Rezension: Gone Girl - Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

19 September 2013 |

Zum Buch

Originaltitel: Gone Girl
Format: Klappenbroschur
Verlag: Scherz
Seiten: 576
ISBN 978-3-502-10222-9
Preis: 16,99 €

Meine Frau ist verschwunden

Die Dunnes hatten bisher die Sonnenseite des Lebens genossen. In New York haben sich Nick und Amy kennengelernt. Er, ein erfolgreicher Journalist, sie, eine Tochter zweier berühmter Autoren, haben zueinander gefunden, sich verliebt und lebten ein harmonisches, von Glück geprägtes, Leben. Doch die Printmedien werfen so gut wie alles raus um Kosten zu sparen, der Verkauf der "Amazing Amy"-Bücher von Amys Eltern läuft nicht mehr so wie früher und das Geld wird immer knapper.
Als dann auch noch Nicks Mutter an Krebs erkrankt, beschließen sie nach Missouri zu ziehen, dort wo seine Eltern leben, in eine Gegend, wo die Häuser leer zu stehen scheinen.  Gemeinsam mit Nicks Schwester Go, und dem letzten übriggebliebenen Geld von Amy, eröffnen sie eine Bar in der Stadt und versuchen so ihren Lebensunterhalt zu meistern. Irgendwie würde alles wieder gut werden.
Der Anruf seines Nachbars zerstört aber ihr Leben erneut. Die Tür des Hauses stehe offen und die Katze wäre entlaufen. Nick fährtnach Hause und findet ein verwüstetes Wohnzimmer vor. Seine Frau scheint verschwunden und keiner weiß wohin oder wer sie verschleppt hat.
Noch schlimmer trifft es Nick, der immer weiter ins Zentrum der Ermittlungen gerät, der von Dingen über Amy hört, die nicht sein können, ihn schockieren oder nachdenklich stimmen. Immer mehr kommen ihm Zweifel an ihrer Ehe und es stellt sich die Frage: Was ist mit Amy wirklich passiert?

