Zerrissene Seiten: Der unbändige Briefkasten eines Bloggers

30 Juni 2013 |

Kein Tag vergeht mehr ohne eine weitere E-Mail eines Autoren, eines Verlages, eines Fans. Euphorisch, begeistert oder einfach nur zu nett um wahr zu sein. Manchmal abscheulich, hasstriefend, an der Psyche des Lesers rüttelnd. Der Briefkasten füllt sich mit Leseproben, Büchern und Briefen. Liebevoll verpackt mit kleinen Präsenten... Tee, Gummibärchen, Schokolade. Und die Lektüre für das Abendprogramm. Unglaublich wie liebevoll Menschen sein können.

Würden sie gerne rezensieren? Hätten sie Zeit einen Blick über mein Manuskript zu werfen? Hätte mein Buch vielleicht einen Platz auf ihren bescheidenen Buchblog? Aber ja, aber ja!
Irgendwie ist das Erfolg. Man ist so bedeutend, dass sogar Online-Magazine schon nach Interviews fragten. Man ist Ratgebern verewigt werden soll. Man ist auf einmal nicht mehr das kleine Bloggerlicht, sondern einer der sich aus der Masse hervorgehoben hat. Jemand, der vielleicht sogar ein wenig Belang hat. Selbst, wenn es nur ein kleines Stück auf der Tribüne der Kritiker ist, selbst wenn man in der letzten Reihe steht, ist man schon auf der Gästeliste gelandet. Und allein der Name zählt.
Als dieser Blog begonnen hat, wusste ich nicht, welche Wege er noch gehen würde. Es war eine Laune. Wollte nur so sein wie viele andere auch. Meiner Leidenschaft zu Lesen mehr Raum geben. Es war ein kleines Hobby mit denen dann auch die Möglichkeit bestand, Bücher zu präsentieren, zu zelebrieren und dann sogar zu rezensieren. Einfach ein Platz für meine Persönlichkeit und meiner tiefsten Passion.
Mein erstes Rezesionsexemplar war für mich wie das größte Geschenk auf Erden. Sie haben mir es geschickt, damit ICH es rezensiere? Das war nicht mehr nur Stolz, darin schwamm innerliche Ehre, steigendes Selbstbewusstsein und der Enthusiasmus sich zu vergrößern. Besser zu werden. Und der Wille den Autor sogar mit der Rezension sprachlich zu übertrumpfen.
Die erste Rezension, heute gelesen aus Distanz und dem professionellen Blick eines erfahrenen Rezensanten, wirkt wie der infantile Versuch etwas zu beschreiben, was man nicht in Worte fassen konnte. Es klingt behäbig, mechanisch und die Sätze hatten noch wenig Reife. Es war spannend, es hat mich unterhalten, die Charaktere waren liebenswert und die Handlung selbst hatte ihren Höhepunkt, der einen mitriss. Wenn es alle diese Punkte ein wenig anschnitt war das schon große Kunst für mich. Eine Rezension zu schreiben war ein Kampf und eine Herausforderung: Man wollte objektiv sein, subjektiv sein und die Waage zwischen Kritik und Ehrung finden. Tatsächlich stand man eher zwischen plumben Wörtern und den nicht gekonnten Können auszudrücken, was einen störte oder vielleicht behagte.
Doch mit jeder Kritik wurde die Sprache ausgefeilter, das Gefühl für Bücher immer besser und irgendwann starrte einen sogar der Deutschlehrer vor lauter Überraschung an, dass der Stil so journalistisch geworden ist, so fortgeschritten gegenüber dem, was man von einem Abiturienten verlangt. Ob man bei einer Zeitung mitschreibe? Woher dieses Sprachgefühl kam, dieser Feinsinn für die Zwischentöne von literarischen Texten. Die Optik und das Auftreten änderte sich: Was nach vielen anderen aussah und mehr Stumperei eines Anfängers war, wurde schön gemacht. Was opulent und ktischig wirkte, wurde ausgemerzt und die Spielereien nahmen immer mehr zu. Man traf sich designtechnisch bei einem Grad aus innerer Leidenschaft und Professionalität, der vorher durch schlecht gemachte Grafiken und aus dilettantischer Passion beherrscht wurde. Alles wurde besser, bekam neue Nuancen und irgendwann war das, was mal ein kleiner Blog war, einen Website eines Kritkers geworden, der sich mit der Literatur auseinandersetzt. Ernsthaft der Welt des Buches Platz gab: Ökonomisch, philosophisch oder völlig anders. Wenn ich mir die Entwicklung immer wieder ansehe, bin ich heute noch erstaunt, was ich geschaffen habe. Was aus meinen kleinen Blog geworden ist, bei dem ich bei jedem neuen Leser fast Tränen in den Augen hatte.

