Rezension: Ich bin Tess von Lottie Moggach

26 Februar 2014 |

Zum Buch

Originaltitel: Kiss Me First
Format: Gebunden
Verlag: script5
Seiten: 352
ISBN 978-3-8390-0158-5
Preis: 17,95 €

Virtuelles Leben nach dem Tod

Leila ist schon immer ein wenig ausgeschlossen von der Welt, die sie umgibt. Während ihrer Schulzeit hatte sie nicht viele Freunde und musste sich stets um ihre an MS leidende Mutter kümmern. Andere gingen derweil auf Partys, ließen sich ablichten und stellten ihre Fotos auf Facebook. Das ändert sich nicht, als ihre Mutter stirbt und sie in ihre eigene Wohnung zieht. Ihre Zeit schlägt sie mit "World of Warcraft" tot bis einer der Mitglieder sie auf "Red Pill" aufmerksam macht. "Red Pill" ist ein Forum für Philosophen, die sich mit komplizierten Fragen auseinandersetzen, sie diskutieren und gegenseitig hinterfragen. Leila fühlt sich schnell heimisch und schafft es sogar zu den Elite-Mitgliedern, erhascht sich damit auch die Aufmerksamkeit des Schirmherren Adrian. Er macht ihr ein unglaubliches Angebot: Er braucht jemanden mit ihrem Verstand, der sich um das Leben von Tess kümmert. Sie will Selbstmord begehen, aber Familie und Freunden so wenig Schaden wie möglich zufügen. Daher sei die Aufgabe, die E-Mails zu beantworten und sich um den Facebook-Account kümmern, um ihr ein virtuelles Leben nach dem Tod zu schaffen. Leila willigt ein und fragt sich in E-Mails und Skype-Gesprächen durch Tess' Leben, mit all ihren Abgründen. Aber ist es wirklich die richtige Entscheidung, die Rolle eines anderen zu übernehmen, der sterben will?

Was als Kritik am Schein und Sein der sozialen Netzwerke anfängt, geht bald weit über die Grenzen hinaus und wirft philosophische Fragen auf, denen man sich bisher nicht gestellt hat. Kann ich eigentlich meinen Tod nicht selbst bestimmen, so wie ich es möchte? Darf ich mein Leben einfach beenden, wenn ich sage: Ich habe genug gelebt? Was ist mit Sterbehilfe? Muss man in einer solchen Situation jemanden aufhalten? Unbequeme Fragen, mit denen man sich plötzlich konfrontiert sieht und die durch die Persönlichkeit von Leila von allen Seiten beleuchtet werden. Ihre analytische, nachdenkliche und leicht unterkühlte Art schafft eine starke Distanz zwischen Leser und Protagonisten, die einen klaren Kopf für die Ereignisse schafft, aber gleichzeitig das Innere des Charakters widerspiegelt. Es zeigt die fehlende Lebenserfahrung, wie sie vom Leben ausgeschlossen ist und sie sich hinter ihrem Computer verbarrikadiert. Obwohl sie sich in ihren Zwanzigern befindet, in der Blüte ihres Lebens, ist sie jemand, der vom Leben selbst keine Ahnung hat und durch die Krankheit ihrer Mutter von der Außenwelt abgeschottet wurde. Kontrastiert wird sie durch Tess, eine Person, die sich in Partynächten volllaufen lässt und irgendwo in den Dreißigern hängt. Exzentrisch gelebt, dekadent verdammt und sich in der Esoterik verlierend, ist sie am Abgrund, will nicht mehr. Doch Leila scheint ihr diese Möglichkeit zu geben, dieses Leben aufgeben zu können.
Das Leben 2.0 bietet dafür die passende Plattform. Sie muss nur verschwinden, ihr Wesen wird digital konserviert. Der E-Mail-Account wird gepflegt und ihr Facebookprofil weiter mit Bildern gefüttert. Also ist sie am Leben, oder? Leila nimmt ihr Leben an und auch für den Leser wird es immer schwerer eine Grenze zu ziehen, was ist noch Tess, was ist noch Leila. Schon bei der sehr seltenen Nennung des Namens der Hauptfigur wird klar, was für ein Konzept hinter Leila steckt. Sie ist namenlos, ohne wirkliche Identität, eine Art Nichts, welches durch Tess erstmals aus seiner Fassade brechen kann. Lottie Moggachs Schreibstil macht diese Dynamik erst möglich. Tess und Leila sind so stark abgegrenzt, von Sprache, von Persönlichkeit und Auftreten, dass man vor allem von Tess einen bleibenden Eindruck erhält, während Leila wie eine Nebenfigur erscheint. Der analytische und geistreiche Stil, der einen Gedankengang noch Seiten weiter tragen kann, sich gerne im Detail verliert, fasziniert und man kommt selbst ins Grübeln. Man hinterfragt sein eigenes Internetleben, dessen Wahrheit und die eigentliche Realität, außerhalb von Messages.
Leila, die ihre Geschichte niederschreibt, dabei den Leser oftmals direkt anspricht, klagt beim Leser ihr Leid, während sie in Spanien sitzend einen Rückblick gibt, Teile ihrer eigenen Vergangenheit aufgreift. Nur scheibchenweise offenbart sie ihr wahres Wesen, rezitiert Momente aus dem Leben von Tess und die Tragweite ihrer Aufgabe wird deutlich.
Was ist also mit einer Internetpersönlichkeit? Können wir das Leben eines anderen leben, zumindest virtuell, ohne dass es uns selbst verändert? Der Roman stellt uns diese Frage und stellt sich durch seine Machart selbst das Bein. Manchmal ist es schwer zu glauben, dass der Kontakt von Familie und Freunden mit Tess fast ausschließlich über E-Mail erfolgt. Gerade Facebook verkommt hier zu einer Randerscheinung. Dieses Medium hätte mehr Aufmerksamkeit benötigt, trotz allem oder gerade wegen dem Aspekt, dass Tess nicht die klassische Altersgruppe des Netzwerkes ist. Dies ist nur ein kleines Problem des Romans. Viel schwieriger verhält es sich mit der Verdichtung zum Ende, in der die Ereignisse zusammengezogen werden und sich in einer leicht überkonstruierten Gesamthandlung wiederfinden. Die Idee ist perfide und durchdacht, lässt einen Schlucken, nagt aber gewaltig an der Glaubwürdigkeit des Romans, unabhängig davon, dass dahinter ein wahres Szenario steckt. Es bleiben viele Fragezeichen übrig, bewusst für uns so gehalten, um dem Leser den Raum zu geben, seine eigene Meinung zu bilden. Er darf Antworten für sich selbst finden, ohne dass sie ihm aufgedrückt werden. Doch eine bleibt bestehen: Was hätte ich für Tess getan?

