Zerrissene Seiten: Die Angst vor dem Neuen

03 November 2013 |

Wer viel liest, wird irgendwann feststellen, dass eine gewisse Einseitigkeit in der Literaturwahl eines jeden Lesers besteht. Der Eine liest vornehmlich Thriller, die Nächste verschlingt Liebesromane als würde sie Glück atmen wollen und der Dritte setzt sich hinter belletristischen Werken, seine schwarze Kunststoffbrille zurechtrückend, in ein kleines alternatives Café. Wie der Mensch viele Facetten haben kann, desto viele Möglichkeiten von Lesern gibt es. Doch alle miteinander haben sie ein Problem: Sie sehen nicht über ihren Tellerrand, aus Angst, dass sie von der Welt, die für sie nur eine Scheibe zu seien scheint, herunterfallen.

"Tiefgründig, einfühlsam und unglaublich philosophisch geschrieben. Du musst dir diesen Roman mal ansehen, zumindest mal anlesen! Ich weiß, es ist nicht so deine Literatur, aber..."
"Genau, es ist nicht MEINE Literatur! Warum zeigst du mir das überhaupt, ich lese doch bevorzugt Kriminalromane und keine metaphysischen Schwachsinn."
"Hast du schonmal metaphysischen Schwachsinn gelesen?"
"Nein! Und will ich auch gar nicht."
Wenn man frustiert wieder zum Seufzen beginnt, weil die Empfehlung fehlgeschlagen ist, weil das Gegenüber sich weigert überhaupt nur einen Blick auf dieses seltsame Werk zu werfen, dass widerlich, gar abscheulich ist, es nicht einmal wert ist angesehen zu werden. Igitt, werf mir doch nicht diesen Schund vor die Füße! Das Buch wird höchstens zum Ausgleich von wackeligen Tischen was taugen. Dass mag durchaus für manche Romane gelten, die viel zu oft nach oben gelobt werden und sich viele Leser blind den Lobchören anzuschließen scheinen, aber was ist mit den ganzen anderen publizierten Büchern, die keiner berührt? Die Geheimtipps, die man unter der Leserschaft brüderlich und schwesterlich teilt um ihnen Namen und Raum zu geben? Nichts, weil sich heute alle dagegen sperren.
Eigentlich hat der Literaturmarkt für Jeden etwas zu bieten. Ganz dem Kapitalismus frönenend, hat das Angebot auf die Nachfrage reagiert und nicht wie vorher umgekehrt: Es gab das Angebot, die Nachfrage hat sich schon zusammengerobbt in kleinen literarischen Kreisen. Wobei es eh zu wenig Leute gab, die im Stande waren zu lesen. Heute könnte es jeder und traut sich trotzdem nicht, mal sich mit diesen Buchstabenmeer auseinanderzusetzen.
Der Horrorliebhaber wird nie zu einem belletristischen Roman greifen wollen, genauso wie der Liebhaber von hoher Literatur eisern den Rücken der ach so furchtbaren Unterhaltungsliteratur kehrt. Das Amüsante dabei ist nur eins: Beide Gruppen waren nicht bereit sich mal etwas zu wagen, mal etwas neues zu probieren. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. So könnte man es auch in der Literatur sagen: Was der Leser nicht kennt, liest er nicht. So einfach ist die Formel und noch einfacher wäre die Lösung des Problems.
Ich als Vielleser und Genrehopper rede mich da leicht. Meine Laune sagt: Les einen blutigen Thriller und ich lese einen blutigen Thriller. Mir kommt ein Klassiker in die Hände, der mich anspricht und ich blättere einfach durch. Mir ist egal, was ich vor mir habe, solange es gut ist, gut geschrieben ist und seine eigenen Ansprüche erfüllen kann (und natürlich auch denen gerecht wird, die ich habe). Ein Horrorroman soll mich erschrecken, ein Liebesroman verzücken und die hohe Literatur läutern. Ganz unabhängig davon, ob sie das immer können, verschließe ich mich nicht vor dem, was es alles gibt. Egal ob Anti-Pop oder Populärliteratur, es findet sich alles in meinem Regal.
Warum nicht bei Anderen? Es ist wie immer die Angst, die alle blockiert. Es könnte ja einem doch gefallen, man mag es aber nicht zugeben, dass man daran Interesse zeigt. Genauso wie man sich vor neuer Technik verschließt, bis sie normal geworden ist, versteckt man sich wie ein kleines Kind vor dem bösen Monstern, die auf Seiten gedruckt sind.
Kein Wunder, dass manche Genre es schwer haben sich durchzusetzen. Was ist mit der Science Fiction? Manche haben ein viel zu verqueres Bild davon. Nein, ich bin kein Fan von dem Genre, ich lese es sehr wenig und wenn, dass muss ich wirklich in der Stimmung sein, aber ist es nur auf diese technischen Feinheiten fixiert, die alle so stöhnend bewerten, als wären sie die Hölle auf erden? Ganz sicher nicht: H G Wells hat es mit "Krieg der Welten" einfach gemacht (wobei ich es nicht empfehlen kann... wer sich mit dem Stil anfreunden kann, gerne doch, aber nicht ich) und auch spätere Werke erschlagen nicht den Leser immer nur mit mechanischen Feinheiten, die Ingenieuren einen Orgasmus bescheren. Es geht durchaus einfach, interessant und trotzdem gesellschaftkritisch, vielleicht auch urkomisch! Nur will das immer keiner hören. Für alle Hochliteraten: Versucht euch mal an Sergej Lukianenko und dann reden wir nochmal über den wenigen Wert und Anspruch von Sci-Fi.
Oder die böse Fantasy, die immer wieder den Stempel bekommt sie hätte keinen Sinn. Egal ob jetzt mittelalterisch angehaucht (die meisten Fantasyromane wiederspiegeln das Mittelalter durchaus authentischer und weniger blumig als die pseudorealistischen historischen Romane) oder doch in die Moderne versetzt, geht es hier um Ideale, die vertreten werden. Mut, den man aufbringen muss oder einfach nur um diktatorische Verhältnisse, die durch revolutionäre Gedanken des Volkes geändert werden. Rassismus spielt eine Rolle (Zwerge sind ja immer klein, verfressen, bärtig und hohl in der Birne, oder nicht?) und ganz andere Dinge, die durchaus in der Gesellschaft vertreten sind. Ach, es ist ja bloß Unterhaltungsliteratur, oder?
Und jetzt kommt die für viele so schwierige und sperrige Hochliteratur. So hochtrabend, so schwerfällig und so doppelbödig, dass man sie ja kaum als Normalsterblicher begreifen kann. Die Bücher gibt es durchaus, aber bei denen sind die Autoren vielleicht doch die Sicherungen durchgebrannt. Nichts gegen Metaphysik, aber irgendwann löst der Wahnsinn die Intelligenz un den Intellekt ab. Sprachlich wundervolle Sätze, treffen auf ausgeklügelte und oft menschliche Charaktere, manchmal verbindet sich Phantastik mit Mystik oder es kommen noch ganz andere Dinge hervor. Einfache Probelme treffen auf Weltprobleme oder wir finden uns in der kleinen Kappelei zweier Menschen wieder, die sich lieben und hassen zugleich. Klingt gar nicht so uninteressant, oder? Es wird nur immer höher dargestellt, als es wirklich ist, was leider so manchen Leserkreis schreiend davonlaufen lässt. Würden sich die Liebhaber dieser Literatur nicht immer so ernst nehmen, wäre das Leben um vieles einfacher.

