen einfach die gleichen Cover nehmen, die halt nur umgestaltet wurden. Es ist mir nie wirklich aufgefallen und wenn doch, dann fand ich es okay, weil man gleich auf den ersten Blick gesehen hat, dass die Bücher zusammengehören..

    Liebe Grüße
    Chianti

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    1. Das mit den Covern ist mir in dieser Hinsicht auch noch nicht so oft aufgefallen. Ich bemerke nur ab und an mal ein gleiches Gesicht auf zwei volkommen unterschiedlichen Büchern :o

      Bei Filmen finde ich das aber gar nicht so schlimm. Klar, die ziehen einen das Geld aus der Tasche aber dafür wird mehr von der Geschichte verarbeitet und es kommt nicht zu so massigen Kürzungen der Geschichte.

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  2. Faszination :)
    Ich liebe deine Art zu schreiben, du solltest Journalist werden, solche Themen liegen dir außerordentlich gut. Ein Hauch Sarkasmus umspielt die Wahrheit und macht das Lesen aufregend und ich konnte die ganze Zeit nur nicken oder schmunzeln.

    Es ist eine Frechheit was die Verlage da machen, man hat es jetzt ja wieder bei "Ashes" gesehen. Leserfreundlich ist das schon lange nicht mehr, was eigentlich schade ist. Die Leser können aber nicht einfach so abspringen, wenn man wissen will, wie es weitergeht ist man dazu gezwungen die beiden Teile zu kaufen. Man könnte noch auf die Originalbücher umschwingen aber ich lese z. B. lieber die deutschen, als die englischen Bücher. *seufz*

    Liebe Grüße
    Franzi :*

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  3. Das Teilen der Bücher ist tatsächlich ein Phänomen...ich denke aber nicht, dass es zwangsläufig nur ein deutsches ist bzw. eines, dass nur bei übersetzten Büchern aufkommt. Nur bei Originalen merkt man es vielleicht nicht. Da machen Autor und Verlag eben hinten rum aus einer Story, die nur für einen Band reicht, eine Trilogie. Im Deutschen beispielsweise die Edelstein-Trilogie, im englischen eindeutig "House of Night".
    Und auch bei Filmen merkt man, dass auch der amerikanische Markt die Gewinnoptimierung durch Teilen beherrscht.

    Bei den Preisen habe ich auch schon von vielen Bloggern Lobhymnen auf die "Qualität" der gebundenen Bücher gelesen, die sich mit dicken Seiten und großen Schriften einen gewissen Umfang erschummeln. Dabei bleibt es beklebte Pappe und Papier und gerade bei den Jugendbüchern empfinde ich das oft als überteuert und kaufe nur selten. Aber natürlich gehöre ich auch nicht mehr zur kaufstarken Taschengeld-Fraktion. Wer eine Wohnung und sich selbst zu versorgen hat, sieht 15-20 Euro für 3-4 Stunden Lesevergnügen und ein bisschen Regaldeko in einem anderen Licht. So ging es mir zumindest, denn früher habe ich tatsächlich öfter mal gekauf...

    Insgesamt wieder sehr schön zusammengefasst von dir.

    LG

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    1. Ich muss sagen, früher habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht. Je älter ich werde, desto mehr schaue ich auf meinen Geldbeutel und ich gehe immer wieder den Weg, dass ich gebraucht kaufe. Was nutzt mir ein dekoratives Buch, wenn ich dafür so viel zahlen muss? Lieber den Lesespaß für kleineres Geld, egal ob Gebrauchtware oder Mängelexemplar (und man sieht teilweise nicht mal eine Gebrauchsspur. Und wenn schon... wen kümmert es). Und die besten Angebote (und Bücher) hab ich eh in Antiquariaten gefunden... auch wenn die Bücher schon ihr Leben fast verwirkt hatten.

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  4. Als ich neulich auf die Königsmörder-Chronik von Patrick Rothfuss stieß, bemerkte ich auch diesen Zustand. Band 2 wurde im deutschen ebenfalls in 2Teile gespalten und kostet dementsprechend mehr (mehr als doppelt soviel). Ich finde es teilweise sehr unverschämt, welch Preise die deutschen Verlage für Bücher nehmen. Das steht in keinem Verhältnis mehr. Da greife ich doch lieber zur engl. Originalversion und "quäle" mich für den sehr viel günstigeren Preis durch die Seiten und kann es dann sogar komplett wegschmöckern.

