Rezension: Germania von Harald Gilbers

11 Januar 2014 |

Zum Buch

Format: Taschenbuch
Verlag: Knaur TB
Seiten: 544
ISBN 978-3-426-51370-5
Preis: 9,99 €

Ein jüdischer Kommissar unter dem Hakenkreuz

Als Jude fristet Richard Oppenheimer in der Hauptstadt Deutschlands ein gefährliches Leben. Unter Goebbels Propaganda und Hitlers Regime leidend, lebt er in der ständigen Angst, dass er irgendwann depotiert wird wie so viele andere. Gemeinsam mit seiner arischen Frau Lisa wohnt er im Judenhaus, die wichtigsten Habseligkeiten in einem Koffer, unter den ständigen Bombenhagel der Feinde Hitlers.
Für Oppenheimer ist klar, dass irgendwann die Gestapo vor seinem Bett stehen würde um ihn mitzunehmen. Doch die Gestapo will ihn nicht aus der Welt schaffen, sondern führt den ehemaligen Kommissar zu einem Tatort. Er soll als Berater für eine Ermittelung dienen, die den Mord an einer Frau aufklären will. Ihre Geschlechtsteile sind herausgeschnitten und ihr Leichnam vor einem Kriegsdenkmal abgelenkt worden. Für Oppenheimer steht fest, dass er es hier mit einem Serienmörder zu tun haben und es nicht sein erster Mord gewesen sein konnte. Gemeinsam mit Vogler, Mitglied der SS, muss er den Fall aufklären, im Nacken die Gewissheit, dass es sein letzter Fall in seinem Leben sein könnte und der Wichtigste in seiner Karriere.

Ein historischer Kriminalroman steht immer vor einer großen Disziplin: Seinen Fall in die geschichlichen Kontext zu setzen. Harald Gilbers erzählt die Geschichte eines jüdischen Kommissars, der unter dem Hakenkreuz ermitteln muss, gegen jemanden, der aus seinem Hass zu Juden keinen Hehl macht. Eine verzwickte Lage für den Kommissar, der selbst Jude ist und zu diesem Fall nur als Hilfe berufen wurde. Eine Hilfe auf Zeit wie er weiß. So abwegig es vorerst klingt, schafft es Harald Gilbers diesen Umstand so nahtlos in den historischen Rahmen zu setzen, dass er glaubhaft wirkt. Er schafft daraus eine Konflitksituationen schon Beginn an, bei dem der Leser gleich auf zwei Punkte angesetzt wird: Den Morfall und die Judenverfolgung. Beides verknüpft er gekonnt zusammen und schafft ein dichtes Netz, welchen man sich als Leser nicht entziehen kann.
Bei jeden Schritt, den Oppenheimer stärker vorangeht, will man ihn zurückdrängen, ihm klar machen wie sein Leben am seidenen Faden hängt. Schon allein die Tatsache, dass er seine Ermittlungen mit seinen SS-Offizier durchführen muss, lehrt den Leser das Fürchten und schafft eine beklemmende Situation. Während die beiden den Serienmörder auf der Spur sind, versucht das vom Krieg gebeutelte Berlin alle Kräfte noch zu mobilisieren, die es gibt. Dabei lässt Harald Gilbers nichts aus, bringt historische Fakten den Leser nahe und spiegelt gleichzeitig das Lebensgefühl dieser Zeit wieder. Man hat das Gefühl, man sieht die Geschichte durch einen monochromen Filter, der einen die Grausamkeit des Krieges und des Holocoust aufzeichnet ohne emotionalen Weichzeichner oder übertriebene Dramatik. Die blanke Realität und die Atmosphäre rauben einen den Atem und man staunt wie klar und genau der Autor recherchiert hat. Bis in kleinste Detail konzentriert er sich auf das Jahr 1944, datiert die Ereignisse und fügt sie wie Randnotizen ein, spielerisch und unaufdringlich. Noch nie spürte man den Krieg so sehr wie in diesem Roman, obwohl hier ein Kriminalfall die Hauptrolle spielt.
Und der Fall arbeitet mit allen Tricks und Kniffen um den Leser und seinem Protagonisten das Runzeln auf die Stirn zu treiben. Wenn man das Gefühl hat, der Lösung nahe zu sein, entgleitet sie wieder und neue Abgründe tun sich auf. Falsche Fährten führen den Leser wie den Ermittler in die Irre und das Fehlen und Züruckhalten von Informationen machen es Oppenheimer schwer den Fall in allen seinen Details zu überblicken. Der Leser hingegen sieht die Welt in der Oppenheimer lebt aus seinem Betrachtungswinkel, bekommt hin und wieder Einblick in die Perspektive eines Anderen, und fühlt die Stagnation der Ermittelung selbst immer wieder. Das hier sogar psychologische Prozesse einfließen, die sich mit der damaligen Forschung und den herrschenden Erkenntnissen verknüpfen, zeigt die Detailfreude des Werkes. Mit Hilde, Ärztin mit losen Mundwerk und Liebe zur Psychologie, speziell der Psyche von Mördern, wird ein Gegenpol für Oppenheimers ruhige Art geschaffen, die der Geschichte noch mehr an Finesse verleiht. Ihr starker und vorlauter Charakter erfreut nicht nur den Leser, sondern zeigt auch immer wieder auch die Ecken und Kanten von Oppenheimer auf. Das Menschliche geht ihm nicht verloren, trotz aller Verbitterung, die viele Charaktere verspüren in den Trümmerhaufen, in denen sie leben. Sie passen zu ihrer Zeit, verhalten sich zeitgemäß und fügen sich nahtlos in das Konstrukt des Kriminalromans. Bei vielen wird klar, dass die Einteilung in Böse und Gut gar nicht so einfach ist. Dass man manchen Leuten schwer die Fehler vorwerfen kann, die sie begehen müssen um sie überleben und ist doch erschrocken wie grausam sich manche den Parolen angepasst haben.
Die Erzählsweise ist dabei so leicht und gleichzeitig so anspruchsvoll, dass man als Leser an den Seiten hängen bleibt. Eine Stimme, ruhig und betont, die eine Sprache spricht, die sich von großen Spielereien löst und die Dinge auf den Punkt bringt, Plastizität erschafft und vollkommene und klare Bilder produziert. Passend zur jeweiligen Perspektive, wird sprachlich abgeändert und der ruhige Ton Oppenheimers ändert sich, sobald die Emotionalität die Oberhand gewinnt, wird rasanter, wenn der Leser den Atem anhält und einfühlsam, wenn es um das Leid geht.
All diese Elemente schaffen einen großartigen Kriminalroman, zur Zeit des zweiten Weltkrieges, der sich perfekt in seine Zeit einfügt. Aufwühlend, beklemmend und unglaublich detailreich. Bis zum Schluss ist man sich nicht sicher, über das Ende, über den Tathergang, über die Wahrheit des Falls und vor allem über Oppenheimers Schicksal, welches immer in der Schwebe steht. So sollte ein Historienkrimi sein!

Fazit

Harald Gilbers erzählt in "Germania" eine aufwühlende und beklemmende Kriminalgeschichte über einen jüdischen Kommissar, der unter den Hakenkreuz ermitteln muss. Herausragend recherchiert, voller Detailfreude und unglaublich authentisch bildet er eine Zeit ab, in der der Tod auf den Straßen herumlief. Eine rasante und spannende Geschichtsstunde, die man nicht so schnell vergisst und sich nicht entgehen lassen sollte. Unabhängig davon, ob man Krimi- oder Historienfan ist!

★★★★

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