Rezension: Ohne jeden Zweifel von Tom Rob Smith

05 März 2014 |

Zum Buch

Originaltitel: The Farm
Verlag: Manhattan
Seiten: 384
ISBN 978-3-442-54678-7
Preis: 19,99 €

Kann ich meiner Mutter trauen?

Daniel hatte eine wohlbehütete Kindheit. Seine Eltern liebten sich über alles und führten eine erfolgreiche Gärtnerei, die sie aufgaben um sich schlussendlich in Schweden, die Heimat seiner Mutter, zur Ruhe zu setzen. Ihr Sohn wiederum blieb in London und zog mit seinem Partner Mark in eine Wohnung. Seitdem haben sie sich nicht mehr gesehen und führten nur Kontakt über E-Mails. Die Besuche nach Schweben verschiebt Daniel immer verschiebt immer wieder, aus Angst zu seiner Sexualität stehen zu müssen, bis ihn eines Tages ein besorgter Anruf seines Vaters erreicht. Seine Mutter sei in einer geschlossenen Anstalt untergebracht worden, sie gilt als gefährlich und scheint psychische Probleme zu haben. Kurzerhand besorgt Daniel sich ein Flugticket nach Schweden um das nächstbeste Flugzeug zu erwischen. Doch dieser Plan ändert sich bald, als ihn nichtsahnend seine Mutter informiert, dass sie auf den Weg nach London sei und sich aus der Anstalt selbst entlassen hat. Seinem Vater soll er nichts glauben und ihn auch nicht über ihren Aufenthaltsort informieren. Sie behauptet, er ist in einem Komplott verstrickt und hat sie in die Psychiatrie einweisen lassen, damit sie als verrückt gilt. Auf einmal steht er zwischen den Stühlen. Wen soll er glauben? Seiner Mutter oder seinem Vater?

