Rezension: Zuhause bei Hitlers von Robert Polzar

02 November 2013 |

Zum Buch

Format: Taschenbuch
Verlag: Unsichtbar
Seiten: 160
ISBN 978-3-942-92023-0
Preis: 9,99 €

Der Weltkrieg einer WG

Als Paul, auch Pole genannt, nach einer Wohnung sucht, trifft er auf einen Mann, der sich ihm als Hitler vorstellt. Zuerst glaubt er noch, vor ihm sitze Helge Schneider, doch Herr Hitler bleibt bei seinem Namen, obwohl er rein äußerlich mit dem Diktator, der Millionen Menschen auf dem Gewissen hat, nicht viel gemein hat. Dafür kann er in der Kategorie "exzentrisch" ziemlich gut punkten.
Wie es der Zufall will, treffen diese beiden Menschen zusammen und beschließen ihre verzweifelte Wohnungssuche gemeinsam zu bestreiten. Kurzerhand entsteht dadurch eine WG mit viel zu dünnen Wänden und Mitbewohnern, die alle ein wenig anders sein. Soweit so gut, doch die weiteren Mitbwohner müssen erstmal einziehen!
Schnell findet sich der Marchaèl, ein Österreicher, und seine Cousine, die Schneekönigin, bei ihnen ein und das Chaos der WG ist perfekt. Achja, und da gibt es ja noch dieses französische Restaurant von Petit Napoleon, der den Hauskrieg auslöst. Ein Krieg zwischen den Ländern, um die dreckige Kloschüssel und angeblichen Gespensten, die im Obergeschoss des Hauses ihr Unwesen treiben. Gott sei Dank ist der amerikanische Anwalt, der im zweiten Stock wohnt, blind, so kann er dem Wahnsinn entfliehen. Obwohl... wer kann sich schon einem Weltkrieg entziehen?

Robert Polzar schafft mit "Zuhause bei Hitlers" eine durchgeknallte Welt - die sich auf ein Haus erstreckt -,die unter diesen Umständen erstaunlich normal wirkt. Dabei greift er sich zwei sensible Themen heraus: den zweiten Weltkrieg und das WG-Leben. Beides ist oftmals schwierig, verhasst und wird nicht gerne thematisiert, während sich Polzar einen Spaß erlaubt und das Ganze auf die Spitze treibt.
Sein Roman beginnt mit dem Auftakt wie ein großes Theaterstück. Die Figuren werden eingeführt und vorgestellt. Anfangs wirkt dadurch das Ganze sehr bemüht, teilweise behäbig und steht sich sprachlich selbst im Weg, was an den sperrigen Schachtelsätzen liegt. Doch diese kleine Schwäche hebt sich schnell auf, sobald alle wichigen Kriegsparteien des zweiten Weltkrieges vertreten sind. Denn erst dann kommt die Geschichte so richtig in Fahrt und eskaliert in ihre chaotischen Einzelteile. Und die haben es in sich.
Der Hauptkonflikt besteht zwischen den Franzosen und Hitler. Sie liefern sich einen erbitterten Kampf um das Hausterrain, Planungswünschen und Grenzen und keiner will nachgeben oder dem Feind etwas überlassen. Zwei Sturköpfe, die sich nicht einigen wollen, komme was wolle. Neben diesen Konflikt, gibt es noch viele kleine Nebenhandlungen, die separat zur Hauptgeschichte laufen. Sei es die Erkundung des Kellers, der zu einem Kloster führen soll, die Suche nach den ominösen Gespenst, dessen Wahrheit einen Lachtränen in die Augen schießt, oder die kleinen Abenteuer des WG-Lebens, dass das Konfliktthema Nr. 1 (die vollgeschissene Toilette) versucht anzugehen. Nicht zu vergessen die WG-Castings, bei der die Auswahl beschränkt und die Bewerber nicht immer vielsprechend sind. Diese Symbiose schafft eine in sich sehr amüsante Welt, mit Paul als Protagoinisten, der als Physiotherapeut arbeitet und dem grauenhaften Alltag die Stirn bietet, oder eifnach nur versucht seine Triebe im Zaum zu halten.
Aber allgemein ist das WG-Leben gar nicht so einfach, vor allem, wenn auch noch Hitlers Freundin Eva einzieht und alles durcheinanderwirft. Warum müssen sich auch WG-Mitbewohner auch immer an ihre Freundinnen klammern? Das bringt neue Verhältnisse hervor, die diese Situation in der WG zuspitzen lassen. Und der Leser sieht zu und lacht sich dabei tot. Doch leider herrscht mit diesen Nebenhandlungen das ein oder andere Problem: Sie fügen sich nur teilweise in die Hauptgeschichte vom Ich-Erzähler Paul ein. Manche sind unnötig und wirken fast schon deplatziert, auch wenn ihnen nie die Portion Humor fehlt, den es im Roman en masse gibt.
Denn eins beherrscht Robert Polzar mit Bravour: Eine bitterböse, oft schon zynische Art, die sich konsequent hindurch zieht. Wer hier nicht lacht, hat keinen Sinn für Sarkasmus, denn davon lebt diese Lektüre. Ungewöhnliche, aber gekonnte Metaphern, eine bildhafte Sprache und ein Talent für Dialog und Konfliktführung runden das Ganze noch ab. Und der ein oder andere böse Vergleich, lässt einen vor Lachen nach Luft schnappen.
Dass hinter dem Klaumauk eine sehr starke kritische Komponente liegt, merkt der Leser sehr schnell. Hier bekommt jeder sein fett weg. Selten passiert es einem, dass einem das Lachen plötzlich im Halse stecken bleibt, doch bei "Zuhause bei Hitlers" bleibt das nicht aus. Hinter der Komik steckt sehr viel Ernsthaftigkeit, die einen verwundert und immer wieder kurz nachdenklich stehen lässt. Und da spielt die Kriegsallegorie, die Polzar hier aufwirft, eine geringe Rolle. Der Krieg selbst dient hier nur als innere und äußere Kulisse für die Hauptfiguren, die sich in dieser theaterhaften Geschichte bewegen. Sei es der innere Konflikt in der WG, der den äußeren Konflikt mit dem Franzosen beeinflusst, teils auch umgekehrt, oder der Kampf gegen sich selbst und seinen Gefühlen.
Und das ganze Theater findet auch noch einen passenden Schluss, ein Ende, welches man so anfangs gar nicht kommen sieht, aber sich durch den Aufbau des Romanes geradezu aufzwingt. Es ist herrlich übertrieben und trägt doch alles in sich, was es zur Beendigung dieses satrisichen Romanes braucht. Ein Paukenschlag und der Vorhang fällt!

Fazit

"Zuhause bei Hitlers" ist durchgeknallt, ungewöhnlich, bitterböse und durchweg satirisch. Robert Polzar beweist hier sein Gefühl für Sprache und Konfliktführung und schafft einen Roman, der die Lachmuskeln mehr als nur einmal beansprucht, ohne den Ernst des Lebens zu vergessen. Hochgradig unterhaltsam!

★★★★☆

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen