Zerrissene Seiten: Im stillen Gedenken an die Buchmesse

13 Oktober 2013 |

Wir, die wir zusammengekommen sind, die Abtrünnigen, die die Hallen der Litaratur nicht betreten durften, nicht konnten, wollen unsere Stimme heute erheben, im stillen Angedanken an diese Pilgerstätte des Buches. Sie verbindet so vieles: Autoren, Leser und Verleger treffen sich an einem Tisch, lächeln, lachen, tätscheln sich das Händchen und die Schultern, präsentieren ihre neuen Schätze, unter vorgehaltener Hand als Geheimtipp, oder werfen einen die Buchstapel gleich um die Ohren, damit man den neuen großen Namen nicht verpasst. An diesem magischen Ort des Wortes, wo Worte zur Kunst erkorren werden und wir, die Pilger, uns verneigen vor denen, die wir so sehr lieben, uns die Welten schufen, in denen wir so gerne Leben.
Es ist ein Fest, ein Fest voller sprachlicher Eleganz. Überall sieht man Huldigugen, Parolen und Begeisterung. Entsetzen über den kommenden Skandalschmöker, Begeisterung für die neuen Preisträger, die sich an ihren neu gewonnenen Ruhm gewöhnen wollen und es genießen nach jahrelanger Arbeit und Mühe einen Verdienst zu bekommen.
Ja wahrlich, die Frankfurter Buchmesse ist der Treffpunkt an denen sich Literaturmacher und Litearturliebhaber zusammen betten und mit breiten Grinsen und lasziven Blick über die Buchseiten zu streichen. Wie beim ersten Mal sind die Teilnehmer dieser Messe, haben Angst und sind total aufgeregt, aufgekratzt, können Tage vorher nicht schlafen, weil ihnen so viele neue Wunder und Mögilchkeiten begegnen. An den Toren gehen sie auf die Knie, bekommen Tränen in den Augen und sehen ihre Vorbilder vor sich, menschlich, aus Fleisch und Blut, zum Greifen nahe. Dieser Reiz mit ihnen reden zu können, nicht nur ein Name auf dem Roman, sondern wirklich jemand, der diese Zeilen verfasst hast. Es scheint unglaublich, unwirklich, dass dieser Jemand der Grund dafür ist, dass wir uns verliebt haben.
Durch die Hallen streifend, die neugierigen Blicke überall spürend, diese Anspannung, das zeitweilige Aufschreien vor Freude, diese Reizüberflutung verschiedener Bilder. Schlichte und außergewöhnliche Titel, schrille und einfache Cover, deutsche und ausländische Autoren. Es scheint nie zu enden. Schier endlos erstrecken sich diese Hallen und es fliegen die Verlagsnamen im Trancezustand an einem vorbei.