Schon mit diesem Anfang schafft Tom Rob Smith eine Dramatik und eine verzwickte Situation, die kein Kind jemals erleben möchte. Wen soll man glauben und welchen Elternteil soll man trauen? Seine Mutter reist zu ihm nach London und erzählt ihm chronologisch eine Geschichte, bei der weder der Leser noch Daniel weiß, was wirklich wahr, was Fiktion ist oder was genau dahinter steckt. Spricht sie doch über die Wirklichkeit? Aber sie gilt doch als krank... ist sie doch gesund?
Erschreckende Dinge und verworrene Gedanken, die einen nicht sofort erschließen, werden zu einem Netz, dessen man sich schwer entziehen kann. Seine Eltern haben sich aus reinen Geldgründen nach Schweden abgesetzt und der Ort schien sie von Anfang an nicht zu akzeptieren. Die Dorfgemeinschaft grenzt sie aus und jeder scheint gegen sie. Einmal ist man der Meinung, man darf der Mutter nicht glauben, dann wiederum hat man das Gefühl man muss ihr glauben schenken. Ständig in dieser Schwebe gehalten, läuft man dabei durch eine Geschichte, die ein idyllisches Schweden zeichnet mit all seiner Natur und Fröhlichkeit, dass überschattet wird von moralischen Wunschdenken. Klischees werden durchbrochen und man bekommt einen Blick auf die Lebensweise dort, die mehr als finster ist. Dorfharmonie, die scheinheilig ist, vermeindliche Nächstenliebe und christliche Tugenden, die hinter dem Rücken auf einmal verschwunden sind. Auf den gekauften Hof in Schweden lebend, geht es um Intrigen und seltsam anmutende Momenten, die fast schon traumhaft wirken, die an den Verstand der Mutter Zweifeln lassen. Trotzdem spürt man, dass dahinter mehr steckt, doch sie lässt sich weder vom Leser, noch von Daniel zu Vorgreifungen überreden.
Im Kontrast dazu steht Daniels eigene Stellung als ungeouteter homosexueller Mann, der seinen Eltern eine Lüge vorgelebt hat. Mit seinem Partner Mark zusammenlebend, konnte er sich in diesem Punkt nie bei seinen Eltern öffnen, egal wie viel Liebe sie für ihn aufgebracht haben. Selbiges gilt auch für die Eltern, die ihn über die reale finanzielle Situation der Eltern nie aufgeklärt haben, ihn damit nicht belasten wollten. Ein stetig schleichender familiärer Zusammenbruch scheint zu entstehen, dessen Folgen man noch kennenlernen wird.
Die Erzählungen der Mutter dominieren die Handlung. Ihre Erzählweise ist unterkühlt, analysierend, fast schon verhärtet und werden durch ihre panischen und paranoiden Momente durchbrechen. Der Leser weiß nur Schritt für Schritt, was Daniels Mutter mitteilen will. Aber was davon ist die Wahrheit? Diese enthüllt sich erst zum Schluss, als der Fokus von der Mutter verschwindet und sich auf die Suche nach der Wahrheit hinter der Geschichte begeben wird. Eine Suche, die mehr als eine Überraschung birgt.
Wer versucht hinter den Lücken der Geschichten zu gelangen, hat es schwer. Tom Rob Smith gelingt es mit psychologischer Detailverliebtheit eine authentische Geschichte zu erschaffen, die nicht nur um eine Ecke gedacht hat. Die Rollen sind strikt getrennt und trotzdem kann sich der Leser nur schwer ein Urteil bilden, ist stetig verunsichert wie er welche Personen einschätzen muss. Die Entwicklung der Charaktere ist sehr unterschiedlich und er findet jeweils passende Auslöser, um aus seinen Konzeptfiguren wahrliche Menschen zu machen. Verzweiflung, Missglaube, Verrat und die Lügen über sich selbst und die, die andere erzählen, treiben ein unheimliches Spiel in diesem Thriller. Lügen, die einen nicht nur einmal den Mund offen stehen lassen. Der Autor kennt die Schwächen der Menschen und weiß, wo er sie anlegen muss um sie zu dramatischen Szenarien zu verbinden. Dabei ist es gerade die psychologiche Komponente, die einen das Fürchten lehrt. Sehr tiefgehend gezeichnet bis ins kleinste Detail stimmig, sodass sich jedes Häarchen in das Ende fügt.
Manchen wird die Spannung fehlen, obwohl diese gerade durch die Verunsicherung zum Reißen gespannt ist. Seltsam ruhig kommt der Thriller daher und es schleicht sich der ein oder andere Durchhänger durch, es entstehen Längen. Manchmal fällt die Spannungskurve, durch den schlichten Aufbau, nach unten und man muss sich bis zum Ende durchbeißen, sich etwas aufraffen um weiter zu lesen, da gerade die Erzählweise der Mutter, die stringend die Geschichte erzählt, einen anfängt zu nerven. Doch das Ende belohnt einen, ist perfekt ausgeschlüsselt und beantwortet die kleinste Frage, was man nie für möglich gehalten hat. Es bricht mit Moralvorstellungen und bringt in einem Entsetzen herver, auch wenn es an mancher Stelle fast zu perfekt und versöhnlich erscheint und die Glaubwürdigkeit etwas angekratzt wird.

Fazit

"Ohne jeden Zweifel" ist ein tiefenpsychologischer Thriller, der mit der Verunsicherung seiner Leser spielt. Tom Rob Smith hat ein Gespür für menschliche Schwächen und schafft eine dynamische Geschichte, die, trotz ihrer leisen Töne, einen unglaublichen Sog entwickelt. Eine Geschichte, die Schwedens Idylle auf den Kopf stellt und psychologisch dicht erzählt ist.

★★★★☆

Kommentare:

  1. Bei meiner Aufräumaktion habe ich entdeckt, dass ich von dem Autor sogar ein Buch habe. "Kind 44". Kennst du da auch?
    Aber so oder so macht mich deine Rezi total neugierig auf das Buch, das hiermit auf jeden Fall auf die Wunschliste wandert. ;-)

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    1. Also den Titel hab ich schon gehört, lesen wollte ich ihn eigentlich auch schon... bisher kam es bloß nicht dazu. Man hört aber viel Positives darüber.
      Ich hoffe, es wird dir gefallen :)

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