Rezension: Ghostman von Roger Hobbs

18 Januar 2014 |

Zum Buch

Format: Paperback
Verlag: Goldmann
Seiten: 384
ISBN 978-3-442-31337-2
Preis: 14,99 €

Ein Mann wie ein Geist

Der Überfall auf ein Kasino scheint eine sichere Bank: schnell, simpel und kann eigentlich nicht fehlschlagen. Bei einer Geldtransaktion sollte alles nach Plan laufen, die frisch gedruckten Noten geklaut werden, der Wagen verbrannt und ins Fluchtfahrzeug gestiegen werden. Ein einfacher Coup, perfekt durchdacht, über Monate hinweg geplant und ausgekunschaftet. Aber der Coup geht schief: die Männer werden attackiert, es fliegen ihnen Kugeln um die Ohren und sie werden getroffen. Das Geld verschwindet im Nirgendwo und keiner weiß, wo es sich befindet. Doch die Zeit ist hier der Gegner! Die Bundesbeiladung führt dazu, dass nach 48 Stunden das Geld wertlos werden soll. Farbbeutel explodieren und verschmieren die Banknoten, die unbrauchbar werden. Ein knappes Zeitfenster, dass über Erfolg und Misserfolg entscheidet.
Marcus, Initiator und Planer des Kasionüberfalls, muss eingreifen um sich selbst zu schützen. Irgendjemand muss seinen Mann finden, der die Kohle hat und das Schlimmste verhindern. Für ihn kommt nur der "Ghostman" in Frage, dessen tägliches Geschäft das Verschwinden, das Vertuschen und Verwischen von Spuren ist. Er ist der Beste in seinem Job und jemand, der schwer zu fassen ist.
Er soll der Sache auf den Grund gehen und die Beweise vernichten. Ihm bleibt nicht viel Zeit um die Weste von Marcus reinzuwaschen, aber er muss es tun. Ein Fehler vor fünf Jahren hat dem "Ghostman" und damit auch Marcus viel abverlangt... und somit schuldet der "Ghostman" ihm noch einen Gefallen. Aber Marcus ist nicht der Einzige, der es auf das Geld abgesehen hat...

