Rezension: Make it count - Gefühlsgewitter von Ally Taylor

27 April 2014 |

Zum Buch

Verlag: freytag Literatur
Format: Taschenbuch
Seiten: 300
ISBN 978-1-497-42498-2
Preis: 9,90€

Katie & Dillen

Als Katies Vater bei einem Unfall ums Leben kommt, ändert sich ihr Leben vollkommen. Gezwungen zu ihrer Mutter nach Oceanside zu ziehen, eine Kleinstadt am Meer, sitzt der Schmerz des Verlustes tief. Sie sagt sich selbst, sie sucht keine Freundschaften und Menschen in ihrer neuen High School, weil sie bald eh auf College gehen wird und landet doch in den Armen von Dillen. Magisch von ihm angezogen, verfällt sie ihm und findet sich selbst wieder in Zurückweisung und der stetigen fremden Zuneigung zu ihm. Doch warum kommt sie ihm nicht näher, was liegt zwischen innen? Immer mehr verliert sie sich in ihrem Träumen und Wünschen, erkennt sich bald selbst nicht mehr wieder bis die Realität sie wieder einholt.

Hinter den typisch amerikanischen klingenden Namen Ally Taylor verbirgt sich keine andere als Anne Freytag. Gemeinsam mit der Autorin Carrie Price (Pseudonym von Adriana Popescu) schreiben die beiden Autoren, die sich in der Indie-Szene einen Namen gemacht haben, eine Reihe von "New Adult" Bänden, die unter "Make it Count" zuammenfasst werden. Sie sind unabhängig voneinander und folgen keiner Chronologie.
Und wer jetzt aufstöhnt: New Adult? Muss das sein? Keine Angst, wer Anne Freytag kennt, der kann sich bei Ally Taylor auf etwas einstellen, worauf man eigentlich im "New Adult" hofft: Eine Geschichte, die weiß zwischen amerikanischen Teenagerfilm, den passenden Klischees und Niveau sich halten ohne dümmlich oder zu künstlich zu werden. Bei "Gefühlsgewitter" ist es genau diese Mischung, die gute "New Adult"-Literatur braucht.
Katie sticht als Charakter sofort heraus. Intelligent, mit Chance in Harvard zu studieren, liebt Bücher und doch schön, ist sie auch jemand, der sich wie jeder anderer nach Liebe sehnt. Der Tod ihres Vater wirft sie aus der Bahn, hatte sie doch nie jemand anderen mehr geliebt als ihren Vater. In Oceanside, die kleine Küstenstadt in der wir alle gerne leben würden, fühlt sie sich nicht wohl. Mit ihrer Mutter, die sich nie um sie gekümmert hat, ihrem Mann und dessen Sohn lebend, fühlt sie sich missverstanden. Und dann ist die Liebe plötzlich da, wobei sie vorher gar nicht so wichtig war, eigentlich nie aufgetaucht ist. Wäre da nicht Dillen, aber der will sie anfangs gar nicht so richtig haben. Trotzdem kann sie nichts gegen ihre Gefühle tun, stürzt in Gehirnexplosionen, die sie nicht haben will, gegen die sie sich nicht wehren kann. Jetzt könnte man Kitsch erwarten, übertriebene Gefühlsbeschreibungen, vollkommen überzeichnet. Stattdessen bekommt man echte Gefühle, poetisch erzählt, dass einen das Herz vor lauter Emotionen ausgequetscht wird. So wundervoll verfasst, gekonnt phrasiert und strukturiert, so voller Leben. Man möchte immer wieder mitweinen, wenn Katie wieder vor der Welt steht, verzweifelt und nicht mehr weiß, was sie tun soll.
Die Dynamik der Beziehung zwischen Katie und Dillen ist voller aufs und abs. Voller Drama, sie nähern sich, dann wieder nicht, sind sie wie zwei Magnete, die sich anziehen um dann wieder auseinanderzudriften, weil sich die Pole ändern. Dillen, als Einzelgänger, der seine wahren Gefühle und Probleme versteckt, attraktiv und umschwärmt, der keine Liebe zeigen kann, weil er sein wahres Ich lieber für sich behält und Katie, die Verletzte, die sich nach ihm sehnt, vielleicht sein wahres Ich erkennt.
So werfen neue Situationen Dinge in ein neues Licht und man steht wieder vor neuen Problemen, die es so lösen gilt. Alles eingefügt in den Rahmen einer Geschichte, die es versteht Teenangerdrama, die Probleme der ersten Liebe und dem ganzen drumherum zu erfassen, mit der nötigen Selbstironie gespickt und gekonnt überzeichnet. Manche Charaktere und Momente sind so wie man sie sich wünscht. Etwas über die Realität hinaus, etwas mehr Drama, etwas amerikanischer. Und doch genau die richtige Menge davon, ohne Künstlichkeit, ohne schwachsinnig zu werden. Stumpfsinn hat hier keine Chance.
Selbst die Königsdisziplin, die Sexszenen, sind einfach perfekt emotionalisiert, trotzdem nicht verblümt, kaschieren nichts. Sie sind erotisch, nicht pornographisch, mit dem nötigen Ernst und dem Verständnis erfasst. Nichts ist daran unrealistisch oder überspielt. Und wieder so wunderschön, voller unglaublicher Metaphern, so lyrisch und wundervoll, dass man nicht mehr weiß, welcher Sinn zuerst angesprochen werden soll. Es nimmt einen mit, treibt einen tiefer in die Handlung hinein ohne sich wehren zu können.
Alles zusammen verdichtet sich zu einer einzigartigen "New Adult"-Geschichte voller Herz, stimmiger Persönlichkeiten, die fühlen statt Konzepten zu folgen und trotzdem mit gekonnten Sinn für Übertriebenheit.
"Gefühlsgewitter" zerreißt einen das Herz, klebt es wieder zusammen und man leidet mit, fühlt mit und steht schlussendlich vor einem Ende, welches auch dem Realismus trotz all der überbordenden Dramatik, Raum gibt. Pointen, die einen umwerfen, die man kommen sah, deren Beschreibung aber einen die Grausamkeit klar machen. Und doch, steckt darin noch Hoffnung. Hoffnung, die einen zum Lächeln bringt.

Fazit

"Gefühlsgewitter" von Ally Taylor ist so wie ein perfekter "New Adult"-Roman sein sollte. Die richtige Menge an Klischees, die nötige Portion Liebe und vor allem Dramatik, die einen mitnimmt. Eingebettet in Gefühlen, so wundervoll formuliert, dass einen das Herz zerbricht und man nur noch fühlt statt nur liest. New Adult at its best!

★★★★

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