Rezension: Carrie von Stephen King

05 November 2013 |

Zum Buch

Dt. Titel: Carrie
Fortmat: Taschenbuch
Verlag: Hodder & Stoughton
Seiten: 256
ISBN 978-0-340-95141-5
Preis: £6.99

Die Rache heißt Carrie

Carrie hat wahrlich kein leichtes Leben. Aufgewachsen bei einer Mutter, die sich ihrem religiösen Wahn hingebt und versucht ihre Tochter zur Unschuld der Welt zu erziehen, geradezu fanatisch und gespenstisch alles als Sünde abstraft, fällt sie bei ihren Mitschülern schnell auf. Sie wird Opfer von verschiedenen Hänseleien, die immer grausamer werden, die ihr Leben zur Hölle machen. Vor allem, als sie beim Duschen nach dem Sportunterricht aufgrund ihrer ersten Periode in Panik ausbricht, versucht ihr keiner klar zu machen, was das Blut zwischen ihren Beinen bedeutet, dass sie zur Verzweiflung treibt. Im Glauben, sie verblutet, bewerfen sie ihre Mitschüler mit Tampons und anderen Dingen, ziehen sie auf und lassen sie mit ihrer Todesangst kämpfen. Schließlich greift die Sportlehrerin ein und beendet die grausame Szene, bei der auch eine Lampe plötzlich zu Bruch ging.
Es war nicht der erste ungewöhnliche Fall dieser Art, der die telekinetische Kräfte in Carrie weckt. Sie lernt mit dieser schlummernden Kraft umzugehen, sie zu kontrollieren und beginnt damit Gegenstände schweben zu lassen. Ein kleines bisschen Trost in ihrem sonst bescheidenen Leben, dass sie schon lange abgeschrieben hat.
Doch Tommy, einer beliebtesten Jungen der High School, fragt sie, ob sie mit ihm auf den Abschlussball gehen soll. Anfangs ist Carrie misstrauisch und sieht dahinter nur eine grausame Episode der Demütigung, lässt sich aber von ihm überreden. Alles scheint gut zu werden, für sie könnte endlich ein neues Leben beginnen, sie könnte aus dieser Welt ausbrechen, einfach nur normal leben. Zumindest glaubte sie das...