Zurück zum Kernproblem: Warum lesen Leser nur das, was sie lesen wollen? Weil wir Menschen faul sind und feige. Geht in die nächste Buchhandlung, schaut einmal in die gegenüberliegende Abteilung und greift euch einen Roman, der euch anspricht und selbst wenn nicht, versucht es einfach mal. Danach kann man immer noch die anderen Anhänger der verhassten Genres verdammen, aber erst, wenn man zumindest einmal selbst hineingeschnuppert hat.

Kommentare:

  1. Sehr ehrlich und es macht mich nachdenklich. Gehöre ich zu denen, die auch nicht über den Tellerrand schauen? Ja, ich lese zwar schon mehrere Genre und lasse mich auch ab und an mal überraschen. Dennoch bleibe ich gerne in heimischen Gefilden und sage zu manchen Büchern von vornherein "Ne, sowas lese ich nicht." Vielleicht hast du Recht und ich sollte auch mal eines von den anderen Büchern lesen.
    Danke!

    Liebe Grüße, Katja :)

    AntwortenLöschen
  2. Mikka hat sich vor ein paar Monaten eine Challenge ausgedacht die eigentlich ganz gut zum Thema passt. Man soll jeden Monat mindestens 1 Buch lesen, welches eigentlich nicht zum generellen "Beuteschema" passt.
    Zurzeit machen nur 3 Leute mit, das zeigt denke ich ganz gut das einige einfach keine Lust haben mal über den Tellerrand zu schauen finde ich.
    Ich habe durch die Challenge schon einige interessante Bücher gelesen, die ich so wahrscheinlich eher nicht gelesen hätte.
    Liebe Grüße,
    Nina

    AntwortenLöschen
  3. Sehr gut geschrieben. Stimmt tatsächlich nachdenklich, ob man wirklich so festgefahren ist und immer das gleiche liest oder auch offen für neues. Ich für meinen Teil kann folgendes sagen: Ich bin in extrem vielen Genres "daheim" und fühle mich in vielen Wohl. Zugegeben gibt es Bücher, die ich grundsätzlich ablehne, weil ich weiß, dass sie mich nicht begeistern können. Fantasy beispielsweise und ja, ich habe probeweise immer wieder mal in eines reingelesen. :-)

    Ich fände es aber toll, wenn sich viel mehr Leute (wie du und ich) auch mal an Gegenwartsliteratur und vermeintlich "schwierige" Bücher heran trauen. Solche Challenges wie Ninjutsu oben schreibt oder die, die du selbst schon gemacht hast, können da vielleicht helfen. Letzlich bleibt es aber sowieso dem Leser selbst überlassen. :-)

    Grüße, Petzi

    AntwortenLöschen
  4. Danke für die tolle Kolumne. Vor allem denke ich nun darüber nach, wie ich festgefahrene überzeugen kann, diese Angst zu überwinden.
    Ich persönliche habe diese Phobie in Bezug auf ScienceFiction und Historische Romane. Da muss ich wohl noch etwas an mir arbeiten..
    LG Jimmy

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich habe sofort etwas daran geändert und mir Jennifer Donellys Historischen Roman "Das Blut der Lilie" gekauft. Jetzt muss ich es nur noch lesen..

      Löschen