Was aber einst nur ein Hobby war, verkam langsam zum Beruf. Die Berufung wurde zum Sklaventum. Die Zweifel wuchsen, der Druck immer höher. Nur ein kleiner Bericht, noch ein Kolumnenbeitrag, noch eine Rezension, noch eine Aktion, noch ein Gewinnspiel. Die Rezensionsstapel wuchsen, die eigens gekauften Bücher wurden immer mehr und blieben ungelesen im Regal zu Türmen gebaut. Irgendwann war man Lesemaschine, nebst Schülertum und Leistungsdruck. Ich kann das, sagt man sich, während man in die Tasten tippt, die Seminararbeit ausarbeitet und gleichzeitig das Design verändert um nicht eintönig zu wirken.
Schon wieder ist es Nacht. Morgen wird der Wecker mich wieder wecken. Schlaf... Da war noch ein Telefonat mit dem Unternehmen über das ich für die Schule schreibe. Da war doch noch eine Klausur. Der Beitrag für den Blog ist noch nicht korrigiert. Wieder eine schlaflose Nacht, in der nichts mehr bleibt außer der Beruf und die Schule.
Mit dem Erfolg kamen auch die Kritiker. Der, der bewertet, wird auf einmal evaluiert.
Der Blog ist ein schlechter Versuch eines Deutsch-LKlers (den ich niemals hatte) mittelmäßige Literatur zu bewerten. Der Roman war genial, doch meine Unfähigkeit die Schönheit zu begreifen, zerstört seine Aussage in seinem tiefsten Kern. Er dürfe sich nicht einmal Literaturblog nennen, denn hier wird keine Literatur bewertet, sondern schlechte Kunst, die ein Kleingeist versucht zu verstehen.
Die Sätze trafen einen tief. Anfangs denkt man noch an Neid, dann vielleicht an zynische, aber ehrlich gemeinte, Kritik und irgendwann glaubt man ihnen einfach. Das eigene Werk ist doch nichts wert, weil es den Wert des bewerteten Gegestands nicht zurückgeben kann.
Die Augenringe werden Schluchten, das Lesen zur Qual. Der Weg zwischen Bett und Schreibtisch nur noch aus Fragmenten bestehend. Da ist die Finanzierung erklärt, hier noch ein Konzept für ein Design, da Notizen für die nächste Rezension. Spitzt da nicht noch Geschichte hervor? Ach, das ist Sozialkunde... postdemokratische Zustände wie in der Dystopie, die ich noch lesen muss. Versteckt sich nicht irgendwo ein CCTV Artikel für den Englischunterricht?
Was bleibt ist irgendwann der Tränenvorhang und der Wunsch, alles wäre geschafft. Der Blog einfach zerstört und niemand könnte mehr hinsehen. Oft hängt der Finger über dem großen roten X, das einen erlöst. X für Exit. Und man tut es dennoch nicht, weil zu viel Herz daran hängt.
Derweil fluten alle den Briefkasten, alle wollen etwas von dir. Der Postbote ist schon mit einen per Du, die Nachbarn sieht man täglich beim Abholen von Paketen. Überall wachsen die Stapel in die Höhe und schwanken in der Windstille, die sich in und um einen verbreitet.
ÜBERRASCHUNGPOST! Und man denkt nur... nicht schon wieder. NEUZUGANG! Und man hofft, es ist kurz. DER NEUE BESTSELLER! Ist wohl der Roman, den ich wohl rezensieren muss... es macht ja jeder, ich muss der Erste sein! Wer zuerst rezensiert gibt die Meinung vor für alle Anderen. Wer will noch den Nachruf, wenn er den Leitartikel lesen konnte? Die Zeit, die Zeit... sie soll mir huldig sein.
Da ist ein Rechtschreibfehler in der gerade veröffentlichten Rezension. Die Grammatik klingt schief. Beides waren noch nie meine Stärken. Dativ oder Akkusativ? Alles irgendwie gleich. Überarbeituug... der Blog hat es nötig, schreit danach. Und der Körper spürt sie, die Überarbeitung. Die Grenzen überschritten, landet man nun auf dem Asphalt des Erfolges. Das Gesicht voran und es bleiben nur die Abdrücke der Tastatur, die sich ins Fleisch schneiden. Man verschließt alles, ignoriert alles... der Fehler war der Schlussstrich und die Erkenntnis. Keine Zeit mehr... Logout!
Man entzieht sich der Berufung, die zum Job verkommen ist und konzentriert sich auf das Wichtige. Da waren noch Noten, die meine Zukunft besiegeln, da waren noch Freunde, die mit mir feiern wollen. Mitten im letzten Satz des Beitrages hört man auf und schileßt die Anwendung...

