Zerrissene Seiten: Über Schundliteraten und kritische Hochliteratur

07 Juli 2013 |

Was macht die Literatur aus? Ist ihr alleiniger Zweck die Bildung von Meinung, die Bildung selbst, die Erziehung der Menschheit und das Wachrütteln des tiefschlafenden Revolutionären, der sich gegen die Autorität erheben soll? Ist es ein Abbild einer Kultur oder gar die Darstellung einer Subkultur, die wir so nicht kennen? Ist es Aufgabe der Literatur zu erklären, zu erläutern um den Menschen zu missionieren?
Zeichnet sich Literatur nur dadurch aus, dass sie klassisch ist, geschrieben worden ist von großen Künstler, Lyrikern und Poeten? Ist ein Goethe mehr wert als eine Meyer, nur weil der eine moralische Stücke schrieb, während die andere einen Welterfolg mit ihrer Vampirsaga erlangte?
Nein, ihre Ziele und Motive waren unterschiedlich. Goethe war schon immer jemand, der der Überzeugung war Kunst könne als erzieherisches Mittel dienen. Kunst ist eine Waffe, die man gegen den Menschen richten kann und gleichzeitig die Euphorie für eine Sache zu steigern. Leute einfach zu verhöhnen oder sie zu karikarieren, satirisch abzulichten um ihren schlechten Charakter hervorzuheben. Das kann die Kunst, es ist ein Teilbereich von ihr und sie wird als solche oftmals gesehen. Ihr Weg ist die Verbesserung der Welt durch die Schönheit, den Ekel und ihre Darstellungsweise. Sie soll den Menschen an der Hand führen und Richtung Erkenntnis führen.
So sagt man es, so lernt man es in der Schule. Doch die meisten Autoren, die heute als Klassiker der deutschen Literatur hochstilisiert werden und deren Genialität in ihren Werken zu finden ist, fingen mal an, als Autoren der Unterhaltungsliteratur. "Der Sandmann" von E.T.A Hoffmann, als Kunstmärchen heute betitelt, war nicht anderes als ein Psychothriller heutzutage. Die Feier seiner Person kam später, wurde von Germanisten erkannt, die sich mit den Text beschäftigten und Muster feststellten die neu waren. Ein Meisterwerk, hieß es im Nachhinein! Eine Pflichtlektüre! Ein Abbild von Wahnsinn und der Ängsten der damaligen Zeit. Zu den Lebetagen Hoffmanns war es nichts anderes als eine spannende Lektüre und kein Werk voller großartiger Wortkunst, die den Geist im wahrsten Sinne begeistert.
Wer sagt, dass in der heutigen Unterhaltungsliteratur so etwas nicht möglich sei? Wer sagt mir, dass J K Rowlings "Harry Potter" nicht das Zeug zu einen Klassiker hat? Jetzt wird wahrscheinlich geschrien, dass "Harry Potter" nur eine Fantasygeschichte ist, gut für zwischendurch, ohne tiefgehenden Sinn. Ist das so? Ich behaupte nicht. In Harry Potter spiegeln sich Mechanismen des Nationalsozialismus und der Autorin ist es gelungen eine in sich geschaffene Welt zu gestalten, die sie mit der Realität verknüpft, mit vielen Details und immer wieder überraschenden Erkenntnissen. In ihrer Welt gibt es versteckte Homosexualität, Doppeldeutigkeit und vor allem, die Ansicht, dass der Wechsel von der einen zur anderen Seite immer möglich erscheint. Es stellen sich moralische Fragen, Fragen der Erziehung, Gedanken der Einsamkeit in einem Epos, der sich in eine magische Welt inszeniert. Freundschaft bedeutet alles, Zusammenhalt ist der Schlüssel zum Erfolg.
Platte Botschaften? Herausgequetscht aus dem bisschen Essenz, die der Roman bietet? Wohl eher nicht. Was oft als Trivialliteratur verschrien ist, was von Lesern der höchsten literarischen Werke von Günther Grass und seinen Kollegen abgewunken wird, da es zu wenig ist, nicht Aufklärerisches hat, sprachlich viel zu plumb für den hohen Geist ist, ist vielleicht doch viel mehr als nur das. Wer sagt, dass hohe Literatur eine Botschaft hat? Vielleicht wird in die Kunst zu viel interpretiert?
Die heutigen Dystopien haben genauso bestand wie die literarischen Vorbilder von George Orwell oder Aldous Huxley. Ein Fantasyepos kann eine Dramaturgie entwickeln, die ein Theaterstück niemals auf die Bühne bringt. Ein Thriller kann oftmals mehr Tiefgang haben, als Kafka es jemals über seine Schachtelsätze hinaus geschafft hat.
Die Literaturwissenschaftler werden jetzt über mich herfallen, die Foliantensammler, die die Erstauflagen ihrer geliebten klassischen Autoren an ihre Brust klammern, werden die Nase rumpfen und sogar "Pöbel" plärren, weil sie sich der Postmoderne verweigern. Ist ein Arthur Schnitzler nichts anderes als ein Sebastian Fitzek, der mit der Psyche des Lesers oder seiner Hauptfigur spielt?
Jane Austen war zu ihrer Zeit nichts anderes als eine Liebenromanautorin und wird heute von anglistischen Anhängern klassischer Literatur geradezu vergöttert. Die Welt sieht in ihren Werken das Abbild einer Gesellschaft und Zeit, die wir so nicht kannten. Manchmal könnte man dazu auch plakativer Kitsch sagen, der den Zeitgeist seiner Epoche einfängt.