Auf einmal ploppt diese eine Nachricht auf. Es ist ein neues Foto auf Facebook. Eigentlich will man es gar nicht mehr öffnen, es ist nur ein weiter grinsendes Gesicht, an der Backe eines bekannten Autors klebend. Da steht sie, am Autor geklammert, als würde sie ihn nie wieder hergeben. Er guckt schon leicht genervt, zieht es aber professionell durch. Ein weiteres Foto taucht auf, diesmal ein Abbild von einem neuen Buch, der neue Roman von seinem Lieblingsautor. Vorab auf der Messe ausgestellt, zum Angucken, anlesen, ein kleine Premiere. Schnaufend klappt man den Laptop zu und versucht die Tränen zu unterdrücken. Man redet sich ein, es ging nicht anders. Doch die Wahrheit will man nicht akzeptieren, als man sich zum Büro schleppt, sich an seinem Schreibtisch klammert und hofft, der Tag geht endlich rum. Man wäre als Bilblophilier doch viel lieber woanders. Man schleicht zur Uni und hört dem Geplabber seines Dozenten bei der Pflichtveranstaltung zu und verfolgt leidend die Neuigkeiten. Die Kritiker haben schon begonnen zu wetten, wer das Potenzial für einen neuen Bestseller hat, wer absolut gelesen werden sollte und für welchen Autor es die Bücherverbrennung wieder geben sollte. Irgendwie bleibt da als Abtrünniger - nein, als Verstoßener! - nur ein Seufzen, während man sich an die fiebrige Stirn greift und hofft wieder zum Atmen zu kommen.
Gott... warum? Warum? Warum dürfen wir, die Ausgeschlossenen, diese Hallen nicht betreten? Ist das Seminar wirklich so wichtig, muss die Schulpflicht wirklich genau genommen werden? Gibt es keine Ausnahme? Doch es erhört uns niemand, wir müssen bleiben, wo wir sind, das Treiben auf der Clownsfratze des sozialen Netzwerkes bestaunen und bejammern.
Jetzt, wo der letzte Tag angebrochen ist, ziehen die ersten Bilanz. Ein Außenstehender kann da plötzlich nur den Kopf schütteln und wacht aus seinem Koma auf. Was habe ich eigentlich verpasst? Was will ich schon verpasst haben?
Schwitzende Körper quetschen sich durch übervolle Hallen und versuchen ihren eigenen körperlichen Duft mit dem Deo, dass seinen angepriesenen Halt niemals hält, trotz fehlender Extremsituation, zu verdecken. Eine Geruchskulisse aus viel zu sauren Flüssigkeiten mischt sich mit der Salzigkeit, die die Nase zu ätzen zu verstehen weiß. Man steht in den hintersten Reihen der Lesung und sieht nur noch vom Bildschirm aus sein Idol, dass einen entgegenflackert und erst nach zwei Stunden Wartezeit seine paar Zeilen mit krakelik-unleserlicher Unterschrift ins Buch drückt und mit einer brüsken Bewegung jegliche Konversation zu vermeiden sucht. Verleger informieren und informieren und können den Buchsüchtigen nicht mehr Herr werden, die sich um ihre Stände drängeln wie Piranhas die Blut gekostet haben. Wie Haie stehen sie da und wollen die Bücher nur verschlingen, während sich Verlagsmitarbeiter leise wippend und murmelnd hinter einer Sicherheitstür verstecken.
"DU MUSST DAS LESEN!", schreien sie von allen Seiten und werfen dir einen furchtbaren literarischen Schund nach dem Anderen vor die Füße. Stolpernd über die Stapel versucht man zu fliehen, doch sie machen weiter und begraben einen unter den Titel, die einen nicht reizen, unter Romanen, deren Tiefgründigkeit, nur in der großen Schrift liegt, die die Seiten zu vergeuden scheint. Wie viele Bäume mussten daran glauben?
"Kennen Sie...", "Kennst du...", sagen sie und wollen Empfehlungen aussprechen. Sie meinen es doch nur gut, alle miteinander und jeder tut so, als würde man es kennen. Man hat den Markt gelesen, alles verschlungen, aber natürlich! Ich bin Leser! ICH BIN LESER!
Dem Wahnsinn leicht nahe, tanzt man durch die Hallen, presst sich durch, greift an die ein oder andere Brust, mal rund, mal behaart, mal glatt und fühlt sich dabei noch ekliger, als einem die Achselhöhe ins Gesicht gereckt wird. Voller Übelkeit spurtet man zur übervollen Toiletten, bei denen schon wieder zwei verstopft sind. Die vorgehaltene Hand versucht alles zurückzudrängen, was sich nach oben drückt. Luft... LUFT! Weiter zu den Ausgängen, in die kalte Wand der Natur hinaus, die einen zu Eis erstarren lässt, während man den immer schwerer werdenen Zigarettenqualm in seine Lungen pustet. Der Körper beruhigt sich, verschnauft und normalisiert sich. Die Erregung legt sich, der Geist wird entlastet und man ist für ein paar Sekunden frei von dieser Hölle.
Kopfschüttelnd starrt man durch die Glasscheibe und sieht wie sich die Menschen weiter durch die Hallen drängen, als hätten sie ihren Verstand verloren. Jeder will Erster sein, jeder will besser sein. Nur die Besten überleben diesen Krieg.
Auf einmal stürzt jemand, mitten in diesen Fluss von Füßen, der ihn zu ertränken droht. Hilfe suchend starrt er einen an. Man sieht die Verzweiflung, die Angst, als er plötzlich in der Menge verschwunden ist. Gegangen, fortgetragen von der Masse. Die Augen aufgerissen, entgeistert, greift man mit beiden Händen an die Scheibe und hofft ihn zu sehen. Da ist nichts mehr. Niemand. Die Tasche greifend, verschwindet man von diesen Ort, dieser Pilgerstätte der einsamen Buchleser, die alle besser, wichtiger und genialer als die anderen sind.
Schwer atmend steht auf einmal der Verschwunde bei einen, klappt fast zusammen. Der Krieg hat ihn geschwächt.
"Wir gehen!", sagst zu deinem Freund, der erschöpft, mit schmerzenden Beinen und hochroten Kopf am Boden liegt. Liebevoll greifst du ihn unter den Arm und verschwindest von hier. Einem Ort, wo noch viele fallen werden.

Ein neues Bild ploppt auf. Wieder von der Messe, zwei fertige Personen, gar nicht mehr glücklich wirkend, mit einem Berg von Leseproben, die wohl nur noch als Anzünder fungieren werden. Sie halten sich im Arm, kaputt, zerstört und aus ihrem Traum erwacht. Das Haar klebt ihnen an der Stirn und ihre Wangen sind gerötet. Irgendwie haben wir, die, die diese Messe nicht erleben konnten, gar nicht so viel verpasst, oder?

Kommentare:

  1. Chrissie, du hast seeehr recht. Und mit dem Text konntest du mir mal wieder ein lächeln auf das Gesicht zaubern. Gerade der letzte Absatz passt wie Faust auf Auge.

    Es ist voll, stickig, und man kann die Bücher nicht einmal kaufen!

    Aber nächstes Jahr schaffst du es dort hin und Ich nicht. Nächstes Jahr tauschen wir die Rollen ;)

    Tabea

    AntwortenLöschen
  2. Und trotz all der Wahrheit, die da in deinen Worten steckt, werden wir nächstes Jahr aber versuchen selbst dorthin zu pilgern, oder? ;) Ich für meinen Teil hoffe zumindest, dass ich Uni und Arbeit aus dem Weg räumen und mir ein paar schöne und zeitweise vielleicht auch anstrengende Tage gönnen kann. Man muss es ja auch nicht übertreiben, sondern einfach genießen was einen anspricht ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wenn es organisatorisch funktioniert... wahrscheinlich schon. Ich bin da so gestört.

      Löschen
    2. Abenteuerlich veranlagt, nennt sich das ;)

      Löschen
  3. Warum hab ich den Text nicht schon früher entdeckt? :D Der ist mal wieder genial geschrieben und wie du so bildlich die Ansammlung der Düfte und das Gedränge der Massen beschreibst, könnte man glatt meinen du wärst selbst dabei gewesen. ;-)

    Trotz all der negativen Seiten, gibt es halt "leider" auch so viele positive. Wenn du es also im nächsten Jahr möglich machen kannst, dann kommst du mit mir nach Frankfurt. :-D

    AntwortenLöschen