Fazit

 Mit "Ich bin Tess" greift Lottie Moggach ein brandheißes Eisen an: die Digitalisierung unseres Lebens und unser Umgang damit. Ein besonderer Roman mit tiefgreifender Thematik rund um den Tod und das Internet, der sich in seinem Szenario ein wenig verheddert. Lesenswert und brisant. Ein Roman, der auch nach dem Ende die Gedanken kreisen lässt.

★★★★☆

Kommentare:

  1. Die Rezensionen zu diesem Titel sind bisher einfach soooo durchwachsen... eigentlich klingt es wirklich interessant, allerdings reizt es mich trotzdem nicht so sehr. Dennoch, schönes Fazit!

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  2. Dir scheint es deutlich besser gefallen zu haben als mir :). Ich finde es immer total spannend zu sehen, wie unterschiedlich ein Roman wahrgenommen wird :) Tolle Rezi

    Liebe Grüße

    Nicole

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  3. Fand das Buch leider nur durchwachsen, es ist natürlich eine interessante Thematik und gerade gegen Ende wurde es auch spannend aber sonst, fand ich es einfach zu langweilig gehalten.

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  4. Hallöchen Sky,
    Uff. ich weiß nicht, was ich noch glauben soll. Bei diesem Buch gehen die Meinungen ja wirklich sehr weit auseinander! Ich denke, dass für mich persönlich dieses Buch eher nichts ist, aber ich glaube schon, dass es ein durchaus interessantes Thema behandelt!
    Ich danke dir für deine tolle Rezension! Auch wenn du mich trotzdem nicht davon überzeugen konntest ^^

    Liebst, Lotta

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  5. Hey =)
    Ich finde du hast das Wesen von Leila und ihre Beweggründe ganz fabelhaft analysiert und dargestellt! Wirklich toll! Mir hat das Buch auch gefallen, obwohl es Ecken und Kanten hat. Das offene Ende fand ich sehr gelungen.

    LG
    Anja

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