Es ist wie immer mit der Kunst. Sie hat immer andere Maßstäbe. Der eine macht Kunst um die Welt zu verbessern, der andere, damit sie schön anzusehen ist. Der Literatur geht es ähnlich. Der eine bevorzugt Werke voller aufklärerischen Elan, während sich der andere nur unterhalten fühlen will.
Aber misst sich wahre Literatur nur an dem, was uns bildet?
Macht hohe Sprache und Spielereien die Kunst aus?
Ist sprachlicher Purismus das Gegenteil von Kunst?
Jeder sieht es anders mit dem Schaffen. Für den einen ist eine "Fettecke" (man nehme Butter und klatsche sie in eine obere Ecke, dass nennt man Kunst) ein wahres Meisterwerk, für den anderen einfach nur Schund. Die literaturbegeisterte junge Frau freut sich über einen Roman über die Liebe und blättert in ihm stundenlang und vergisst ihre Sorgen.
Der literaturbgeisterte junge Herr freut sich über einen Roman über einen Tod und blättert in ihm stundenlang und vergisst die Welt.
Die angehenden Literaturwissenschaftler lesen Kafka und blättern darin tagelang und verlieben sich in die Kunst.

Die Subjektivität zerstört die Objektivität und bereichert sie doch um so viele Elemente.
Die Frau liest vielleicht sogar Thriller und begeistert sich für Kafka und findet doch in ihrem Liebesroman das Leben selbst wieder.
Der Herr mag Romane über die Liebe und bekommt von Jane Austen nicht genug, würde es aber niemals zugeben.
Die Literaturwissenschaftler lesen Trashliteratur und sehen in ihr genauso viel Kunst wie in ihrem Kafka.

Gibt es dann überhaupt so etwas sie Schund- oder Hochliteratur? Fest definierte Worte?
Sie sind definiert, aber jeder legt die Maßstäbe selbst. Denn wir sind alle Leser und lesen nur das, was wir mögen. Genauso wie wir nur das ansehen, was mir mögen und betrachten wollen, was wir als Kunst bewerten. Egal, ob einfach geschrieben, hochtrabend phrasiert oder komplett anders, vollkommen weg von jeglichen Normen. Jedes Individuum hegt eigene Interessen, möchte unterhalten, gebildet oder gar geführt werden. Und so will es die Literatur: Sie unterhaltet, bildet oder führt uns. Aber sie zwingt uns nicht die Wahl zu treffen, was schlecht oder gut ist. Denn die trifft nicht das Werk, sondern der Leser. Unabhängig davon, ob ein Experimentalfilmliebhaber kitschige Liebesromane liest und der Goetheanbeter Actionfilme guckt. Warum also darüber streiten?

1 Kommentar:

  1. Schön geschrieben! Das trifft es auf den Punkt. :)

    Für mich ist Harry Potter jetzt schon ein Klassiker, und ich weiß, dass ich da nicht nur für mich allein spreche. <3

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