Und dann wird alles still. Für eine gewisse Zeit. Was man liest, ist nur aus Automatismus, weil man es noch nie ausgehalten hat, nicht nicht zu lesen. Kein Leseexemplar, kein Indie-Autorenwerk. Nur das, was einen gerade anlacht.

Motivation? Wo bist du?
Leidenschaft? Wie heißt du?

Die Frage stellt man sich, wenn sich der Kopf aus der Apathie befreit, die er sich zum Schutz auferlegt hat. Die Noten abgeliefert, die Lektüren in der Schule geschafft - eine Bewertung nie dazu geschrieben, obwohl von allen verlangt. Es war alles egal.
Der Stapel der Bücher, die schon längst gelesen hätten werden sollen, längst rezensiert und auf dem Blog gehypt sein sollten, sieht einen an. Man sieht das Chaos, das überall verstreut liegt, dem man entflohen ist und lächelt. Die Kette wurde einfach gesprengt und der Schreibtisch war wieder ein Hobby, nicht nur ein Beruf. Das Postfach quillt über, virtuell wie real. Aber es ist alles egal. Denn die Grenzen und Zügel sind gelegt. Es liegt alles in meiner Hand.
Diesmal werde ich es schaffen, nämlich nur das, was schaffbar ist. Und das verbleibt, wofür der Blog einst stand: Literatur. Meine Passion auf meinen Blog. Und nicht das Unternehmen, das zur Beurteilungsmaschine geworden ist.

Kommentare:

  1. Wow, was ein toller Artikel! Ich bin ganz hin- und weg :)

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  2. Hey! Das geschriebene Wort ist deines, das merkt man und frau und es erfüllt dich und umhüllt dich. Ich wünsche mir für dich, dass du lernst gut zu dir zu sein. Dass du erkennst wann du dich abgrenzen musst, dass du lernst auf dich zu hören.

    Ich lese genau zu dieser Thematik in der letzten Zeit sooo viele Beiträge auf vielen vielen Blogs und es tut mir leid, dass wir alle (ja mir ist es in Ansätzen auch schon passiert) uns drücken lassen und uns knechten lassen.

    Ich wünsch dir einen schönen Sonntag, alles Liebe!
    Erika

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  3. Hallo Christian,

    ein wirklich schön geschriebener Text und man kann es zum Teil sehr gut nachvollziehen, weil es uns ja meist nicht anders geht oder auch ging. :-)

    Aber als Bloggerkollegin darf ich sicher so ehrlich sein und dir nochmal vorschlagen, das du deinen Text vielleicht noch einmal in Ruhe durchliest. Du nutzt schöne und große Worte aber an vielen Stellen haben sich doch Schusselfehler (?) eingeschlichen, die, meiner Meinung nach, doch schon auffallen. Den anderen Lesern vielleicht nicht oder sie trauen sich nicht, es zu erwähnen :-P

    Nimm es mir nicht übel. Aber an sich ist das Geschriebene ein guter Ausdruck dessen, was du denkst...was wir denken :-)

    LG Scatty

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    1. Danke für die Aufmerksamkeit. War ganz überrascht, was sich da noch an Fehlern eingeschlichen hat... man kann zigmal korrigieren und trotzdem ist irgendetwas noch zu finden.

      Ich hoffe, es sind jetzt alle Schnitzer draußen.

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    2. Soweit ich das lesen kann, sind alle Fehlerchen nun ausgemerzt^^.

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  4. Genialer Text! Natürlich freut man sich, dass man die Bücher lesen darf, dass sich Leute für die eigene Meinung interessieren. Aber wenn es zu viel wird, artet es in Stress aus, man bekommt ein schlechtes Gewissen.
    Ich finde es total faszinierend, wie genial du dich ausdrücken kannst. Mal verglichen mit dem, was ich gerade geschrieben habe... toll!
    (Es heißt wohl DIE Optik, nicht das.)

    Liebe Grüße

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    1. Was für ein Lob! Und danke für den Fehler ;) Gleich mal korrigiert.

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