Rezension: LOG OUT! von Oliver Uschmann und Sylvia Witt

06 Juli 2013 |

Zum Buch

Verlag: script5
Format: Klappenbroschur
Seiten. 344
ISBN  978-3-839-00129-5
Preis: 12,95 €

Gehypter Aussteigertrip
im Netz

Das Abitur hinter die Bühne gebracht, trennen sich die Wege von Paul und Benjamin. Früher hatten sie Wettbewerbe geführt, sich in sportlichen Wettkämpfen immer schlagen wollen, sind durch die Welt gereist, alles gemeinsam. Doch Benjamin verschwindet nach Bamberg für sein Germanistikstudium. Paul bleibt zurück mit zu viel Zeit und ohne Antworten seines Freundes. Auf E-Mails reagiert er nicht und auch sonst gibt es keine Nachrichten von ihm. Die einzigen Freunde, die ihm geblieben sind, sind die Ermittler von Navy CIS, seinen geheimen Lebensretter und sein Nachbar, der sich nicht mit der Trennung von seiner Freundin abfinden kann.
Zu diesem Zeipunkt beschließt Paul, es muss sich in etwas in seinem Leben änern. Er verkauft seine Sachen bei eBay und flüchtet in die freie Wildnis und begegnet einen hilflos und verirrten Mediengiganten, der ihm das Angebot seines Lebens macht. Er sollte einen Blog über Survival führen und er wird ihn dabei unterstützen. Aus der Idee wird eine Experiment: Wie überlebt man heute, wenn man kein Geld besitzt und wie schlägt man sich durch? Seinen ersten Blogeintrag krönt er mit einen Film über seinen abtauenden Kühlschrank und der Blogeintrag verteilt sich wie ein Lauffeuer. Täglich steigen die Klickzahlen und jeder liest mit. Jeder will ein Stück vom Paul, dem Künstler, dem Survivaltypen, der sich wagt, in geldregierenden Zeiten den Ausstieg zu wagen. Mit der medialen Aufmerksamkeit steigen auch die Sorgen und die Probleme. Und nur Retrogirl18, die seine Sachen bei eBay gekauft hat und mit ihm in Kontakt bleibt, gibt ihm Hoffnung sein Experiment durchzuziehen und das Gefühl, etwas richtiges zu tun.