    Ich finde deine "zerissenen Seiten" wirklich toll. Ich habe sie wieder sehr gerne gelesen.

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  5. Wie wahr! Und wie erschreckend, denn die Verlage kommen damit ja auch durch - klar, können sie sich von ein paar die Beschwerden anhören, aber dennoch machen sie was sie wollen und es gibt immer noch genug, die die Bücher (gezwungenermaßen) trotzdem kaufen :(

    Grade bei solchen Fällen finde ich es zum einen schon ne Frechheit die Bücher aufzuteilen, auch wenn sie das mit irgendwelchen Gründen rechtfertigen wollen. Noch schlimmer finde ich aber, dass da wahllos mittendrin abgebrochen wird und als Leser steht man wie ein begossener Pudel da ^^ Wenn das Teilen schon sein 'muss', dann fände ich es schöner, wenn die Verlage ihren Lesern entgegen kommen und den Preis für das einzelne Buch auch senken und die Erscheinungsdaten nicht so auseinander reißen - das ist nämlich reine Ärgerei und diese Wünsche bleiben wohl ein Traum.

    Schade, dass die Verlage damit tatsächlich durchkommen :(
    Liebe Grüße, Melanie

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  6. Bei Ashes is es ja so krass. Der letzte Teil der "Trilogie" wird auseinandergerissen in 2 Bücher für fast 20 Euro. D. h. 40 Euro für "ein" Buch - wenn man das mit dem Englischen vergleicht, da kostet ja schon ein Buch weniger als ein Deutsches. Wirklich krass. Und das Beste is ja noch der Grund! Der Kleber des Verlages kann kein so dickes Buch halten, deshalb die Teilung. Unfähigkeit Bücher binden zu können??
    Das mit den selben Covern finde ich einerseits gut, andererseits total daneben. Bei Caragh O'Briens Bücher zB finde ich es ok, da man dann erkennt, dass die Bücher zusammengehören (finde ich bei anderen Trilogien auch nicht schlimm). Nur schade finde ich, dass sie dann so ein Cover gewählt haben, das nichts mit der Geschichte zu tun hat und sich auf jedem x-belieben Buch befinden könnte. Es gibt aber auch Personen (insbesondere Mädchen) auf Covern, die immer wieder verwendet werden, mit anderem Hintergrund und anderer Haarfarbe auf total unterschiedlichen Büchern, die nichts miteinader zu tun haben. Ich finde, dass jedes Buch (das nicht zugehörig zu einem anderen ist) sein eigenständiges Cover haben sollte. So viel Kreativität und Geld für Gestalter sollte der Verlag schon aufbringen.
    Wie immer hast du es in einem super Artikel sehr gut auf den Punkt gebracht.

    lg. Tine =)

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  7. Ja, als normaler Leser und Käufer hat man es wirklich nicht leicht. Besonders wenn man die Preispolitik bei Büchern an schaut und vor allem die Masse ..nicht immer auch Klasse ..mit der, der Leser/Käufer zu geschüttet wird.

    Manchmal frage ich mich schon, kannst nicht mal ein bißchen weniger sein? Wer soll die Neuerscheinungen, denn jeden Monat kaufen....

    Klar haben die Jugendlich sehr viel an Geld, aber ob das auch immer nur für Bücher verwendet wird, halte ich noch für sehr fraglich oder?

    Es gibt so viele Leute mit WuLi. Kein Wunder, dass den Verlagen da jedes Mittel recht ist um zu tricksen oder?

    Danke, Christian mal wieder für diese aufgreifen eines interessanten Themas.

    LG..Karin...

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  8. Eine (wie immer) grandiose Kolumne, die alle Lesergedanken vereint und der eigentlich nichts hinzuzufügen wäre außer: Und wer schickt den Artikel mal als Rundmail an die Verlage raus? Wirklich lobenswert, toll.

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