"Gone Girl" ist in aller Munde. Lobhymnen überschwemmen die Literaturwelt und es hat die Bestsellerlisten von Amerika und jetzt auch die Deutschlands geradezu überrannt. Und durchaus bietet "Gone Girl" eine Mischung aus Familiendrama, Thrill und Kriminalroman, die seinen Charme hat, dessen Idee nicht die eines Standardwerkes ist.
Im Zentrum der Geschichte steht die Beziehung zwischen Amy und Nick. Beide hatten sich ineinander verliebt, schienen füreinander bestimmt. Aber ist dem wirklich so? Aus verschiedenen Blickwinkel erzählen beide ihre Ehegeschichte, den Verlauf ihrer Beziehung. Auf der einen Seite: Nick, der während der Ermittlung immer mehr in die Bredouille gerät, der als Hauptverdächtiger kaum eine Chance zu haben scheint. Auf der anderen Seite: Amys Tagebuch, das wiederum von ihrer Ehe spricht, dem langsamen Auseinanderleben. Es wird eine Beziehung entwerfen, in der die Kommunikation zu fehlen scheint, die immer mehr scheidert, weil keiner miteinander redet, seine Gefühle wirklich ausdrückt, erklät, was mit ihm los ist und sie sich aus dem Weg gehen. Diese Stille scheint die Ehe zu gefährden, gar zu vernichten. Ein solches Bild entwirft Gillian Flynn durchaus glaubwürdig, tiefsinnig und vielschichtig. Gleichzeitig lässt sie hindurchsickern, dass irgendwas nicht stimmt und treibt damit ihren Leser in den Wahnsinn, bestimmt ein langsames Tempo, dass trotzdem Spannung zu vermittelt. Im Laufe wechselt man seine Meinung, schlägt sich auf verschiedene Seiten. Flynn manipuliert ihren Leser und zieht ihn immer wieder auf eine der Seiten, bei denen es schwer fällt sich für eine zu entscheiden. Ein Verwirrspiel, dass einen an die Seiten kleben lässt. Was ist eigentlich wahr? Wen kann man glauben? Amy oder Nick? Oder doch etwas völlig anderes?
Mit genau diesen Fragen geht der Leser weiter zur Wendung, die einen überraschen sollte. Doch dieser Effekt bleibt aus und was dann folgt, lässt einen nicht verwundern, erstaunen oder erzittern, sondern nur noch den Kopf auf die Tischplatte knallen. Was so gut anfängt als tiefsinniges Drama, verkommt zu einer unfrewillig komischen Geschichte, die ihren Fuß in der Realität verloren hat. Es wird eine überkonstruierte Geschichte entworfen, die mit jeder weiteren Facette nur noch unschlüssiger wird. Teilweise obskure Wege nimmt die Handlung, die nicht mehr Spannung verspricht, sondern teilweise viel Schwachsinn, der in noch mehr Hirngabelei endet.
Nicht nur treten der ein oder andere Logikfehler auf, die das Lesevergnügen trüben, auch werden die Charaktere immer stereotypischer. Waren sie anfangs teilweise zwar stark von klassischen Rollenbildern geprägt - die aufopferungsvolle Frau und der starke, einfühlsame Ehemann - gleiten beide hinab in überzeichnete Figuren ihrer Selbst. Sie wirken nicht mehr in sich passend, widersprechen ihren eigenen Charakter, unabhänig davon, ob sie etwas vorspielen oder es ihre wahre Persönlichkeit ist. Allgemein hat der Leser es schwer, obwohl er sich sehr intensiv mit dem Innenleben von Amy und Nick beschäftigt, Zugang zu ihnen zu finden. Sie wirken an manchen Stellen seltsam emotionslos und ihre Handlungen und Gedankengänge sind nicht immer nachvollziehbar. Fast schon hölzern bewegen sie sich in ihrem eigenen Drama, als wären sie nur Spielfiguren für das große Ende, dass große Ganze, das wichtiger erscheint als die Ausbildung vernünftiger Persönlichkeiten. Das betrifft nicht nur Amy und Nick, die beiden Protagonisten, sondern vor allem die Polizei und ihre Ermittlungen, bei der man sich wirklich fragt, ob sie überhaupt etwas unternimmt und man ihnen das Hirn genommen hat.
Weitere Schwächen zeigt der Roman, außerhalb von seiner Charakterentwicklung und -bildung, auch im Schreibstil. Mit klarer und direkter Linie beschreibt Gillian Flynn die Geschehnisse aus der Ich-Perspektive ihres jeweiligen Protagonisten, oftmals mit harten Worten, die einen überraschen. Sie sind nicht weichgespült, sondern manchmal auch vulgär ohne zu übertrieben zu wirken. Auch die teilweise ungewöhnlichen und poetischen Metaphern und Vergleiche lassen des Lesers Herz höher springen. Warum aber hier immer wieder der Leser angesprochen wird, wird nicht klar. Es scheint keine wirkliche Funktion zu haben und kommt öfters fehlplatziert vor und fügt sich mit dem Rest nicht zusammen. Außerdem gelingt es der Autorin nicht Emotionen wirklich richtig zu vermitteln, was aber mitunter auch an den farblosen Charakteren liegt.
Wenn man es dann einmal bis zum Ende geschafft hat, durch all die obskuren Wendungen und Längen, die der Roman mit sich bringt, bekommt man einen Schluss, der ungewöhnlich ist und einen Schlucken lässt, aber der Unglaubwürdigkeit nur die Krone aufsetzt. Es bleibt kein befriedigendes Leseerlebnis und die Erkenntnis, dass jede Menge Potenzial einfach in der Mülltonne gelandet ist. Hier hat man einen großen Roman vor sich, aus dem aber kein großer Roman geworden ist.

Fazit

Gillian Flynn bietet mit "Gone Girl - Das perfekte Opfer" einen ungewöhnlichen Thriller, der in seiner Grundidee genial ist, aber an seiner Ausführung vollkommen scheitert. Schlecht gezeichnete Charaktere, mit einer total überkonstruierten Handlung und einen eigentlich guten Schreibstil ergeben nicht den meisterhaften Thriller, als der der Roman hingestellt wird. Wieder eines der Bücher, das vom Hype lebt, aber ihm nicht gerecht wird.

★★

Kommentare:

  1. Tolles und ehrliches Fazit. thriller sind ja eh nicht so meins, aber ich bin froh dass doch einige leute mit ihrer meinng dann noch gegen den strom schwimmen, obwohl das buch als bestseller deklariert wird.

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    1. Irgendjemand muss ja ehrlich bleiben und zu seiner Meinung stehen. Wäre ja Selbstbetrug, wenn man sagt: "Es war großartig", wenn es nun einmal nicht der Fall war.

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  2. Sehr schade ... Ich schätze, dann werde ich das Buch wohl eher nicht lesen. :/ Na ja, mal sehen :)
    danke für die ehrliche Rezension! :)

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  3. ach, wie gesagt, habe ich das buch auch noch hier liegen. aber nach der rezension... :/

    Liebste Grüße
    Tabea

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    1. Es gibt ja auch viele, die es mochten. Wenn es eh schon herumliegt, kann es auch gelesen werden ;) Man kann ja immernoch abbrechen.

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