Oliver Uschmann und Sylvia Witt haben in ihren Roman persönliche Erlebnisse verarbeitet. Uschmann hat ausgetestet wie es ist im Wald zu leben ohne etwas zu besitzen, während seine Frau Sylvia Witt versuchte mit außergewöhnlichen Geschichten den Hausstand an den Käufer zu bringen. Durch diese Erfahrungen entstand "LOG OUT!", eine Mediensatire voller außergewöhnlicher Charaktere, Witz und Charme, die die heutige Medienlandschaft und Internetgesellschaft auf's Korn nimmt.
In "LOG OUT!" spiegelt sich unsere von den Medien beeinflusste Gesellschaft. So hat Paul mit "Hatern" auf seinen Blog zu kämpfen, die sich immer gegen ihn auflehnen. Begegnet Zeitungen und merkt die Macht der Printmedien und ihren Einfluss auf ihn selbst. Er verfängt sich im medialen Wahnsinn und findet aus ihm nur noch schwerlich heraus. Geliebt, gehasst, gehypt, vergöttert und ausgenutzt. Dabei lässt Uschmann und Witt nichts aus. Von der BILD-Zeitung bis "Die Zeit" nimmt er sie alle auf die Schippe und schafft es die Unterschiede der einzelnen Blätter hervorzuheben. Der stetige Erfolg, der aus dem Nichts kam, und das Interesse der Medien sich auf jeden Strohhalm zu stürzen wird von den Autoren mit bitterböser Wahrheit dargestellt und verhöhnt. Ein Jeder will sein Stück vom Kuchen abhaben, egal in welcher Form und wie die Dinge von ihnen dargestellt wird. Die Funktionsweise der Medien wird aufgeklärt und wie aus einem Satz drei unterschiedliche Meinungen gebildet werden. Paul ist Künstler, Provokateur und gleichzeitig ein Genie. Und ist dabei doch nur ein einfacher junger Mann, der auf der Suche nach seinem eigenen Leben ist.
Oft liest sich die Geschichte wie eine waschechte Satire mit überzeichneten Charakteren, die Repräsentanten einer ganzen Gruppe sind. Der verlassene Mittdreißiger trifft auf den Jugendlichen mit Selbstfindung auf eine Generation in Problemvierteln und begeisterten christlichen Anhängern. Für jede Grupperierung ist Platz, sogar Aktivisten finden ihrem Raum in dem von Übertreibung triefenden Werk. Jeder bekommt eine abgewatscht, dass sie blind und stoisch irgendwelchen Trends folgen, die ihnen die Welt auferlegt. Der Mittdreißiger flüchtet sich in eine nicht vorhandene Freiheit und den Trennungsschmerz. Im Problemviertel trifft Verzweiflung und Härte des Lebens auf provozierende Charaktere und Leute abseits der Norm. Und alle machen etwas, was ihnen als Rolle auferlegt wurde. So, wie sie die Medien darstellen.
Und neben dieser heutigen Problematik, stellen Oliver Uschmann und Sylvia Witt die gefährliche Anonymität des Netzes da, indem jeder teilhaben kann und alle gleichzeitig zu dem Hippen gehören wollen. Seien es die sogenannten "Hater", die immer nur schlechtes zu berichten haben, oder die wahre Persönlichkeit hinter dem Nutzernamen. Nichts bleibt verschont und jeder scheint sich selbst der Nächste. Die Hetzjagd ist eröffnet und das Internet der Austragungsort.
Der vom Sarkasmus beeinflusste Schreibstil macht die Satire perfekt. Oftmals einfach ehrlich und unverkrampft, spielen die Autoren gar nicht mit den Stilmitteln herum, sondern bringen die Dinge auf den Punkt. Es bleiben Platz für Lacher, durch markante Sätze und prägnante Aussagen. Und trotz allem versteckt sich der Ernst hinter dem Sarkasmus. Die Übertreibung findet sich auch in ihnen wieder, so wie auch die fast schon karikaturartigen Charaktere ihre Einzigartigkeit besitzen, hat auch der Roman seinen eigenen Stil, der unterhält, kritisiert und gleichzeitig fordert.
Mit Überraschungen wird nicht gespart und so bleibt hinter jeder Seite eine neue Erkenntnis und man merkt wie das kleine Projekt zu einer medialen Sensation wird, die zu eskalieren beginnt. Die Handlung verspricht immer wiede neue Wendungen bis zur letzten Seite, auf der man nur noch lachen kann. Sei es aus absolutem Staunen oder Absurdität.
Denn bei der ganzen Übertreibung hat der Roman die Probleme sie noch auf realen Boden zu halten. Manches wirkt zu weit hergeholt um noch witzig überzeichnet zu sein, sondern es ist fast schon lächerlich. Die Zufälle sind viel zu konstruiert und schaden dem Konstrukt. Außerdem finden sich immer wieder Längen und luftleere Räume, die dem Roman eher schaden als ihn verbessern. Manchmal ist die Mediensatire an ihrem eigenen Sarkasmus gescheitert und wollte zuviel, wo weniger angebracht gewesen wäre.

Fazit

"LOG OUT!" ist ein interessanter Roman, der sich  mit der heutigen Medienwelt beschäftigt. Satirisch, bissig, unterhaltsam und wunderbar überzeichnet, erzählen Oliver Uschmann und Sylvia Witt die Geschichte eines Bloggers, der sich im medialen Wahnsinn verfängt. Spannend, amüsant und vor allem ehrlich. Medienkritik in sarkastischer und teilweiser bitterböser Form. Lesenswert!

★★★★☆

Kommentare:

  1. Das Buch klingt wirklich gut, es ist gleich mal auf meine Wunschliste gewandert :)

    AntwortenLöschen
  2. Okay, das klingt nach etwas, das mir gefallen könnte. Ab und an bin ich ja doch für Literatur abseits der Fantasy und Science Fiction zu haben. Das Einzige, was mich ein wenig irritieren könnte, ist, dass der Protagonist heißt wie mein Freund ^^

    AntwortenLöschen
  3. Uh, Bücher, die sich mit dem Phänomen Internet beschäftigen, interessieren mich immer sehr. Ich glaube, da muss ich mal wieder bei meinem Händler vorbei schauen. Danke für die Rezension. :)

    AntwortenLöschen