Mit "Carrie" legte Stephen King seinen ersten publizierten Roman hervor und damit den Meilenstein für seine Weltkarriere. Was King uns in seinem Roman erzählt, ist eine kleinstädtische Geschichte, über eine religionsfanatische Mutter, die mehr als nur eine Störung zu haben scheint, und das tragische Schicksal eines Mädchen, dass sich nur wünscht wie die anderen zu sein, von ihren Mitschülern gemocht zu werden und nicht nur das Opfer ihrer Umstände zu sein. Bis dahin könnte man meinen, man hat einen klassische Geschichte vor sich, über ein Mädchen, dass es schafft akzeptiert zu werden, endlich aus ihrer Misere ausbrechen kann und doch schlussendlich noch tiefer fällt. Doch nichts dergleichen bietet Stephen King und erzählt stattdessen die Geschichte eines Mädchen mit einer Gabe. Ihre telekinetischen Kräfte sind für sie ein Segen, in ihrer sonst so abscheulichen Welt und verleihen ihr Kraft und Mut und schlussendlich auch die Kraft, sich an denen zu rächen, die ihr so lange Leid zugefügt.
Das Faszinierde ist dabei, dass man als Leser nicht ein einziges Mal den Gedanken verspürt, dass es ungerecht ist. Insgeheim liest man über die Worte und denkt sich, sie haben es verdient, sie haben es alle verdient und ist schier entsetzt über seine eigene Brutalität. Denn das, was Carrie White erleben musste, wünscht sich niemand. Man durchleidet ihr Leben, möchte sie in den Arm nehmen und trösten, ihr sagen, dass alles gut wird, sie von ihrer kranken Mutter wegnehmen, die sie einsperrt und für ihre angeblichen Sünden bestraft, die keine Sünden sein können, weil sie natürlich sind. Eine Mutter, die sich selbst hasst für ihr sündiges Leben und ihrer Tochter zur absoluten Reinheit erziehen will, egal wie viel Kummer Carrie dabei ertragen muss. Egal, was sie ihrer Tochter dabei antut und sie sehr sie Carrie dadurch von der Gesellschaf isoliert.
Mit spielerischer Hand bringt uns Stephen King zu diesen Mitgefühl für Carrie. Er erzählt aus verschidenen Perspektiven ihr Leben, aus ihrer Eigenen, teilweise aus Leuten, die sie kannten, die manche Dinge miterlebt hatten oder auch die Sicht ihrer Peiniger, die man aufhalten möchte und doch nur zusehen kann. Dabei greift King zu ungewöhnlich Mitteln. Er benutzt Zeitungsausschnitte, Berichte aus fiktiven Büchern oder teilweise wissenschaftliche Abhandlungen um das Phänomen Carrie aufzuschlüsseln und schafft dadurch die nötige Distanz zum Leser, dass er sich ein gesamtes Bild der Lage machen kann. Immer mit einem angepassten Schreibstil, der nicht nur die Gedanken seiner Perspektivträger realistisch wiedergibt, sondern temporeich die Geschichte vorantreibt. Dieser Reichtum aus Ansichten, vermengt sich zu einer Person, einer runden Persönlichkeit, die eine tragische Figur ist und deren Beweggründe man nur zu gut verstehen kann. Man verspürt Hilflosigkeit, weil man das Unausweichliche kommen sieht, weil es so kommen muss und sieht die Katastrophe, ihre Anfänge, ihre Gründe und ihre Auswirkungen. Und nicht immer geht King dabei in chronologischer Reihenfolge vor, nimmt Teile vorwegt, fügt andere hinzu, so dass der Leser das Ende vorzeitig weiß und es trotz allem der Spannung nicht schadet. Vielmehr ist das Vorwegnehmen, der Schlüssel dem Leser das Herz zu brechen, denn er möchte es aufhalten und kann es doch nicht tun. Das komplette Spektrum wie ein braves Mädchen zu einem Monstrum wird, dass es gar nicht sein wollte und nie werden wollte, ist dargestellt. Und genau dort zerspringt der Horror in Stephen Kings Roman und wird zu einen tiefsinnigen Roman, der nicht nur ein Höllenszenario beschwört, sondern vor allem ein Psychogram eines Unschuldigen bietet, der durch seine Ohnmacht keinen anderen Ausweg mehr sieht. Carrie ist wie ein Tier, in die Ecke gedrängt und keinen anderen Ausweg mehr sieht. Das übernatürliche Element ist da nur noch ein Extra um dem Ganzen einen bildreichen Rahmen zu bieten und die Handlung mit einem Knall enden lässt, und einen Leser zurücklässt, der nicht weiß, der die Katastrophe bedauern oder das tragische Schicksal von Carrie beweinen soll.

Fazit

"Carrie" ist Stephen King's Debüt, welches nicht ohne Grund den Meilenstein für eine Karriere legte. Hier zeigt der Meister des Horrors seine Vielfältigkeit, sein Gespür für Charaktere und das Talent für bitterböse und große Szenarien. Für Fans von King Pflicht, für alle anderen eine großartige Erfahrung für tiefsinnige Horrorliteratur, die weit über den bloßen Horror hinausgeht. Wenn es nicht sogar in seinem Inneren den wahren Horror des Lebens zeigt.

★★★★

Kommentare:

  1. Antworten
    1. Würde ich nicht so paschaul sagen, aber er setzt Maßstäbe in seinem Fach. Ich hatte auch schon einen eher mittelprächtigen King, aber wer ist schon perfekt?

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