Rezension: Himmelsucher von Ayad Akhtar

12 November 2013 |

Zum Buch

Originaltitel: American Dervish
Verlag: carl's books
Seiten: 384
ISBN 978-3-570-58516-0
Preis: 14,99 €

Die geliebte Mina
und der Islam

Als Hayat die Nachricht vom Tod seiner geliebten Mina, eine Ersatztante für ihn, erfährt, stirbt ein Teil seines Lebens. Mittlerweile ein Student der Islamwissenschaften, war er ihr zutiefst verbunden, seit sie aus der Zwangsheirat ihres pakistanischen Mannes herausbrach und mit ihren Sohn zu Hayats Eltern zog. Sie war es, die ihm die Welt des Islams erklärt ihn, ihn beigebracht hat wie man betet, was es mit den Koran auf sich hat und was Glauben aus einem Menschen macht. Doch hinter dieser Beziehung steht ein Fehler, der das Leben von Mina beeinflusst hat und der alles zwischen Ihnen änderte. Ein Fehler, der nie wieder gut zu machen ist. Denn Minas Liebe zu Nathan, Jude und Kollege von Hayats Vater, stellt Probleme da, die unausweichlich scheinen.

Ayad Akhtar erzählt eine Geschichte von Liebe, Glauben und dem inneren Selbstzweifel. Sein Protagonist Hayat, der von seiner eigenen Geschichte erzählt, nachdem er von Minas Tod gehört hatte, war ein Junge, der sich zwischen zwei Welten bewegen musste. Einerseits die westliche Welt, die amerikanische, die christliche Welt, in der er lebte und seine Eltern hauptsächlich agieren und der östlichen, der pakistanischen, der muslichen Welt, die er durch Mina kennenlernt. Beides prallt aufeinander und wirft den Jungen in eine schwierige Situationen, bei dem ihm die Antworten fehlen, weil er zu jung ist, um es zu begreifen oder es ihm falsch vermittelt wurde. Die disharmonische Familie, mit dem heimlich trinkenden Vater und der betrogenen Mutter, die bei ihren Mann bleibt, macht die Sache nicht besser.
Was hier Akhtar damit aufwirft, ist vor allem die Fragen nach dem Glauben und inwieweit er unser Leben bestimmen kann und darf. Wie weit Erziehung uns beeinflusst und Kultur unser Leben bestimmt, unabhängig von welchen Ort wir stammen und wir sie mitbringen. Er lässt verschiedene Religionen aufeinandertreffen, sei es das Judentum, Christentum oder der Islam, stellt Gemeinsamkeiten fest und spart nicht den Fanatismus aus. Egal welche Religion es ist, alle werden kritisch hinterfragt und beleuchtet und was einem immer wieder überrascht, wie radikal der Konflikt sein kann, dass man "Gottes/Allahs/Jawehs" Wort predigt, ein friedliches Zusammenleben propagiert, aber sich auf allen Seiten Spitzfindigkeiten finden, die die Toleranz zerstören. Das hier der Islam im Zentrum steht, ist fast nur am Rand wichtig, wenn einem klar wird wie Glauben den Menschen beeinflussen kann oder sie uns beeinflussbar für Ideologen macht, die man blind vertritt, aus der Überzeugung heraus, das Richtige zutun. Blindes Vertrauen in eine Religion, die jeder anders sieht, betrachtet und ausführt.
Dabei umschifft Ayad Akhtar den Radikalismus ins Extrema und fokussiert diesen inneren Glaubenskonflikt auf einen Jungen, der seinen Platz im Leben sucht, einen Jungen, der versucht zwischen westlicher und östlicher Kultur einen Grad zu finden, wo er seine eigenen Traditionen beibehalten kann ohne die von anderen Kulturenkreisen zu verletzen und diese Aufgabe ist gar nciht so einfach. Denn Vorurteile bestimmen das Bild, welchen man sich nicht immer entziehen kann, die aber zu furchtbaren Katastrophen führen können. Vor allem im Islam, der in vielen verschiedenen Richtungen unterschiedliche Ansichten hervorbringt, ist es schwer, den Weg zu finden, der einen richtig erscheint oder allgemeingültig als der Richtige erscheint.
Weiterhin spielt die Eifersucht eine große Rolle, die uns blind macht gegenüber allen Dingen, sei es über uns selbst oder über andere hinweg. Hayat selbst schildert uns von ihr und wie er sie entfunden hat, welche Fehler er begangen hat und welche er bereut und man selbst sieht dabei auf ihn herunter und kann ihn nur verzeihen. Wie sollte er es anders wissen? Er war ein Kind... und genau diese Tatsache verleitet den Leser dazu sich milde mit Themen auseinanderzusetzen, die man schnell abtut. Glauben betrifft eigentlich alle, egal ob Atheist oder nicht, wir alle glauben an Etwas. Und sind uns bei Weitem nicht einig darüber, was richtig oder falsch ist.
Die große Sträke, dass Ayad Akhtar dieser Entwurf und dieser innere Konflikt gelingt, liegt an seiner vielschichten Charakteren, die man nur zu oft ins Herz schließt, weil sie besonders sind. Egal ob es der junge Hayat ist, der uns mit Hingabe seine Welt schildert, der jüdische Freund von Hayats Vater oder die mütterliche Art Minas gegenüber der ehrlich gemeinten Strenge der Mutter, die an der Ignoranz ihres Mannes zu zerbrechen. Alle zusammen bilden sie ein Portfolio des Glaubens, deren verschiedenen Auffassungen davon, die jeweiligen Typen beschreiben. Für die einen ist Glauben etwas, woran man sich festhält, für andere eine Randerscheinung und für die Nächsten ein striktes Gesetz ohne Abweichungsmöglichkeiten. Es geht um Sühne, Versöhnung und dem Verzeihen, dem Abstrafen und den Hinnehmen, das Resignieren und Senieren und schlussendlich darum, ob das, woran man festhält, auch wirklich das ist, was man für immer behalten soll. Ob der Kompromiss nicht die Lösung ist?
Diese Lebendigkeit findet sich auch in der Sprache, die von der pakistanischen Kultur geprägt ist und spezielle Metaphern aufwirft, die sehr bildkräftig und vor allem poetisch daherkommen. Sie sind verspielt, sehr farbenfroh und freuen einen und geben den Roman einen entsprechenden Rahmen, auch wenn man sich an vielen Stellen noch mehr von den sprachlichen Spielereien wünscht.
Und genau da herrscht auch das Problem des Romans: Das große Ganze erschafft eine bewegte Geschichte über die Liebe, den Glauben und der Suche nach sich selbst, deren Details es aber oftmals an Tiefe fehlt. Es fehlt an Feinschliff, der dem gesamten Roman in die richtige Richtung hebt. So wackelt leider manchmal das Gerüst, auf den Ayad Akhtar seinen Roman baut und der versucht Vorurteile abzubauen und Einblicke in Kulturen geben, die man selbst nicht immer vor Augen hat, unter den Rahmen der Emotionen, die uns Menschen auszeichnen, bei denen unser Hintergrund keine Rolle mehr spielt.

Fazit

"Himmelssucher" ist eine bewegende Geschichte über unseren inneren Zweifel nach der Suche nach sich selbst und nach dem, was wir Glauben nennen. Einfühlsam, oftmals raffiniert und vor allem sehr einpragsam erzählt Ayad Akythar eine Geschichte, die einen rührt und einen nicht so schnell wieder verlässt.

★★★★☆

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