Rezension: Fenster zum Tod von Linwood Barclay

10 Oktober 2013 |

Zum Buch

Originaltitel: Trust Your Eyes
Format: Klappenbroschur
Verlag: Knaur HC
Seiten: 592
ISBN 978-3-426-21356-8
Preis: 14,99 €

Das Fenster im Internet

Der Tod seines Vaters hat Ray erschüttert. Er wurde leblos von seinem Bruder Thomas im Garten gefunden, wo er von seinem umgekippten Rasenmäher erschlagen wurde. War es aber wirklich nur ein tragischer Unfall? Das Thomas nicht zu der Beerdigung seines eigenen Vaters geht, macht Ray misstrauisch und bestürzt ihn zugleich, wobei er seinen Bruder keine Schuld zuweisen kann. Denn in Thomas Leben dreht sich alles nur um Karten. Schon als Kind war er faszniert davon und wurde immer fanatischer. Was alle zu spät erkannten, ist die Tatsache, dass er unter Schizophrenie leidet. In seiner eigenen kleinen Welt lebend, wo er über Whirl360 die Städte dieser Welt erkundet und sich alle Routen einprägt, um der CIA zu helfen, sitzt er nur vor dem Computer und hat seit Langem das Haus nur verlassen um seine Psychiaterin aufzusuchen. Er glaubt, er sei der Einzige, der der Welt helfen kann, wenn alle Karten dieser Welt verschwinden.
Doch Thomas ewige Streife durch die virtuellen Studie führt ihn eines Tages zu einem Fenster in Manhatten. Hinter diesen erkennt er einen Kopf in einer Plastiktüte. Anfangs scheint es nur ein verpackter künstlicher Kopf, aber bei genauerer Betrachtung erkennt man darin ein wahres und echtes menschliches Gesicht. Ein kaltblütiger Mord, zufällig von einer Kamera aufgenommen, unbemerkt und für jeden zugänglich im Netz. Sofort informiert er seinen Bruder und Thomas gibt nicht nach, bis Ray selbst nach New York aufbricht um der Geschichte nachzugehen. Anfangs glaubt er noch an ein Hirngespinst seines Bruders, ein paranoider-schizoider Wahn, der ihn befallen hat. Es kommen ihn immer mehr Zweifel... und die Ereignisse überschlagen sich.

Thrillerautoren, die das Internet für ihren Spannungskick benutzen, fallen oft auf die Nase. Die meisten Autoren haben das Problem, dass sie an der Realität vollkommen vorbei sind. Bei Barclay herrscht das Gegenteil: Der Realismus treibt einem die Angst in den Nacken.
In einem Zeitalter, wo wir über Smartphones und Internet vielerorts kommunizieren und alles abrufbar geworden ist, ist Whirl360 keineswegs abwegig, sondern durchaus real. Denn die Internetseite ist Google Street View nachempfunden, bei denen ein Jeder durch die Länder streifen kann, unbekümmert und alles ansehen kann. Können wir vielleicht auch dort Zeuge eines Mordes werden? Die Frage stellt sich "Fenster zum Tod" und beantwortet sie gekonnt und spannend bis zur letzten Seite und ohne, dass das Blut aus den Seiten fließt.
Denn Lindwood Barclay hat das Talent in die Psyche seiner Figuren einzudringen. Bei ihm drängt sich nicht das große Ganze in den Vordergrund, sondern es geht um die Charaktere, die Konflikte, die entstehen und wie eigentlich Unbeteiligte in eine auswegslose Situation geraten und gedrängt werden. Seine farbenfrohen Charaktere, bei denen die Rollenverteilung nicht immer ganz klar ist, geben dem Roman Lebendigkeit. Egal, ob es der einfühlsame Bruder Ray oder der psychisch kranke Thomas ist. Er geht dabei auch mit Thomas Schizophrenie behutsam um, zeichnet sie durchaus nachvollziehbar und realistisch und überzeichnet nichts. Er hört zwar Stimmen und lebt in einer Art eigenen Welt, doch im Grunde ist er harmlos und man schließt ihn als Leser ins Herz. Er scheut auch nicht davor zurück, auf Themen einzugehen, die den Menschen unangenehm sind. Stets mit Gefühl und mit Bedacht erzählt und geschildert.
Durch diese Kombination von fein gezeichneten Figuren und einer dramatischen Handlung schafft er einen Sog, dem man sich ab der ersten Seite nicht mehr entziehen kann. Manchmal hat man das Gefühl mehr ein Familiendrama zu lesen, als einen Thriller und sieht als Leser doch die aufkommende Bedrohung kommen. Denn, während der Protagonist nichts ahnt, werden einem verschiedene Perspektiven aufgezeigt.  Andere Handlungstränge, die anfangs unabhängig von der Haupthandlung laufen und sich zu einem dichten Netz zusammenziehen. Je weiter man kommt, desto mehr Wendungen hat der Roman. Je mehr sich die drei Handlungsstränge zueinanderbegegnen, desto überraschender werden diese, bis man beim großen Finale verdutzt ist. Vor allem auch, weil Barclay Dinge aufwirft, die man erst gar nicht damit im Zusammenhang bringt und schlüssig bis zum Ende durchgezogen werden. Es bleiben keine Fragen offen, alles wird aufgelöst, bis zur letzten ungeklärten Frage.
Was bleibt ist ein spannender Thriller, mit langsam anziehenden Tempo, trickreich und raffiniert gemacht mit dem ein oder anderen Kniff, der den Leser in die Irre führen kann. Dass der Roman Parallelen zum Hitchcock Klassiker "Das Fenster zum Hof" hat, ist nicht abzustreiten. Sie bauen beide auf der selben Grundidee auf: Ein Mann, der eingesperrt in seinem Haus einen Mord beobachtet und in etwas hineingezogen, was er nicht wollte. Ein Unbeteiligter, der Zeuge eines Mordes wird und dadurch in Gefahr gerät. Bei einem war es in der Realität, bei anderen in der virtuellen Welt. Eine moderne Version des Klassikers, in die Internetwelt verlagert und das mit Bravour.

Fazit

"Fenster zum Tod" von Linwood Barclay ist ein Roman mit psychologischen Tiefgang und stetig steigender Spannung. Einfühlsam erzählt, atemberaubend spannend und seltsam bedrückend zugleich.

★★★★

Kommentare:

  1. Wenn ich ein Thrillerfan wäre, hättest du mich mit der Rezi überzeugt. Da ich es aber nicht bin, wandert es nicht auf meine Wunschliste. Dennoch ein tolles Fazit!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Man könnte es ja mal ausprobieren. Vielleicht bleibt man ja dann doch hängen.

      Löschen
  2. Ich habe gerade mal wieder so eine Thriller-Phase, und der hier klingt gut! Ich hab die Parallelen zu "Fenster zum Hof" erst erkannt, als du es gesagt hast... Mann, steh ich heute auf dem Schlauch!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liegt wohl am Wetter. Momentan verschlägt es mich auch mehr zu Thrillern und Kriminalromanen.
      Und man darf auch mal auf dem Schlauch stehen. Sowas ist menschlich.

      Löschen