"Ghostman" beginnt wie ein klassischer Hollywood-Actionthriller. Rasant, actionreich und mit viel Blei wird die Geschichte aufgegriffen und schafft eine starke Atmosphäre. Man spürt einen Hauch von "Ocean's Eleven". Zumindest glaubt man das noch, wenn man sich auf den Rest einlassen will.
Actionthriller haben die Angewohnheit mit gewissen Klischees zu arbeiten. Sei es das immer toughe Auftreten der Charaktere, das ständige Herumgeballere und die krassen Sprüche, die zu einem waschechten Actionthriller gehören. Bei "Ghostman" von Roger Hobbs geht das alles ein wenig unter, während bei manchen Stellen geprotzt wird.
Zuerst ist man ziemlich überrascht wie unaufdringlich der Protagonist daherkommt. Ein sehr sympathischer Mensch, der seine Bestimmung als "Ghostman" gefunden hat. Jemand, der gerne verschwindet, Dinge verschwinden lässt und sich für alte lateinische Texte begeistern kann. Ein interessanter Charakter, fernab vom üblich muskelbepackten Image, welches man überlicherweise aus der Konserve serviert bekommt. Kein klassicher maßgeschneiderter Anzugträger mit Protzuhr, sondern ein vielschichtiger, gewitzter Mensch mit analytischen Blick auf die Welt.
Doch ab da beginnt die Klischeeparade und sie lässt einen immer öfter den Kopf schütteln. Seien es die obligatorischen (natürlich nicht intelligenten) Skinheadsmit natürlichen allen neonazihaften symbolischen Tattoos - darf in keinen Actionthriller fehlen! - das Drogenkartell, die natürlich viel zu vielen Süchtigen unter den Kriminellen, die immer gleichen Muskelkästen, das Russische Roulette und so weiter und so fort. Manches kann man sagen, gehört noch zu einem guten Actionthriller dazu, doch hier häufen sich die Personen derart und sind oft so unausgereift, dass man keinen Spaß mehr daran hat. Sie wirken wie schlechte Statisten, denen man ihre Position zugewiesen hat und dabei bleibt es.
Und der Spaß vergeht auch einen mit den vielen Logikfehlern. Natürlich verlangt keiner, dass ein Actionthriller immer logisch sein muss, aber ein gewisser Grad an Authenzität sollte geachtet werden, wird aber hier rigeros in die Tonne geworfen. Egal ob es die Wahrscheinlichkeiten sind, dass er die Sache überleben konnte, das übermenschliche Glück, was ihm wiederfährt oder einfach die kleinen Dinge, die das Lesen immer schwieriger machen. Als Beispiel: Mit einem Wasserglas hört er, was im Nachbarzimmer geschieht, obwohl betont wurde wie gut isoliert die Zimmer sind. Er hört sogar das Atmen!
Ermittlerische Details geben ebenso wenig einen Sinn oder nur mit einen enormen Aufwand an Zusatzinformationen, die einen nicht gegeben werden. Oft springt man einfach von einem Handlungspunkt zum Nächsten und hat das Gefühl, die Anknünpfungspunkte verpasst zu haben oder sie nur schlappig präsentiert bekommen zu haben. Das komplette Filmwissen aus CSI und Co. wird einem ntgegengeschleudert und das nicht immer logisch und wohl überlegt.
Auch beim Schreibstil zeigen sich einige Macken, die einen nicht nur stören, sondern irgendwann nerven. Das Erste, was einem ins Auge springt, ist das ständige Zertreten von Mobiltelefonen. Es wird nicht nur einmal erwähnt, sondern zigtausendmal, was für den Leser irgendwann zu einer Selbstverständlichkeit geworden sein sollte und nicht in einem Nebensatz erwähnt werden könnte. Selbiges haben die Schlussszenen am Kapitel, wo pflichtbewusst auf die Zeit gesehen wird. Dies zeigt zwar die Detailliebe des Autors, der gerne analytisch und genau die Geschenisse, Mecahniken und Techniken der kriminellen Machenschaften beschreibt, und dies durchaus gekonnt herüberbringt, aber führt auch dazu, dass der Leser sich auf langatmige Stellen einstellen muss, bei denen man nicht voran kommt. Er findet nicht die Grenze zwischen Geschwafel und Feinschliff. Roger Hobbs hat ein Auge für Szenen, transkriptiert diese eher filmisch als literarisch. Man wir das Gefühl nicht los, man lese eher ein Drehbuch zu einem Film, als wirklich einen durchdachten Roman.
Auch der klassiche Aufbau zwischen dem Vorfall vor fünf Jahren, wo ihm der Fehler unterlaufen ist, und der jetztigen Situationen haben wenig Bindeglieder. Oftmals sind die Sprünge zwischen den Zeitebenen eher störend als der Spannung förderlich, da sie nur lose miteinander zusammenhängen und das Schicksal von damals keinen wirklichen Einfluss auf die Gegenwart hat.
Die Handlung wird durch ihre Logikfehler auch undurchschaubar, aber nicht durch seinen genialen Plot, sodass auch das Ende einen nicht sofort ersichtlich war. Doch das geschaffene Netzwerk, welches zusammengezogen werden soll um das System zum Fallen zu bringen, bringen nicht jeden Dominostein zum Fallen. Bilder bleiben stecken, Handlungsstränge verlieren sich in überinterpretierten Plots und finden zu keinen vernünftigen Gesamtschluss. Zwar hat man hin und wieder eine gelungene Pointe, die aber durch andere Wendungen wieder relativiert werden und in Ödnis verlaufen. Dabei wird wenigstens der eigentliche Schluss dem Protagonisten gerecht, schließt aber bei weitem nicht den riesigen Kreis, den der Autor und die Geschichte gezogen hat.

Fazit

"Ghostman" hat jede Menge Potenzial für einen verdammt guten Actionthriller, macht sich aber durch seine eigenen Fehler und den aufgegriffenen Klischees selbst kaputt. Als Film hätte der Roman vielleicht gut funktioniert, als Buch tut sich die Story sehr schwer über die Oberfläche und ihre Logikfehler hinwegzutäuschen.

★★

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