Rezension: Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen von Franziska Wilhelm

21 Februar 2014 |

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Format: Gebunden
Verlag: Klett-Cotta
Seiten: 208
ISBN 978-3-608-93992-7 
Preis: 18,95

Die Kneipe der Selbstmörder

In Strottenheim ist nicht viel los, mal abgesehen davon, dass es als sehr beliebter Ort für Selbstmorde gilt. Und nicht selten trinken sie ihr letztes Bier in der Sportplatzkneipe, ganz in der nahe von den Gleisen, wo man sich wunderbar vor die nächste Bahn werfen kann. Sie gehört Rosana, die mit ihrer Schönheit und Charme schon so manchen Menschen vor der Klippe bewahrt hat. Und da ist noch Milla, ihre Tochter, die die Gäste bedient und überall anpackt, wo es in der Kneipe am Nötigsten ist Der Alltag verfolgt sie oft ereignislos und die einzigen Höhepunkte die sie erlebt, sind mit ihrem Onkel Jano. Mit ihm wettet sie um die armen Seelen, die Rosana nicht vor ihrer Todessehnsucht fern halten konnte. Doch ihr Verhältnis ist gerade in den Augen der Großmutter Luca viel zu intim geworden. Zu besonders erscheint ihr das und so verwundert sie es nicht, als Jano eines Tages abgehaut.
Denn Milla und Jano schleichen sich in eines der Häuser, nicht das erste Mal, und werden bei ihrer Aktion erwischt. Danach haut er ab und lässt sie allein zurück. Und wer hätte gedacht, dass gerade ein Selbstmörder sich mit ihr auf die Suche macht. Sie ist ihm gefolgt, als er sich vor dem Zug werfen wollte und hat ihn unfreiwlligerweise aufgehalten. Der Gute ist Paketfahrer und begibt sich gemeinsam mit Milla auf einen Roadtrip, der sie beide verändern wird, auf der Suche nach Jano.

Was Franzisksa Wilhelm uns da auftischt, ist kein üblicher Roadtrip, sondern einer mit teils skurrilen Momenten, viel Lebensnähe und den Wunsch sich selbst zu finden, die Freiheit zu bekommen, nach der man sich so sehr sehnt, ohne es vorher gewusst zu haben.
Mit Milla hat sie eine Figur geschaffen, die sich selbst sucht und aus der Tristesse des Drofes herausbrechen will. Sie ist jung, sie will sich entfalten können, aus der Enge und dem kleinen Kreis des Hochhauses ausbrechen und sehnt sich nach besonderen Momenten. Dass dies gerade mit dem Paketfahrer passiert, der vor den Zug springen will, ist reiner Zufall und doch finden sie zusammen, auf ihre Art und Weise. Die Protagonistin erzählt mit ihrem trockenen Humor, ihrer eigenwilligen Art zu denken und ihren Sinn für spezielle Vergleiche, über die neue Freiheit in der DDR, fährt mit Kalle vorbei an Dörfern, die sich derselben Scheinheiligkeit hingeben, trifft Menschen, die durch ihre Eigenheiten sich dem Leser als Menschen präsentieren. Hier wird nicht ausgeschmückt, hier wird sich nicht in Worten verloren, hier wird Klartext geschrieben ohne großen literarischen Plattitüden und Satzmonstern.
Und immer wieder steht da die Frage, ob dass was sie suchen, auch wirklich das ist, was man wirklich will. Ist der Beweggrund der Richtige, will Jano überhaupt gefunden werden? Und was ist mit Kalle? Diese Empfindungen und Gefühle der Beiden machen sie zu unaufdringlichen Persönlichkeiten, so plastisch dargestellt, dass man in ihnen die Wärme spürt, die Zweifel in den Stirnfalten erkennt und sich die Bilder immer mehr in den Kopf schleichen, die wie einem Roadmovie durch den Schädel rasen.
Über allem schwebt dieser Hauch der Melancholie, die Last, die uns Menschen oft ergreift, wenn wir uns selbst verloren haben und neu zusammensuchen müssen, und man sich mit einem Galgenhumor über Wasser hält um nicht darin zu ertrinken. Manchmal gelingt den Leser ein Schmunzeln, wenn er über die Seiten schwebt.
Franzsiksa Wilhelm rutscht nicht einmal in das Fettnäpfchen der Klischees, wird nicht schwülstig und schreibt doch über die Suche nach dem Glück und der Liebe, so authentisch und unglaublich überraschend, dass man sich in der Geschichte verliert. Mit Tiefgang und emotionaler Nähe schafft sie uns den Zugang zu zwei Menschen auf der Flucht vor dem, was sie einmal waren, aber niemals sein wollten. Zwei Menschen, die sich den Stereotypen nicht anschließen wollen und gerade dadurch menschlich sind.
Nicht nur einmal wird man vom Verlauf der Dinge überrascht und oftmals hinterfragt man die Reaktionen der Beiden, um doch nickend sich einzugestehen, dass sie es nicht besser machen konnten. Sie steuern auf ihren Weg die ungewöhnlichsten Orte an, finden Worte und dann wieder nicht und landen schlussendlich in einem Ende, welches man nicht kommen sah, aber einem leise angedeutet wurde und hätte doch am liebsten den Weg der beiden noch weiter begleitet, egal in welche Richtungen sie auch immer sich bewegen werden.

Fazit

Franziska Wilhelms Debüt "Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen" ist eine unaufdringliche Geschichte, die Klischees gekonnt umschifft und mit zwei Persönlichkeiten aufwartet, die sich dem Stereotypen verweigern. Ein authentischer Roadmovie mit leichter Melancholie, Tiefgang und ohne Schwülstigkeit, dem man ein Lächeln schenken kann.

★★★★

Kommentare:

  1. Hallöchen Sky :D
    hahahaha mein handy wollte gerade 'Skype' schreiben xD lustig, musste ich jetzt mal loswerden ^ ^ !
    danke für deine wunderbare Rezension. Das Buch hat mich wirklich allein vom Titel her schon magisch angezogen und ich denke, dass es ein bisschen höher gerutscht ist auf meiner Wunschliste :D
    Vielen Dank dafür ;)

    Liebst, Lotta

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    1. Was hast du nur für ein Handy :D

      Der Titel ist genial und der Inhalt kann damit sehr gut mithalten ;) Also nicht zu lange auf der Wunschliste stehen lassen.

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