Rezension: Rachekind von Janet Clark

30 Dezember 2013 |

Zum Buch

Format: Taschenbuch
Verlag: Heyne
Seiten: 512
ISBN 978-3-453-40927-9
Preis: 9,99 €

Der Mann verschwunden, das Kind so anders...

Als Hanna spät nach Hause zurückkehrt, trifft sie der Horror. Ihre Tochter Lilou liegt blau angelaufen in ihrem Bettchen und von ihrem Mann Steve fehlt jede Spur. Lilou kann ins Leben zurückgeholt werden, doch seitdem verhält sich die Kleine seltsam. Hatte sie vorher noch gefremdelt, hat sie diese Angewohnheit fast abgelegt und sie schnalzt plötzlich mit ihrer Zunge wie es ihr Mann Steve sonst nur getan hat. Aber wo ist ihr Mann? Ist er einen Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen?
Plötzlich kommt ihr immer mehr der Verdacht, dass hinter seinem Verschwinden keine schreckliche Entführung liegt, sondern dass er geflohen ist vor diesem Leben. Zweifach versuchen wildfremde Menschen ihre Tochter zu entführen und für sie steht fest, sie muss ihren Mann finden. Sie beauftragt den Privatdetektiv Martin Stein, der sie bei ihrer Suche nach Steve auf Facebook kontaktiert hat. Und die Erkenntnisse, die sie beide zum Vorschein bringen, sind erschreckend. Hat Steve sie immer nur angelogen? In welchen Schwierigkeiten steckt er? Kennt sie überhaupt ihren Mann? Von seiner Vergangenheit hat er nie gesprochen und es fällt ihr jetzt erst auf wie wenig sie über Steve weiß. Ihre Zweifel wachsen stetig an und sie begibt sich auf der Suche nach ihrem Mann oder zumindest nach den Mann, der er wirklich zu sein scheint und ihre Familie in größte Schwierigkeiten bringt.

Janet Clark ist eine renommierte Thrillerautorin, die auch in ihrem Mysterythriller "Rachekind" zeigt wie man einen tiefgründigen, spannenden Thriller schreibt, der sich mit seinen Personen intensiv auseinandersetzt. Denn in Clarks Romanen steht oft nicht die Handlung im Zentrum der Geschichten, sondern die Untiefen ihrer Charakteren, deren falsches Spiel das Leben aller beeinflusst und es so gekonnt durchziehen, dass ihnen auch der Leser auf dem Leim geht.
Gerade in "Rachekind" wird man sich immer öfter fragend finden, was plötzlich geschehen ist. Wer Freund war, scheint Feind, wer Feind ist, scheint plötzlich Freund und die gesamte Welt rund um Hanna wird auf den Kopf gestellt. Die Intensität mit der sie dabei die Ängste und Ruhelosigkeit ihrer Protagonistin beschreibt, bringt einem zum Mitleiden und Mitfühlen. Man bewundert die Kraft, die diese Mutter für ihr Kind und dessen Wohl aufbringt, dass sich immer weiter von ihr zu verfremden scheint.
Um den Spannungsbogen und das Verwirrspiel zu verfeinern, hat Janet Clark ihren Thriller in zwei Perspektiven verfasst. Die eine, die von Hanna, die in dritter Person formuliert ist und sich mit der Sache von Hanna beschäftigt, die die Wahrheit über Steve sucht. Und die Tagebucheinträge eines anfangs Fremden, der über Steves Vergangenheit berichtet. Beides verdichtet sich immer weiter zu einem Handlungsstrang und lässt Vergangenheit und Gegenwart aufeinader treffen. Man klebt nur so an den Seiten und möchte endlich die Wahrheit wissen, wird mit geschickten Pointen wieder in andere Richtungen gelenkt und weiß irgendwann nicht mehr, wen man trauen soll und wen nicht. Als Leser entwickelt man fast schon eine Art Paranoia, die einen blind zu machen scheint und die Verzweiflung Hannas spürbar werden lässt
Das Tempo des Romans zieht dabei stetig an, was auch immer wieder an der Sprache zu merken ist. Wirkt sie anfangs noch langsam, gefühlvoll und betont, wird sie immer gehetzter und peitscht den Leser voran. Jeder einzelner Charakter gewinnt an Facetten, die Doppelbödigkeit verdreifacht sich und auch Hanna zweifelt immer mehr an ihren Verstand. Denn in diesem Roman spielt auch das Paranormale eine Rolle, was oft dazu führt, dass spannende Thriller in die Lächerlichkeit abrutschen. Hanna sieht Steve in Spiegeln, blutüberströmt und schwer verletzt und weiß nicht, ob sie es als real, als Stressreaktion oder Halluzination sehen will. Wird sie langsam verrückt? Die Frage stellt sich auch der Leser und findet diese Tatsache, dass sie ihren Mann sieht, nicht zu abwegig. Auch im weiteren Veraluf, wo die Mysteryelemente zunehmen, wirken sie durchaus authentisch und nicht zu bemüht, so dass es dem Thriller nicht schadet, sondern ihn zusätzlich bereichert.
Besonders gelungen ist in diesem Zusammenhang vor allem die Entwicklung der kleinen Lilou. Verhält sie sich anfangs eher kindgerecht, ändert sie sich im Laufe der Geschichte und man selbst ist immer wieder verwirrt wie sich ein Kleinkind, dass kaum sprechen kann, sich so verhalten kann. Die Frage stellt Janet Clark auch immer wieder ihren Leser und löst sie erst zuletzt auf. Und dieses Gespür für Persönlichkeit schafft gerade die Plastizität, die diesen Thriller zu tragen scheint. Für alle Figuren findet sich ein Bild, dass ohne größere Klischees auskommt und die Stimmung zum Leben erweckt. Man spürt die Kälte, die Härte, die Veränderung in den Personen und wie sich das ganze auf das Ambiente auswirkt.
Die Spannung hält sich bis zum unausweichlichen Showdown, der Vergangenheit und Gegenwart, Warheit und Lüge aufeinanderprallen lässt und einem sprachlos zurücklässt. Jedes Zahnrad fügt sich ein und plötzlich hat man das gesamte Drama vor sich und ist wie verwundert wie sich alles lückenlos ineinanderfügt. Und man kann begeistert den Buchdeckel schließen.

Fazit

Mit "Rachekind" zeigt Janet Clark, dass sie auch den Mysterythriller gekonnt beherrscht. Doppelbödig bis in die Haarspitzen und mit viel Gefühl für Charaktere hat sie einen spannenden Thriller vorgelegt, den man nicht so leicht aus der Hand legen kann.

★★★★

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